In Zentralasien, darunter auch im Südosten Kasachstans, bringt der Anstieg der durchschnittlichen Temperatur die Region durch das beschleunigte Abschmelzen der Gebirgsgletscher immer näher an einen chronischen Wassermangel heran. Die Gebirgsgletscher, die häufig auch als „Wassertürme“ bezeichnet werden, dienten der Bevölkerung und der Wirtschaft Zentralasiens jahrzehntelang als ein natürliches Süßwasserreservoir; ihr rasches Verschwinden gefährdet jedoch inzwischen die stabilen Wassermengen der Flüsse in den heißesten Monaten des Jahres. Dadurch entsteht das Risiko einer Wasserknappheit für mehrere Länder Zentralasiens, darunter auch den Südosten Kasachstans, wo sich unter anderem eine der größten Metropolen der Region befindet – Almaty.

Das Ausmaß des Gletscherschmelzens

Der überwiegende Teil der Gletscher Kasachstans liegt im Gebirgszug des Ili-Alatau im Nördlichen Tien Shan – 470 Gletscher mit einer Gesamtfläche von etwa 140 km². Langjährige Beobachtungen zeigen eine alarmierende Dynamik: seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Gletscher des Ili-Alatau (nahe Almaty) fast die Hälfte ihrer Fläche verloren.

Offiziellen Schätzungen zufolge schrumpfen die Gletscher im Raum Almaty um etwa 0,7% ihrer Fläche pro Jahr und um rund 1% pro Jahr bezogen auf ihr Volumen. Der Grund dafür liegt im Temperaturanstieg, wobei sich die Hochgebirgsregionen schneller erwärmen als das Flachland. Seit den 1980er Jahren hat die Erwärmung 0,20 Grad Celsius pro Jahrzehnt erreicht, was die Ökosysteme des Tien Shan besonders stark beeinflusst. In den letzten Jahren wurden anomale Hitzesommer registriert, so stieg im Sommer 2023 in Höhen über 3.000 m die Durchschnittstemperatur auf +20°C, während es früher in solchen Höhenlagen nicht wärmer als +13°C war.

Wissenschaftler*innen sowie Umwelt-schützer*innen sind ernsthaft um die Zukunft der Gletscher in der Region besorgt. Prognosen der UNESCO sagen bis zum Jahr 2100 einen Verlust von 58% bis 85% des gesamten Eisvolumens im Tien Shan voraus, wobei der genaue prozentuale Verlust letztlich vom Ausmaß der globalen Treibhausgasemissionen abhängen wird. Einzelne Expertinnen und Experten halten sogar ein vollständiges Verschwinden vieler kleiner Gletscher bis zum Ende des Jahrhunderts für möglich.

Folgen für die Wasserressourcen

Gletscher spielen eine Schlüsselrolle für die Speisung der Flüsse im Südosten Kasachstans. Im Sommer, wenn es wenig Niederschlag gibt, können Schmelzwässer bis zu 60-70% der Wassermengen der Gebirgsflüsse ausmachen. Gerade dank des allmählichen Abschmelzens von Schnee und Eis hielten die Flüsse in der Trockenzeit stets ein stabiles Niveau und versorgten so ganze Ökosysteme sowie die Landwirtschaft mit Wasser.

Wenn diese Quelle versiegt, dann verlieren die Flüsse den Großteil ihrer Zufuhr, was das Verschwinden von Fischlebensräumen näher rücken lässt und die Wasserressourcen für die Versorgung der Bevölkerung verringert. So wie im Himalaya, in den Alpen und in den Anden nutzen auch die Landwirte Zentralasiens seit Jahrhunderten Gletscherwasser zur Bewässerung von Feldern.

Im Südosten Kasachstans decken Gebirgsflüsse, die von den Gletschern des Ili-Alatau gespeist werden, einen großen Teil der Versorgung mit Trink- und Bewässerungswasser. So hängt beispielsweise auch die Wasserversorgung von Almaty zu etwa 40% vom Gletscherwasser ab. Schmelzwasser aus Gletschern füllt die Flüsse, die im Sommer zur Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen sowie zur Speisung von Stauseen für die Bedürfnisse der Bevölkerung genutzt werden.

Allerdings wird der Abfluss- und Wasserhaushalt mit dem fortschreitenden Abschmelzen der Gletscher zunehmend unregelmäßig. In den ersten Jahren der Erwärmung führte die stärkere Schmelze sogar zu einem kurzfristigen Anstieg des Abflusses.

Der Südosten Kasachstans ist eine der am stärksten wassergefährdeten Regionen: von den ~100 km³ jährlichem Flussabfluss werden etwa 56% außerhalb des Landes gebildet und gelangen aus den Territorien der zentralasiatischen Nachbarstaaten nach Kasachstan. Zugleich befinden sich 73% aller bewässerten Flächen der Republik Kasachstan in den fünf südlichen Regionen, deren Landwirte zu 90% von grenzüberschreitenden Flüssen und deren Wassermengen abhängig sind. Die Regionen Zhetysu und das Gebiet Almaty galten bis vor Kurzem als vergleichsweise geschützt – dank eigener Gebirgswasserquellen. Die Ereignisse der letzten Jahre haben diese Gewissheit jedoch widerlegt.

