Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung hat der Historiker Viktor Krieger im Rahmen des Dossiers „Russlanddeutsche“ die Dokumentation „Russlanddeutscher Samisdat“ veröffentlicht. „Samisdat“ (vom Russischen samisdatel – Selbstverleger) ist Ausdruck politischer und kultureller Opposition mit dem Ziel, eigene, systemkritische Gedanken oder künstlerische Werke einem möglichst breiten Leser- und Zuschauerkreis nahezubringen.

Zusammenfassung von Nina Paulsen, Volk auf dem Weg

Die Deutschen in der UdSSR haben eine beachtliche Zahl an unzensierten Schriften im Zuge der Autonomie-, Ausreise- und Religionsbewegung produziert. Das war umso bemerkenswerter, weil im Vergleich zu den anderen etablierten Nationalitäten die Deutschen sich in einer ungleich schwierigeren Situation befanden: Die nach 1941 eingesetzte deutschfeindliche Politik des Sowjetstaates vernichtete historisch gewachsene wirtschaftliche, sprachliche und soziokulturelle Räume an der Wolga, auf der Krim, in der Ukraine, im Nord- und Transkaukasus, liquidierte alle nationalkulturellen und Bildungsinstitutionen. Der genossenschaftliche und private Besitz der Deutschen wurde restlos konfisziert, Objekte materieller und geistiger Kultur zerstört oder zweckentfremdet, deutschsprachige Bücher und Zeitungen aus privaten und öffentlichen Bibliotheken fast komplett vernichtet, muttersprachlicher Schulunterricht verboten.

In der Dokumentation wird zum ersten Mal ein Querschnitt der unzensierten politischen Schriften der russlanddeutschen Minderheit aus den 1950er bis 1980er Jahren in deutscher Übersetzung präsentiert. Es handelt sich um 24 Texte, die in dieser Quellensammlung in vollem Umfang oder verkürzt dargelegt werden. Alle veröffentlichten Quellen sind mit ausführlichen Kommentaren versehen. Die Dokumentation enthält zahlreiche Fotos und Abbildungen von Originalmanuskripten. Im Vorwort werden historische Rahmenbedingungen, die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung dieser Samisdat-Schriften nachgezeichnet.

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Die Samisdat-Dokumente setzen sich schwerpunktmäßig mit Fragen der nationalen Gleichberechtigung, der Problematik der Menschen- und Bürgerrechte, dem Kampf um die Wiederherstellung der Autonomen Wolgarepublik und dem Recht auf freie Ausreise ins Ausland auseinander. Zurückzuführen ist das Phänomen auf die Tatsache, dass die sowjetische Partei- und Staatsführung auch nach Stalins Tod im Jahr 1953 der deutschen Minderheit eine materielle, politische, rechtliche und nicht zuletzt moralische Wiedergutmachung verweigerte. Die Nachkriegszeit war durch gravierende Benachteiligungen im soziokulturellen und Bildungsbereich gekennzeichnet, was zu einer starken intellektuellen Rückentwicklung führte.

Die Geschichte, ja die Existenz selbst der Deutschen in der Sowjetunion wurde totgeschwiegen, etwa der Dienst von Zehntausenden Deutschen in der Roten Armee während des Bürgerkrieges, in der Zwischenkriegszeit und während des deutsch-sowjetischen Krieges. Auch die Deportationen, die Mobilisierungen zur Arbeitsarmee und der aufopferungsvolle Einsatz der Deutschen im Hinterland fanden in wissenschaftlichen und enzyklopädischen Werken, in russischsprachigen Zeitungen oder in Fernseh- und Filmproduktionen keine Erwähnung.

Ungeachtet zahlreicher Petitionen und mehrerer Delegationen der Deutschen nach Moskau, blieb in Bezug auf die Wiederherstellung der Wolgarepublik die ablehnende Haltung der Sowjetführung unverändert. Das führte nicht nur zu Resignation und zum Rückzug ins Private, sondern leitete bei manchen Deutschen einen Gesinnungswandel ein – von systemloyalen „Bürgern deutscher Nationalität“ (so die in der russischen Amtssprache gebräuchliche Bezeichnung) bis hin zu systemkritischen Oppositionellen und potenziellen Emigranten.

