Durch eine erfolgreiche Crowdfunding-Finanzierung ist ein einzigartiges Generationsporträt entstanden. Das Designbuch „Mein Name ist Eugen“ behandelt 13 Blickwinkel russlanddeutscher Jugendlicher auf Herkunft, Heimat und Identität.

In Kasachstan nannten sie ihn Jewgeni, in Deutschland wurde er im Alter von sechs Jahren zu Eugen – so wurde er in der Schule gerufen, und so stellte er sich Freunden vor. Zuhause blieb er jedoch Schenja. Eugen Litwinow nur einer von vielen Russlanddeutschen, die bei ihrer Immigration nach Deutschland den Namen wechselten.

Irgendwann fragte sich Eugen Litwinow, ob er mit dem Namen auch die Identität wechselte: „Mein Vater hat mir später erzählt, dass mein Charakter sich durch die Namensänderung stark verändert hat. Seit diesem Augenblick frage ich mich: Ist Eugen ein anderer Mensch, als es Jewgeni gewesen wäre?“. Er begann zu forschen: wie geht es den anderen Russlanddeutschen mit Namensänderung, wie geht es anderen Jewgenijs, die plötzlich den alten deutschen Namen Eugen tragen?

Schenja ist ein „Kindername“

Eugen Litwinow machte sich auf die Suche nach ihnen. Über soziale Netzwerke im Internet hatte er ungefähr 200 Eugens ausfindig gemacht, die in NRW leben. Mit ungefähr 100 von ihnen stand er über ein Jahr lang in Kontakt und tauschte auch eigene Erfahrungen mit ihnen aus. Von ihnen hat er 13 Jugendliche und junge Erwachsene, die im Kindsalter nach Deutschland gekommen waren, zu Protagonisten seines Buchprojektes gemacht.

„Ich versuche durch dieses Projekt auf meine Generation der jungen Russlanddeutschen aufmerksam zu machen beziehungsweise einen viel persönlicheren Zugang zu schaffen, als man ihn bisher kennt. Die Generation, die im Kindesalter nach Deutschland kam, konnte sich viel einfacher integrieren, wird dann aber stärker mit der Frage konfrontiert, mit welcher Kultur sie sich identifiziert.

Mit dem erfolgreichen Druck des Buches „Mein Name ist Eugen“ meldete sich der erste Eugen ohne russlanddeutsche Verwandtschaft. Der 26-jährige weiß aus eigener Erfahrung, dass sein Vorname wie ein Erkennungszeichen für Angehörige der Russlanddeutschen funktioniert. „Erst letztens habe ich auf einer Sylvesterparty einen Eugen getroffen, der mich auch gleich Schenja nannte. Für mich war Schenja immer ein Name, der mit meiner Kindheit verbunden war“. In Deutschland wurde er erwachsen und Eugen genannt, für den Vater blieb er noch lange Schenja.

Buch ist Designerstück

In vier Kapiteln verarbeitet er die verschiedenen Sichtweisen der 13 Eugens. Dabei sind die Interviews so aufgebaut, dass ein Dialog zwischen den verschiedenen Figuren entsteht. Sie sprechen über das Aufwachsen in der ehemaligen Sowjetunion, ihre Ansichten zum Namenswechsel und über ihr Leben in Deutschland. Damit dokumentiert das Buch die Chancen und Probleme, die entstehen, wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst.

Es ist ein Auszug der Geschichte der Russlanddeutschen und zugleich ein Teil der deutschen Integrationspolitik. Bei der Recherche war es für Eugen Litwinow besonders interessant, junge Erwachsene kennenzulernen, denen es genauso erging wie ihm selber, die aber nicht unbedingt immer gleich dachten. „Einer meiner Interviewpartner kam mit 13 nach Deutschland. Er war der Einzige, bei dem nicht die Eltern die Namensänderung beschlossen haben, sondern er selber. Er ist da ganz pragmatisch rangegangen: Er wollte nicht, dass die Leute Vorurteile haben, wenn sie seinen Namen irgendwo lesen.

Nicht nur inhaltlich sticht das Buch durch seine besondere Herangehensweise an die russlanddeutsche Thematik hervor: Eindringliche Portraits der 13 Eugens unterstützen die Interviews, und unterschiedliche grafische Gestaltungsmittel machen das Buch zu einem Designerstück. Grafische Hilfe fand Eugen Litwinow schon während des Studiums an der FH Dortmund mit den Gestaltern Fabian Körper und Jonas Herfurth. Als Team arbeiteten sie gemeinsam an dem Projekt und erhielten bereits mehrere De-signauszeichnungen.

Vorverkauf war erfolgreich

Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Aktion haben sie 9.500 Euro über das Portal „Startnext“ gesammelt. Somit konnten sie das Buch im Selbstverlag mit einer Auflage von 1.500 Exemplaren drucken. Davon hat Eugen bereits um die 500 Bücher verkauft.
Sein Buchprojekt hatte er vor vier Jahren im Rahmen einer Abschlussarbeit an der FH Dortmund begonnen, nun fassen er und sein Teamkollegen neue Pläne, unter anderem eine Wanderausstellung. Zehn Prozent der Auflage sollen an kulturelle Einrichtungen mit dem Schwerpunkt russlanddeutsche Integration, wie Vereine, Schulen, Forschungsinstitute und Museen verschickt werden. Das Buch „Mein Name ist Eugen“ ist ein authentisches Generationsporträt, das einen modernen Zugang zur russlanddeutschen Geschichte ermöglicht. Auf Bestellung  ist es auf der Seite www.mein-name-ist-eugen.com/shop erhältlich.

Von Larissa Mass und Dominik Vorhölter