Weltweit rutschen die Börsen ab, während der Ölpreis crasht. Vor allem letzteres ist auch für Kasachstan ein Problem. Die Nationalbank sieht sich zum Handeln gezwungen.

Corona-Crash, Blutbad am Ölmarkt, Market Mayhem – die Kreativität der Wortschöpfungen kennt keine Grenzen, wenn Beobachter versuchen, den schwärzesten Handelstag an den Finanzmärkten seit der Krise 2008 zu beschreiben. Der deutsche Leitindex verlor am gestrigen Montag in der Spitze bis zu zehn Prozent, um schließlich mit einem Minus von immer noch knapp acht Prozent aus dem Handel zu gehen. Nicht besser sah es in Übersee aus, wo der S&P 500 und der Dow Jones mehr als 7,5 Prozent einbüßten.

Vorangegangen war dem gestrigen Kollaps eine Verschärfung der Corona-Krise am Wochenende, einhergehend mit neuen Maßnahmen in immer mehr bedeutenden Industrieländern, die eine schwere Beeinträchtigung des Wirtschaftslebens bis hin zur weltweiten Rezession fürchten lassen. In Deutschland forderte Gesundheitsminister Jens Spahn nach Beratungen mit führenden Virologen, Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmern abzusagen. Im Nachbarland Frankreich verhängte die Regierung gar ein Verbot für solche Veranstaltungen, was sich zum Beispiel auf das Champions-League-Rückspiel zwischen Paris St. Germain und Borussia Dortmund auswirkt, das morgen Abend vor leeren Rängen stattfinden wird. Betroffen sind natürlich auch Messen und Konzerte. Die schärfsten Maßnahmen ergriff die italienische Regierung, indem sie große Teile des italienischen Nordens unter Quarantäne stellte. Inzwischen hat sie die Maßnahme auf das ganze Land ausgeweitet.

In Amerika, wo inzwischen auch die ersten Todesfälle durch das neuartige Virus bekannt geworden sind, konnte Präsident Donald Trump die Nerven der Anleger nicht beruhigen. Anders als im Dezember 2018, als inmitten einer starken Abverkaufswelle viele Käufer seiner „buy the dip!“-Aufforderung gefolgt waren, überzeugten seine Beschwichtigungsversuche bislang nicht. Trump führte die Markthysterie am Montag auf die Corona-Berichterstattung der „Fake News“-Medien und den neu entflammten russisch-saudischen Preiskampf ums Öl zurück.

Ölpreis erlebt stärksten Einbruch seit 1991

Tatsächlich verschärften neben Corona auch die geplatzten Verhandlungen zwischen den OPEC-Staaten und Russland die Verwerfungen an den Finanzmärkten. Am Freitag hatten beide Seiten erfolglos über eine weitere Drosselung der Ölfördermengen beraten. In den vergangenen drei Jahren hatten diese Absprachen zumindest zu einer Stabilisierung des Ölpreises geführt – von zweitweise knapp unter 30 US-Dollar pro Barrel der Nordseesorte Brent auf ein Zwischenhoch von 75 US-Dollar im August 2018. Über weite Strecken des Jahres 2019 pendelte er um die Marke von 60 US-Dollar – ein Preisniveau, auf dem Energieriesen wie Royal Dutch Shell, BP, aber eben auch Gazprom als profitabel gelten.

Gazprom zum Beispiel hatte einen 2018er-Gewinn je Aktie in Höhe von 65,89 Rubel erzielt und konnte im vergangenen Jahr die Dividende für seine Aktionäre um satte 60 Prozent auf 16,61 Rubel erhöhen. Weil dies einem Ausschüttungsverhältnis von lediglich 25 Prozent entspricht und der russische Staat längerfristig ein Ausschüttungsverhältnis von 50 Prozent fordert, sorgte dies für viel Phantasie. Der Börsenwert konnte sich binnen weniger Monate fast verdoppeln; zusammen mit anderen  Titeln sorgten die Gazprom-Papiere dafür, dass der russische Aktienindex RTS 2019 alle anderen Länderindizes überflügelte.