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Mit dem Ende der ersten Periode der deutschen Autonomiebewegung bekam die Ausreisebewegung ab Beginn der 1970er Jahre zunehmend Zulauf und Unterstützung, auch wenn dies zuerst vorwiegend bei den sogenannten Administrativumsiedlern und ihren Nachkommen der Fall war. Dazu zählten vor allem Schwarzmeerdeutsche, die 1941 unter reichsdeutsche bzw. rumänische Besatzung gerieten und 1943 bis 1944 mehrheitlich in den Warthegau umgesiedelt und eingebürgert wurden. Die Sowjetunion „repatriierte“ die Betroffenen – insgesamt mehr als 200.000 – in die UdSSR, hauptsächlich nach Sibirien oder in den hohen Norden. Nach Aufhebung des Sondersiedlerstatus Ende 1955 zogen viele in wärmere Gegenden, nach Zentral- und Südkasachstan oder Kirgisistan.

Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches erkannte diesen Personenkreis 1955 als „Deutsche im Sinne des Grundgesetzes“ an. Das leitete die Familienzusammenführung ein: Bereits bis 1957 sammelten sich in der Deutschen Botschaft in Moskau Anträge von über 80.000 „sowjetdeutschen“ Ausreisewilligen an. Nach dem Scheitern der Bemühungen um die Erlangung der nationalkulturellen Gleichberechtigung verstärkte sich ab Anfang der 1970er Jahre die Ausreisestimmung auch unter enttäuschten Autonomieanhängern. In der historischen Heimat Deutschland hoffte man, endlich als „Gleiche unter Gleichen“ (verbreitet auch als „Deutsche unter Deutschen“) leben zu können. Um eine Ausreisegenehmigung zu erkämpfen, waren die Betroffenen nicht selten bereit, erhebliche Risiken für sich selbst und die eigene Familie in Kauf zu nehmen. Eine Antragstellung zur Ausreise in die Bundesrepublik war in den Augen der Sowjetbehörden eine schwerwiegende antisowjetische Tat, trotz aller sowjetischen Bekenntnisse zu Menschenrechten und völkerrechtlichen Verträgen, etwa der Schlussakte von Helsinki, die die Sowjetunion 1975 unterschrieben hatte.

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In ihren Bemühungen erfuhr die deutsche Ausreisebewegung starke Unterstützung durch die politische Opposition in der UdSSR als Teil von deren Kampf um die Bürger- und Menschenrechte. Gerade in diesen Entspannungsjahren entfaltete sich die sowjetische Dissidentenbewegung, was sich u.a. in der Gründung des „Komitees für Menschenrechte in der UdSSR“ am 4. November 1970 oder der „Gruppe zur Förderung der Erfüllung der Beschlüsse von Helsinki in der Sowjetunion“ am 12. Mai 1976 zeigte. Einer der prominentesten Unterstützer der bedrängten Deutschen war der herausragende Wissenschaftler, Dissident und Nobelpreisträger Andrej Sacharow. In mehreren Eingaben an höchste sowjetische Stellen und in Appellen an ausländische Regierungen und internationale Organisationen machte er die Unterdrückung der deutschen Minderheit publik.

Trotz aller Hindernisse hatten bis 1986 insgesamt 95.107 Russlanddeutsche ihre Aussiedlung in die Bundesrepublik ertrotzt. Der Preis dafür war allerdings hoch: Unvollständigen Angaben zufolge wurden ab 1972 nicht weniger als 86 Personen für ihre Ausreisebemühungen strafrechtlich belangt und abgeurteilt, davon endeten zwei in einer psychiatrischen Anstalt, ein Ausreisewilliger wurde ermordet, und ein weiterer verstarb im Straflager. Tausende Aktivisten mussten häusliche Durchsuchungen, eine ständige Observierung, physische und psychische Gewalt, verleumderische Pressekampagnen, Berufs- und Studiumsverbote und nicht zuletzt auch den geballten Hass aufgehetzter Arbeitskollegen über sich ergehen lassen. Viele Selbstzeugnisse, die sich in privaten Sammlungen befanden oder die man erst vor kurzem in den Unterlagen von politischen Prozessen aus den 1970er und 1980er Jahren entdeckte, hat Viktor Krieger zum ersten Mal in seiner Dokumentation veröffentlicht.

