Die Strategie „Kasachstan-2050 – der neue politische Kurs eines gefestigten Staates“ von Präsident Nursultan Nasarbajew kündigt ein neues sozialpolitisches Modell an. Um gesellschaftliche Stabilität und Zustimmung zu garantieren, sind u. a. folgende Neuerungen geplant: Verbesserung der medizinischen Ausbildung, Modernisierung der Beschäftigungspolitik und des Arbeitsmarktes sowie eine gezielte soziale Unterstützung. Die Umsetzung dieser Aufgaben ist nicht nur für die Regierung der Republik Kasachstan von Belang, sondern auch für ethno-kulturelle Vereinigungen wie „Assoziation der gesellschaftlichen Vereinigungen der Deutschen in Kasachstan ´Wiedergeburt´“. Diese hat im Laufe der vergangenen Jahre eine Reihe von sozialen Projekten erfolgreich realisiert. Die „Wiedergeburt“ verfolgt darüber hinaus das Ziel, das europäische Sozialmodell in Kasachstan einzuführen. Alexander Dederer, Vorsitzender des Vereins der Deutschen in Kasachstan, erzählt über die Erfahrungen und die Pläne der deutschen Volksgruppe bei sozialen Dienstleistungen.

– Alexander Fjodorowitsch, eine der letzten Initiativen Ihres Vereins war der Vorschlag, Sozialarbeiter in Bildungszentren nach europäischen Standards auszubilden. Erzählen sie bitte mehr über dieses Projekt!

Alexander Dederer.

– Bereits seit vielen Jahren arbeitet die „ Wiedergeburt“ als sozialer Dienstleister für die Bevölkerung anhand einzigartiger, europäischer Methoden. In dieser Zeit sammelten wir enorme Erfahrungen, vor allem in der Vorbereitung von Sozialarbeitern, die im Rahmen der Projekttätigkeit ADK „Wiedergeburt“ in ganz Kasachstan arbeiten. Für das Programm zur sozialen Modernisierung der Gesellschaft hat die „Wiedergeburt“ das Projekt der Bildungszentren initiiert. Hier werden auf der Basis von Erfahrungen aus Deutschland Sozialarbeiter ausgebildet.
Das soziale Modell Deutschlands ist ziemlich kompliziert, die Interessen der vielen Volksschichten, des Staates, sowie der Kostenträger sind harmonisch miteinander verbunden. Die Effizienz dieses Modells ist allgemein bekannt und anerkannt. Deutschland ist das beste Vorbild der sozialen Gesellschaft. Wir, die Deutschen in Kasachstan, bemühen uns, einen Beitrag zur Umsetzung des staatlichen Programms der gesellschaftlichen Modernisierung zu leisten, indem wir unsere Erfahrungen nutzen.
Derzeit führen wir Gespräche mit den Vertretern der Behörden und der Verwaltung von Kasachstan und Deutschland, ebenso wie mit dem zivilen Sektor. Meiner Meinung nach ist die Schaffung eines Bildungsnetzwerks für Sozialarbeiter der erste Schritt auf dem Weg zur Bildung eines sozialen Modells und zur Ausbildung zahlreicher, professioneller Sozialarbeiter.

– Inwiefern ist dieses Projekt Ihrer Meinung nach notwendig? Wird der Bedarf an Sozialarbeitern durch die bestehenden Bildungseinrichtungen Kasachstans nicht gedeckt? 

– In der Republik Kasachstan gibt es nur in den Hochschulen soziale Fakultäten. Die Spezialisten gehören sozusagen zur Oberschicht. Hauptsächlich arbeiten sie alle im Managementsektor der sozialen Arbeit. Doch es gibt keine Bildungseinrichtungen, die jene Sozialarbeiter vorbereiten, welche direkt den Betroffenen helfen. Oft kommen Leute in diesen Beruf, die nicht nur keine Ausbildung, sondern auch keinerlei Vorwissen besitzen. In regelmäßigen Zeitabständen gewinnen einige öffentliche Organisationen Geldmittel für die Ausbildung von Sozialarbeitern, darunter auch wir, aber das ist natürlich zu wenig. Ein effizientes System der Ausbildung von Sozialarbeitern soll geschaffen werden. Nach unserer Analyse arbeiten 360 Sozialarbeiter in Almaty. Das ist sehr wenig. Schließlich braucht täglich eine große Anzahl an Senioren und Menschen mit Beeinträchtigungen Hilfe und Unterstützung.

– In Deutschland ist die Sozialarbeit eine angesehene und gut bezahlte Arbeit. In Kasachstan fehlt dieses Verständnis. Wie kann man Ihrer Meinung nach diesen notwendigen Beruf populärer machen?

– Natürlich ist das schwierig. Man muss eine Reihe von Maßnahmen durchführen, doch wichtig ist, überhaupt damit anzufangen. Ich denke, dass wir durch die Ausbildung mehr Leute in diesen Beruf locken können. Die Anwesenheit eines Diploms wird sich dann auch auf die Lohnhöhe auswirken.