Russen und Saudis eröffnen Preiskampf

Diesmal jedoch kam alles anders. Am Freitag signalisierte Russland den OPEC-Staaten, dass es nicht zu einer weiteren Förderdrosselung bereit sei. Der staatliche saudische Ölkonzern Saudi-Aramco, der im Dezember den größten Börsengang der Welt vollzogen hatte, läutete daraufhin am Samstagabend den Preiskampf ein. Er verkündete eine Verbilligung der Lieferungen nach Nordwesteuropa um acht Dollar je Barrel. Am Sonntag berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider von saudischen Plänen, die Ölfördermenge im April auf deutlich über 10 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen. Bislang lag sie bei 9,7 Millionen Barrel pro Tag.

Die Folge war der größte Einsturz des Ölpreises seit dem Beginn des Irakkriegs 1991. Über 30 Prozent ging es für Brent und sein amerikanisches Pendant WTI in der Spitze bergab. Folglich waren es vor allem die russischen Big Caps, die am Montag Federn ließen. Zwar blieb die Moskauer Börse an dem Tag wegen eines Feiertags geschlossen. Die auf US-Dollar lautenden Äquivalente zu Papieren von Gazprom, Lukoil, aber etwa auch der Sberbank an ausländischen Börsenplätzen knickten um teils mehr als 20 Prozent ein. Am Dienstag eröffnete die Moskauer Börse mit einem Minus von rund zehn Prozent, beim RTS-Index waren es sogar 13 Prozent.

Kasachstans Nationalbank steuert gegen

Freilich geriet auch der russische Rubel unter Druck. Gleiches gilt für die Währung des ebenfalls stark von Rohstoffpreisen abhängigen Kasachstan. Ein Euro kostete am Dienstag rund 440 Tenge, am Freitag waren es noch 425, was sich aber im Vergleich zu früheren Abwertungen sehr bescheiden ausnimmt. Etwa, als der Tenge im Zuge des Ölpreisverfalls von 2014 im Februar an einem Tag um 19 Prozent absackte.

Erklären lässt sich das mit einer anderen Politik der Nationalbank, die sich nun zum Handeln gezwungen sah, um Schaden von der kasachischen Wirtschaft abzuwenden. Auf einer Sondersitzung beschloss sie heute eine Anhebung des Leitzinses auf 12 Prozent bei einer Schwankungsbreite von 1,5 Prozent nach beiden Seiten, wie Notenbankchef Erbolat Dosajew am Morgen verkündete. Die Erhöhung war nicht im Voraus geplant. Der nächste planmäßige Zinsentscheid hätte ursprünglich am 16. März verkündet werden sollen. Dosajew begründete den Schritt mit der „Notwendigkeit, die Preisstabilität zu unterstützen und den Wechselkurs des Tenge zu schützen.“ Dieser sei einem erhöhten Risiko ausgesetzt, weil in der aktuellen Situation auch die Nachfrage nach kasachischen Rohstoffexporten bedroht sei. „Der Fall der Rohstoffpreise führt zu einer Verschlechterung des Finanzbudgets, das laut den Ergebnissen des Vorjahres ein Defizit von 5,5 Milliarden US-Dollar aufweist“, so der Notenbankchef über den Zusammenhang zwischen Ölpreis und Wechselkurs.

Weitere Entwicklung nicht vorhersehbar

Am heutigen Dienstag haben sich die Börsen weltweit ebenso wie der Ölpreis stabilisiert. Brent notiert aktuell mit einem Plus von rund neun Prozent bei 37,7 US-Dollar pro Barrel. Der Dax und die US-Futures notieren ebenfalls deutlich im Plus, während Gold, das als „sicherer Hafen“ zuletzt mehrfach durch die Decke ging, auf hohem Niveau pausiert. Wie nachhaltig die charttechnischen Gegenbewegungen am Aktien- und Rohstoffmarkt nach dem gestrigen Schwarzen Montag sind, wird sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen. Entscheidend wird dabei freilich sein, ob es gelingt, die Infektions- und Sterberaten beim Coronavirus einzudämmen und wie drastisch restriktive Maßnahmen zu diesem Zweck ausfallen. Zudem werden wohl die Unternehmensberichte für das abgelaufene erste Quartal ab April zeigen, wie stark sich die Unterbrechung der Lieferketten bislang auf die Weltwirtschaft ausgewirkt hat.

Christoph Strauch