Bereits seit geraumer Zeit hat das Deutsche Theater in Kasachstan mit Problemen zu kämpfen. Direktorin Irina Simonowa erklärt, warum Verwaltung und Schauspieler trotzdem optimistisch bleiben.

Es ist berechtigt zu fragen, ob man das Deutsche Theater überhaupt noch als ein solches bezeichnen kann: Ein Großteil der aufgeführten Stücke ist auf Russisch, viele davon auch von russischen Autoren, die meisten der Leute, die dort arbeiten, inklusive der Direktorin, können kein Deutsch. Irina Simonowa, die Direktorin des Deutschen Theaters erklärt: „Wir leben in einem multikulturellen Land und unsere Schauspieler sind nicht nur Deutsche, sondern auch Russen, Koreaner, Kasachen, Armenier, Uiguren, Juden… Und es ist wirklich nicht so leicht, immer und ausschließlich auf Deutsch zu sprechen und zu arbeiten, wenn man nicht in einem deutschsprachigen Land lebt. Obwohl wir natürlich vor allem versuchen, die deutsche Kultur in Kasachstan zu fördern“.

Dass das auch ohne Sprache funktioniert, sieht man an den Gästen: Leute mit Freunden in Deutschland, Eltern mit ihren Kindern, die gerade Deutsch in der Schule lernen. Da die meisten Leute deutsche Stücke mit Synchronübersetzung hören, kann man davon ausgehen, dass sie tatsächlich zusehen, um einen Eindruck von der Kultur zu bekommen. Deutsche oder Leute, die wegen der Sprache dort hinkommen, gibt es nur wenige.

Um die Deutschkenntnisse der Mitarbeiter zu verbessern, lädt das Theater regelmäßig einen Pädagogen ein, der mit den Schauspielern insbesondere die szenische Rede unter besonderer Berücksichtigung der schwierigen deutschen Phonetik trainieren soll. Doch es gibt auch viele andere Probleme, die ebenfalls große finanzielle Mittel fordern.

Kein eigenes Gebäude

Das größte davon ist, dass sie kein eigenes Gebäude haben. Die alte Heimstatt des Theaters war sehr klein, hatte nur knapp 90 Sitzplätze. Deshalb wurde entschieden, den Saal zu vergrößern. Die Renovierung begann 2007, konnte aber nicht beendet werden, weil das Geld wegen einer Korruptionsaffäre verloren ging.

„Am 1.Mai werden es sechs Jahre, dass wir ohne Gebäude sind“, sagt Irina Simonowa. Unterdessen mietet sie die Bühne des Theaters „Saserkalje“, wo die Truppe 15 Tage pro Monat arbeiten kann. Doch der Zustand dieses Theatergebäudes ist ebenfalls nicht perfekt: Zu kalt für Aufführungen im Winter, alte Sessel und keine Ankleideräume. Die Schauspieler müssen sich hinter den Kulissen umziehen und schminken. „Es ist sehr schwierig für die Schauspieler, ohne ein eigenes Gebäude und ohne eigene Bühne zu sein“, so Irina Simonowa.
Es ist wahr, dass der Ort der Aufführung der Qualität selbiger nicht gerecht wird: Es ist schwierig, den Saal zu finden, der sich in einem unscheinbaren Gebäude befindet, auf dem eine Werbung für Extremsportarten so dominant ist, dass einem der kleine Hinweis auf das Theater zuerst gar nicht auffällt. Der Aufführungsraum scheint gleichzeitig als Abstellkammer zu dienen. Wenn das Stück eine Pause hat, so dient diese nur den Schauspielern; Nichtraucher müssen sehen, wie sie sich die Zeit vertreiben können, Erfrischungen gibt es nur vor dem Stück und die Toiletten sind nicht beleuchtet. „Und trotz allem haben wir in dem für uns schwierigsten Zeitraum, von 2007 bis 2012, 705 Stücke gespielt, die von 68.453 Zuschauern besucht wurden“.

Die Liebe zur Kunst und Theater-Gourmets

Die Weiterarbeit in solchen Bedingungen zeigt, wie stark die Liebe der Schauspieler zu ihrer Kunst ist. Im Deutschen Theater arbeiten heute 19 Schauspieler, was viel mehr ist als früher. „Die meisten Schauspieler sind sehr jung, Menschen mit großer Energie, Enthusiasmus und Talent, die immer auf der Suche nach etwas sind und immer etwas Neues schaffen wollen. Sie sind außergewöhnlich und individuell.“ Für sie sei es immer interessant, wie dieselben Schauspieler sich in verschiedenen Genres geben und sowohl Komödie als auch Tragödie meistern, erläutert die Direktorin des Theaters stolz.

Das Theater ist jung wie seine Schauspieler, es ist erst 33 Jahre alt und sein Hauptpublikum ist auch jung. Das bestimmt das Repertoire des Theaters: Neben Klassikern, gibt es auch viele moderne Aufführungen. Momentan sind 20 Stücke im Repertoire, darunter Werke von Saroyan, Bärfuss, Brecht, Herbert Berger, Gorki, Bartenjew, den Gebrüdern Grimm und Federico García Lorca. „Ich glaube, dass das Theater vielfältig in Bezug auf die Genres und Kulturen sein muss. Das ist wie beim Essen: es ist nicht interessant, immer wieder die gleichen Gerichte zu probieren“ erklärt die Direktorin.

Sie betonte auch, dass es sehr schwierig sei, sowohl die Sprach- und Gebäudefrage als auch andere Probleme des Theaters selbst zu lösen. „Wir bitten immer um Hilfe deutscher Organisationen. Wir laden sie zu unseren Premieren ein. Aber leider unterstützt uns nur das Goethe-Institut, wofür wir ihm natürlich sehr dankbar sind.“

Es sei aber auch auf keinen Fall gerechtfertigt, wenn man sich nur beschwere. Sie würden auch vom kasachischen Kultusministerium unterstützt. „Zum Glück bekommen wir auch Gelder, die uns ermöglichen, auf Tour zu gehen. Wissen Sie, sehr viele kasachische Städte haben uns sehr herzlich und warm empfangen. Das gleiche gilt für unsere Deutschlandreise. Das deutsche Publikum ist nach unserer Aufführung aufgestanden, das war unglaublich angenehm für uns. Es hilft uns weiterzuarbeiten und uns trotz aller Probleme, auf die wir treffen, weiterzuentwickeln“.

Von Nurgul Zhazykbayeva und Emilie Caissier

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