Die Sache mit Sprache und Nation: damals und heute (Teil 1/2)

Die administrativen Grenzen der Sowjetunion stimmten oft mit den ethnischen Grenzen überein.
Die administrativen Grenzen der Sowjetunion stimmten oft mit den ethnischen Grenzen überein. | Quelle: GeoMan.ru und MapinMap.Ru

Schon seit der Unabhängigkeit Kasachstans beschäftigt die kasachische Regierung die Frage, wie man mit den in Kasachstan lebenden Nichtkasachen und deren Bedürfnissen umgehen sollte, ohne die Integrität des neuen Staates zu gefährden. Dabei war man sich der ethnolinguistischen Geschehnisse der zusammengebrochenen Sowjetunion jedenfalls bewusst.

Bereits als sich die Oktoberrevolution 1917 ankündigte, fragte sich die bolschewistische Führung rund um Lenin, was man mit den vielen Völkerschaften, von den Polen im Westen bis zu den Tschuktschen im hohen sibirischen Nordosten, von denen zahlreiche dem russischen Zarenreich feindlich gesinnt und somit wichtig für den Erfolg der kommunistischen Revolution waren, tun sollte.

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Stärkung der Ethnie/Sprache – Stärkung des Staates?

Sprache spielte bei diesen Überlegungen stets eine besondere Rolle. Lenin zielte darauf ab, die verschiedenen Völkerschaften durch die Stärkung und Alphabetisierung ihrer Sprachen zu fördern und somit ihre Unterstützung des neuen Staates zu erreichen. Es gab auch die Bestrebung, die Besonderheit der Völkerschaften zu institutionalisieren. Administrative Grenzen wurden oft anhand von ethnischen Linien gezogen, um den verschiedenen Gruppen ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln.

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Die administrativen Grenzen der Sowjetunion stimmten oft mit den ethnischen Grenzen überein.
Die administrativen Grenzen der Sowjetunion stimmten oft mit den ethnischen Grenzen überein. | Quelle: GeoMan.ru und MapinMap.Ru

Zum ersten Mal ein offiziell begrenztes Gebiet zu haben, Landsleute in staatlichen Ämtern arbeiten zu sehen und mit ihnen in der eigenen Sprache sprechen zu können – dass dadurch die Verbundenheit zur ethnonationalen Gruppe stärker wurde, ist wenig überraschend. Die in den dreißiger Jahren eingeführten Inlandspässe, die auch die ethnische Zugehörigkeit eines Bürgers dokumentierten, waren im Endeffekt auch eine tägliche Erinnerung an die Gruppenidentität. Lenins Plan war, durch eine Stärkung der nationalen Gruppen und ihrer Sprachen deren allmähliche Annäherung aneinander zu veranlassen, um somit das endgültige Ziel, das Entstehen einer sowjetischen nationalen Identität, zu erreichen.

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Schwächung der Ethnie/Sprache – Stärkung des Staates?

Sein Nachfolger Stalin hatte dasselbe Ziel im Visier, auch wenn er nicht selten brutale Methoden verwendete, um den Prozess zu beschleunigen. Auch Stalin sah Sprache als nationendefinierenden Aspekt – er ging sogar so weit zu sagen, dass eine Nation ohne gemeinsame Sprache keine Nation sein kann. Weitere Kriterien für die Existenz einer Nation waren ihm zufolge ein gemeinsames Territorium, ein gemeinsames Wirtschaftsleben und eine „gemeinsame psychische Wesensart“, eine Art „Nationalcharakter“.

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Dass er von dieser Konzeptualisierung der Nation überzeugt war, schlägt sich auch in seiner Nationalitätenpolitik nieder. Sein Vorhaben, das Entstehen der sowjetischen Nation zu beschleunigen, versuchte er zu erreichen, indem er einen oder mehrere nationsdefinierende Faktoren entfernte. Dabei schien er nicht viele Grenzen zu kennen; intensivierter Unterricht auf Russisch, um die Muttersprache der nichtrussischen Völker in den Hintergrund zu drängen (auch bekannt als „Russifizierung“) und Zwangsdeportationen, die darauf abzielten, eine Völkerschaft (zum Beispiel die Wolgadeutschen) ihres Territoriums zu entledigen und dazu zu veranlassen, mit der am Zielort ansässigen Bevölkerung auf Russisch zu kommunizieren – das sind zwei bekannte Beispiele seines Plans der nationalen Vereinheitlichung.

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Kasachstan war dabei oft das Ziel dieser Deportationen – wahrscheinlich, weil hier, genauso wie in Sibirien, ein starker (geo-)psychologischer Kontrast zu den ursprünglichen Gebieten der zu deportierenden Völker bestand. Die koreanische Bevölkerung der Sowjetunion zum Beispiel, die als eine der ersten unter Massendeportationen leiden musste, konnte in der kasachischen Steppe kaum ihrer Spezialisierung, dem Fischfang und Anbau von Reis, nachgehen und musste psychologisch eine komplett neue Existenzbasis finden – wenn sie die Deportation überhaupt überlebt hatte. Genauso mussten die Wolgadeutschen, die es bisher gewohnt gewesen waren, in konfessionell homogenen (lutherischen, katholischen oder mennonitischen) Siedlungen zu leben, sich mit den multikonfessionellen Gemeinden, in denen sie oft landeten, arrangieren.