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Die aufschlussreiche Quellensammlung ist thematisch gegliedert: Im Teil 1, der die größte Anzahl der Schriften zusammenfasst, geht es um den „Kampf um die Autonomie und für nationale und bürgerliche Gleichberechtigung“. So beinhaltet der „Appell der in der Sowjetunion lebenden Bürger deutscher Nationalität an die Organisation der Vereinten Nationen“ (18. Mai 1973) auch einen kurzen historischen Überblick über die Deutschen in Russland mit der Schlussfolgerung der Notwendigkeit der Ausreise in die historische Heimat, nach Deutschland. Das Schreiben stammt aus der Privatsammlung von Andreas Maser (München). In Kopie wurde dieser Appell dem zur gleichen Zeit eingereichten Gesuch an die höheren Partei- und Regierungsstellen mit der Bitte zur Erörterung des Problems der freien Ausreise der Russlanddeutschen beigefügt. Beide Teile enthalten eine Anlage mit Listen der Ausreisewilligen nach Deutschland mit ca. 7.000 Unterschriften der Familienoberhäupter.

Unter „Intellektueller Samisdat“ (Teil 2) gewährt Viktor Krieger Einblicke in den „Brief der deutschsprachigen Schriftsteller“ (März 1965), das Schreiben von „Konstantin Wuckert über das Alltags- und Berufsleben der Deutschen in Zentralasien und Beziehungen zu der einheimischen Bevölkerung“ (Juni 1976) oder die „Eingabe der Schauspieler und Mitarbeiter des Deutschen Theaters in Temirtau, Kasachstan, an den 27. Parteitag der KPdSU“ (Ende 1985 bis Anfang 1986). Der „Brief der deutschsprachigen Schriftsteller“ an den Vorstand des Schriftstellerverbandes der UdSSR wurde von einer Gruppe „sowjetdeutscher“ Schriftsteller (Friedrich Bolger, Boris Brainin, Dominik Hollmann, Edmund Günther, Herbert Henke, Victor Klein und Rudolf Jacquemien, allesamt Mitglieder des Schriftstellerverbandes der UdSSR) verfasst.

Er enthält nicht nur eine Beschreibung der unzulänglichen Lage der Deutschen in der Sowjetunion, sondern auch einen ganzen Katalog von „notwendigen Maßnahmen, die der Forderung der Zeit entsprechen“. Dazu gehörten Forderungen

  • der Gründung einer Sektion deutscher Schriftsteller beim Vorstand des Schriftstellerverbandes der UdSSR mit regelmäßig stattfindenden Seminaren,
  • einer monatlichen literarischen Beilage bei der deutschsprachigen Zentralzeitung „Neues Leben“,
  • der Gründung einer gesellschaftlich-literarischen Zeitschrift,
  • der Veröffentlichung von Werken sowjetdeutscher Schriftsteller oder von Lieder- und Stücke-Sammlungen für die Laienkunstbühne.

Im Teil 3 sind unter der Überschrift „Kampf um die Ausreise aus der UdSSR nach Deutschland (BRD und DDR)“ Flugblätter, Schriften über die Verfolgung deutscher Aktivisten, die für die Ausreisefreiheit kämpften, und verzweifelte Hilferufe von Deutschen in der UdSSR aufgeführt.

Unter „Künstlerische und volkskundliche unzensierte Werke“ (Teil 4) liest man unter anderem das damals verbreitete „Wiegenlied einer sowjetdeutschen Mutter in der sibirischen Verbannung“ von Dominik Hollmann oder die Liedertextsammlung „Unsere Stimme“ (Typoskript, Oktober 1965). Zum Schluss kann man die Lebensläufe einiger russlanddeutscher Aktivisten und Dissidenten nachlesen, darunter Erich (Erhard) Abel, Therese Chromowa (geb. Schilke), Eduard Deibert, Wjatscheslaw Maier, Andreas (Andrej) Maser, Ludmilla Oldenburger, Friedrich Ruppel, Friedrich Schössler oder Konstantin Wuckert.

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