– Viele Jahre kooperiert die ADK „Wiedergeburt“ bereits mit der renommierten Organisation der Europäischen Schulen (ESO). Was ist die Rolle der ESO in der Umsetzung dieses Projektes?

– Wir arbeiten seit Jahren mit der ESO, die etwa 1.000 Einrichtungen in ganz Europa hat, zusammen. Wir haben die ESО als unseren Partner gewählt, weil sie eine wissenschaftlich fundierte Methodik haben, entsprechendes Anschauungsmaterial sowie die gesamte, notwendige technische Basis. Wir wollen diese Erfahrung in der Entwicklung des Bildungs-Netzwerks für Sozialarbeiter in Kasachstan nutzen. Derzeit haben wir ein Protokoll über die Absicht zur Zusammenarbeit mit den Ministerien für Arbeit und Sozialschutz, für Bildung und dem Gesundheitsministerium der Republik Kasachstan unterschrieben. Ich möchte betonen, dass die Bürgerinitiative von der Assoziation der Deutschen bei einem Treffen in Astana die höchste Bewertung aller Diskussionsteilnehmer bekommen hat. Der Wunsch wurde geäußert, unsere Initiative bei der Erreichung bestimmter Ergebnisse zu unterstützen. Im aktuellen Prozess werden gegenseitige Verträge entwickelt; unser Partner ESO aus Bitterfeld-Wolfen (Deutschland) bereitet das Projekt vor.

– Inwiefern sind System und Methodik der ESO für Kasachstan adaptiert? Denn in Deutschland ist nicht nur das Netz der sozialen Arbeiter gut entwickelt, sondern es gibt auch viele Hilfsmittel für die Pflege von kranken und alten Menschen.

Lilia Gontscharuk, Vorsitzende der „Wiedergeburt” in Semei und Walentina Koschenowa, Sozialarbeiterin der „Wiedergeburt” Almaty.

– Im Verlauf der langjährigen Zusammenarbeit hat die ESO Spezialisten in unsere Republik entsandt, die Traditionen untersuchten und daran arbeiteten, die Methodik an die Bedingungen in Kasachstan anzupassen. Gemeinsam haben wir eine Reihe von Lernprojekten durchgeführt und etwa 300 Spezialisten ausgebildet, die im Moment als Multiplikatoren arbeiten und die gesammelten Erfahrungen vermitteln. Viele Führungskräfte in sozialen Diensten sind mit diesen Methoden vertraut und haben sie schätzen gelernt. Wir haben, wie bereits erwähnt, hohe Bewertungen bekommen. Außerdem haben wir alle notwendigen Lehrmittel, in denen die Informationen gesammelt sind, ebenso wie bisher nicht bekannte und verwendete Mittel für die soziale Arbeit in Kasachstan.

– Welche konkreten Schritte müssen gemacht werden, um dieses Projekt zu realisieren?

– Um bestimmte Ergebnisse zu erreichen, muss eine staatliche, soziale Ausbildung der Fachkräfte im sozialen Bereich geschaffen werden. Ein Bildungs-Netzwerk könnte auf der Grundlage der bereits vorhandenen medizinischen Hochschulen geschaffen werden. Dort könnten weitere Fakultäten für die Ausbildung in der Fachrichtung „Sozialarbeiter“ eröffnet werden.

Wir glauben, dass durch professionell ausgebildete Fachkräfte die Idee der gesellschaftlichen Modernisierung realisiert werden könnte. Außerdem muss der Wirtschaftssektor bei der Erbringung von Sozialleistungen in die Verantwortung gezogen werden. Das soziale Modell Deutschlands ist eng sowohl mit den verschiedenen Gruppen der Bevölkerung verbunden, als auch mit der Wirtschaft. Es basiert auf einer paritätischen Finanzierungsbasis, das heißt, 50 Prozent werden von Seiten des Staates und 50 Prozent von privater Seite finanziert. In unserem Land liegt leider alle Verantwortung beim Staat. Doch darf man das Potential sowohl in der Privatwirtschaft als auch in sozialen Organisationen nicht vergessen. In Deutschland spielen verschiedene Fonds, religiöse Organisationen und Ehrenamtliche eine große Rolle im sozialen Bereich. Sie alle erkennen die Hilfeleistung für die bedürftigen Menschen als ihre Pflicht an. Deshalb ist es wichtig, aktiv in der Erziehung der Gesellschaft zu werden – im Geiste der Mitverantwortung und der Moralprinzipien, die sowohl im Christentum als auch im Islam vorhanden sind. Beide Religionen predigen Mildheit, Selbstlosigkeit, Pflichtbewusstsein gegenüber seinem Nächsten. All dies muss aus dem theoretischen Rahmen ausbrechen und in die Praxis, also in echte Bürgerinitiativen, übergehen.

– Alexander Fjodorowitsch, vielen Dank für das Interview. Viel Erfolg bei der Umsetzung Ihrer Initiativen!

Interview: Olesja Klimenko.

Überzetzung: Wsewolod Obolenski.