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Linguistische Identität vs. linguistische Realität

Ein Plakat von Gustav Klutsis aus dem Jahr 1935: „Es lebe die UdSSR – das Vorbild der Bruderschaft aller arbeitenden Völkerschaften der Welt!“ Von der Bruderschaft, die in diesem aus der Sprache Mari übersetzten Plakat porträtiert wird, war in soziolinguistischer Hinsicht nicht viel zu sehen – Sprechverbote der Nationalsprache, Diskriminierungen und Repressionen von Völkerschaften kamen in der Sowjetunion nicht nur einmal vor.
Ein Plakat von Gustav Klutsis aus dem Jahr 1935: „Es lebe die UdSSR – das Vorbild der Bruderschaft aller arbeitenden Völkerschaften der Welt!“ Von der Bruderschaft, die in diesem aus der Sprache Mari übersetzten Plakat porträtiert wird, war in soziolinguistischer Hinsicht nicht viel zu sehen – Sprechverbote der Nationalsprache, Diskriminierungen und Repressionen von Völkerschaften kamen in der Sowjetunion nicht nur einmal vor. | Quelle: livejournal.com

Das erhoffte Resultat war offensichtlich: eine vereinfachte ethnische Landschaft, verursacht durch sprachliche Vereinfachung und durch die Stärkung des Russischen als Sprache der Sowjetvölker, die einer sowjetischen Identität den Weg zur Legitimierung erleichtern würde. Das wäre auch wahrscheinlich passiert, hätte Stalin mit seiner Konzeptualisierung der Nation Recht gehabt.

Die deportierten Volksgruppen machten da jedoch nicht mit – zu offensichtlich war es, dass sie sich von den bereits Ansässigen ethnisch unterschieden. Die Tatsache, dass sich in ihren Inlandspässen ein Vermerk der Deportation fand, war nur eine weitere tägliche Erinnerung daran, dass man anders als die einheimischen Kasachen ist. Auch wenn versucht wurde, diese Unterschiede auf offizieller Ebene zu vermindern (etwa durch ein Verbot der deutschen Sprache), so blieben sie in manchen Fällen im Versteckten bestehen. Obwohl Russisch als lingua franca die Sprache der interethnischen Kommunikation wurde, so änderte dies nichts an der (nicht immer offensichtlich gezeigten) ethnischen und nationalen Identifizierung der Deportierten. Das hat Stalin wohl so nicht erwartet.

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Auch nach seinem Tod 1953 veränderte sich nicht viel an der Situation. Interessanterweise schien die nichtrussische Bevölkerung trotzdem an Stalins Idee einer Nation zu glauben. Überzeugt von der Notwendigkeit einer eigenen Sprache, um als Nation zu gelten, gaben Nichtrussen gerne ihre Nationalsprache als Muttersprache an, selbst wenn dies nicht der Fall war. Die Burjaten, eine mongolische Volksgruppe, in der Nähe von Irkutsk ansässig, dienen hier als gutes Beispiel: 1989 gaben 90% der Burjaten Burjatisch als ihre Muttersprache an – dabei konnte man zu dieser Zeit die Burjatische ASSR durchreisen, ohne auch nur ein einziges Wort Burjatisch zu hören. Der Glaube an die unabdingbare Kongruenz zwischen ethnonationaler und linguistischer Identität war so stark, dass sich die Soziolinguistik gegen die reine Linguistik, die Stalin wahrscheinlich im Kopf hatte, durchsetzte.

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Wann Identität ohne Sprache möglich ist

Das heißt, Stalins Konzept der Nation war, so schien es, in der Sowjetunion zum Scheitern verurteilt. Nationale Identität geht auch ohne Sprache. Sie formiert sich in erster Linie durch Gruppenmitgliedschaft. Teil einer Gruppe zu sein, heißt, sich mit dem Wesen und Wohlbefinden ebendieser Gruppe auseinanderzusetzen. Nun ist offensichtlich, dass für solche Auseinandersetzungen Kommunikation von ausgesprochener Wichtigkeit ist – wenn man sein Verständnis der Nation und somit seiner eigenen Gruppenidentität stärken und perpetuieren möchte, muss man mit anderen Gruppenmitgliedern kommunizieren können.

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Ob das nun auf Burjatisch oder Russisch oder sonst irgendeiner Sprache geschieht, ist dabei nicht so relevant. Wichtig ist nur, mit Leuten seinesgleichen zu kommunizieren, denn damit erhält man die Identität. Natürlich ist dies öffentlich einfacher zu erreichen, aber wie z.B. der Fall der Deutschen in Kasachstan zeigt, ist es möglich, dies zeitweise auch versteckt zu tun.

Die Sprach- und Nationalfrage beschäftigte die Führung seit Beginn der Sowjetunion. Die desaströsen Handlungen der dreißiger und vierziger Jahre und die Versuche der linguistischen und ethnischen Vereinheitlichung hatten weitreichende Folgen, die bis in die heutige Zeit reichen. Das Resultat der sowjetischen Ära in Kasachstan: ein neuer Staat, der nun einen Weg finden musste, für Stabilität im Kontext der zahlreichen ethnischen Gruppen mit ausgeprägter und kongruenter ethnischer und linguistischer Identität zu sorgen. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in der nachfolgenden Ausgabe.