Autismus und ADHS werden heute häufiger diagnostiziert. Das liegt nicht daran, dass es mehr solcher Kinder gibt, sondern daran, dass Medizin und Gesellschaft genauer hinschauen. Früher galt ein Kind als schwierig, die Eltern als überfordert. Heute wissen wir, dass Autismus und ADHS keine Krankheiten sind, sondern andere Arten, die Welt wahrzunehmen.

In Kasachstan beginnt dieser Gedanke erst Fuß zu fassen. Ein Beispiel dafür ist die Insight School in Almaty, die erste unabhängige inklusive Schule des Landes. Sie bringt Kinder mit sehr unterschiedlichen Besonderheiten zusammen, arbeitet eng mit Eltern zusammen und schafft so ein Modell, das in dieser Form bisher einzigartig ist. In unserem Interview sprechen wir mit der Gründerin Saltanat Murzalinova-Jakovleva.

Wie begann der Weg zur Insight School und welche Erfahrungen prägten Sie?

2016 traf ich ein internationales Team, das zu Autismus forschte. Zum ersten Mal erlebte ich ein inklusives Umfeld, das auf Zusammenarbeit, Verständnis und Respekt beruhte. Diese Erfahrung war entscheidend für mich. Nachdem das Team 2018 abreiste, wusste ich, wofür ich arbeiten möchte. Wir gründeten einen sozialen Fonds, begannen mit diversen Trainings und ähnlichen Aktivitäten.

Die Idee einer Schule entstand Schritt für Schritt, denn die Bedürfnisse der Kinder zeigten uns, was möglich ist. Es war nicht einfach, weil Inklusion in Kasachstan kaum bekannt war, doch wir erhielten Unterstützung von Eltern, Freiwilligen und Sponsoren. Das gab uns Mut.

Was ist die Mission der Schule und warum fällt Inklusion der Gesellschaft so schwer?

Unsere Mission ist es, die Inklusion zu normalisieren. Sie soll nichts Zusätzliches oder Besonderes sein, sondern ein natürlicher Bestandteil der Bildung. Das ist schwierig, weil viele Menschen noch in Kategorien wie gesund oder stark denken. Schulen verstehen sich oft als Dienstleister und nicht als Gemeinschaft. Inklusion braucht Werte wie Respekt und Empathie. Wir möchten zeigen, dass Kinder voneinander lernen können und dass Vielfalt nicht trennt, sondern verbindet.

Welche Rolle spielen Eltern und wie begleiten Sie sie?

Eltern sind ein wichtiger Teil des Prozesses. Viele empfinden Unsicherheit und fühlen sich allein. Wir möchten ihnen zeigen, dass ihr Kind nicht ein Problem ist, sondern ein Mensch mit einem eigenen Charakter und besonderen Stärken. Wir beraten die Eltern, begleiten sie und schaffen ein vertrauensvolles Umfeld. Das verändert nicht nur die Sicht auf das Kind, sondern die gesamte Familienatmosphäre.

Wie steht es um staatliche Unterstützung und Zugänglichkeit?

Der Staat bemüht sich, aber die von ihm erwiesene Unterstützung orientiert sich eher an großen Gruppen und nicht an individuellen Bedürfnissen. Sinnvoll wäre eine engere Zusammenarbeit zwischen staatlichen Strukturen und Trägern praktischer Erfahrung. Zugänglichkeit ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Viele glauben, eine private Schule sei teuer. Wir halten bewusst niedrige Gebühren und vergeben Stipendien, die durch Sponsoren ermöglicht werden. Inklusion ist keine Frage des Luxus, sondern eine Frage der Menschenentwicklung.

Welche Fachkräfte arbeiten bei Ihnen und welche Herausforderungen sehen Sie im kasachischen Bildungssystem?

Wir suchen Menschen mit Qualifikation, aber vor allem mit Herz. Fachwissen kann man lernen, Menschlichkeit nicht. Unsere größte Herausforderung im Land besteht darin, dass Inklusion noch nicht verstanden wird. Solange der Begriff unklar bleibt, entstehen nur vereinzelte Lösungen. Erst wenn ein gemeinsames Verständnis geschaffen ist, folgen automatisch Fachkräfte und Ressourcen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Inklusion in Kasachstan und welche internationalen Modelle inspirieren Sie?

Ich bin optimistisch, dass die Inklusion wachsen wird, durch Fortbildungen, durch Beratung für Eltern und durch die Verbesserung der Barrierefreiheit. Wir arbeiten daran, einen eigenen Fonds aufzubauen und ein Schulgebäude zu erwerben, was uns langfristige Projekte ermöglichen wird. Als Beispiel sehe ich Deutschland, wo Inklusion gesetzlich verankert ist und Co-Teaching-Modelle angewendet werden. Viele Familien erhalten dort Unterstützung, damit niemand allein gelassen wird. Diese Erfahrungen können uns leiten.

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Kasachstan beginnt erst, ein System zu schaffen, in dem Kinder mit Autismus und ADHS verstanden und begleitet werden. Der wichtigste Wandel findet dabei nicht in Gebäuden oder Programmen statt, sondern in den Köpfen der Menschen. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen ist keine Belastung für die Gesellschaft, sondern ein Mensch mit Persönlichkeit, Potenzial und eigenen Fähigkeiten.

Die Insight School zeigt, dass Veränderung möglich und sinnvoll ist. Eine Gesellschaft, die eine solche Vielfalt akzeptiert, wird nicht nur freundlicher, sondern auch stärker. Für mich ist das Thema persönlich. In meiner eigenen Familie gibt es ein Kind mit Autismus und ADHS, und diese Schule wurde für uns zur Hoffnung und zur Hilfe. Ich bin überzeugt, dass viele Familien in Zukunft dieselbe Erfahrung machen können und dass wir gemeinsam eine Zukunft gestalten, in der jedes Kind seinen Platz hat.

Rukhsara Seitova

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