Die Wasserkrise 2023

Im Sommer 2023 sah sich Almaty mit einer beispiellosen Wasserkrise konfrontiert: in der anomalen Hitze führte das intensive Abschmelzen der Gletscher dazu, dass ein Teil der Bergsiedlungen im Medeu-Bezirk ohne Trinkwasser blieb. Der Wasserstand in den Flussbetten sank abrupt, und das Wasser, das noch floss, war trüb, weil Sedimente verlagert wurden und der Fluss Malaja Almatinka durch Schmelzwasser verunreinigt wurde.

In der Folge litten die Bewohnerinnen und Bewohner des bergigen Stadtteils unter akutem Wassermangel, und die Stadtverwaltung musste dringend Reservekapazitäten der Wasserversorgung zuschalten und neue Speicherbecken errichten. Dieser Fall ist aufschlussreich, denn selbst eine Metropole mit eigenen gletschergespeisten Flüssen ist unter den Bedingungen des Klimawandels vor solchen Ausfällen nicht geschützt.

Ein weiteres Risiko ist die Bildung von Murgang-Seen und die damit verbundenen Murgänge. Wenn sich Gletscher zurückziehen, sammelt sich in den frei werdenden glazialen Bereichen Schmelzwasser an, wodurch hochgelegene Seen entstehen, die von natürlichen Dämmen aus Murgangmaterial und Eis zurückgehalten werden.

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Murgang-Seen im Ile Alatau um 40% gestiegen, und sie sind größer und unberechenbarer geworden. Das angestaute Wasser birgt das Risiko eines Überlaufens oder sogar eines Durchbruchs natürlicher Dämme und kann dann in kurzer Zeit rasant durch die Schluchten abfließen. In diesem Fall entsteht ein Murgang – eine schlamm- und geröllreiche Flut von enormer Zerstörungskraft. Und entsprechende Studien haben gezeigt, dass das Abschmelzen der Gletscher die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse erhöht.

Die Geschichte der Region Almaty kennt tragische Beispiele von Katastrophen, die durch Ausbrüche von Bergseen verursacht wurden. Am 7. Juli 1963 brach infolge heftiger Regenfälle und der Gletscherschmelze ein Murgangsee am Fluss Issyk aus, und ein Murgang zerstörte die Kurortsiedlung am Issyk-See vollständig, was auch zum Tod von Menschen führte. Im Jahr 1977 erreichte ein weiterer starker Murgang, der durch den Ausbruch von Seen ausgelöst wurde, die Stadtränder von Almaty und überflutete diesen Stadtteil bis hin zum Sairan-See.

Im Juli 2023 gingen aufgrund der Kombination aus extremer Hitze und intensiven Niederschlägen gleich mehrere Murgänge in der Almaty-Region ab. Allein an einem Tag, am 21. Juli, fielen bei hohen Temperaturen bis zu 72 mm Niederschlag, was die Bergseen rasch überfüllte und ihren Überlauf auslöste. Glücklicherweise gab es keine Opfer – in vieler Hinsicht dank präventiver Maßnahmen.

Anpassung und Überwachung

Angesichts der herannahenden Wasserkrise unternehmen Kasachstan und die Nachbarstaaten Schritte, um sich an die neue klimatische Realität anzupassen. In Almaty wurde mit Unterstützung der UNESCO ein zentralasiatisches regionales glaziologisches Zentrum eingerichtet, welches das Beobachtungsnetz für Gletscher ausbaut. Vor Kurzem wurde der Bogdanowitsch-Gletscher im Ili-Alatau-Gebirge, oberhalb von Almaty, in dieses Netz aufgenommen.

Neben dem wissenschaftlichen Monitoring werden auch praktische Maßnahmen entwickelt. In der Almaty-Agglomeration wird ein Programm zur Verbesserung des Wasserversorgungssystems umgesetzt: es werden zusätzliche Reservoirs für sauberes Wasser gebaut, und das traditionelle Bewässerungskanalsystem (das Aryk-System) wird modernisiert, um das Wasser innerhalb der Stadt effizienter zu verteilen. Gleichzeitig beteiligt sich Kasachstan an internationalen Initiativen zur Klimaanpassung.

So wurde beispielsweise das regionale Programm „Glacier to Farms“ (G2F) gestartet, an dem sich neun Länder vom Kaukasus bis Zentralasien beteiligen. Das G2F-Programm soll ein ganzheitliches Anpassungssystem schaffen – von der Stärkung des hydrometeorologischen Monitorings von Schnee und Eis bis hin zum Schutz von Landwirten in den Unterläufen der Flüsse, der Modernisierung der Bewässerungsinfrastruktur und der Einführung von Versicherungsmechanismen in der Landwirtschaft.

Expertinnen und Experten merken an, dass es der Menschheit nicht möglich ist, das Abschmelzen der Gletscher zu verhindern, dass man jedoch Zeit gewinnen und die Schäden minimieren kann; dafür ist es notwendig, das Leben bereits jetzt unter Berücksichtigung des sich verändernden Klimas zu planen. Koordinierte Maßnahmen werden der Bevölkerung und der Wirtschaft helfen, sich auf eine andere Wasserrealität vorzubereiten.

Die Berge des Südlichen Tien Shan haben noch Schneereserven und Eisvorräte, von denen das Leben von Millionen Menschen abhängt. Der Erhalt dieser „Wassertürme“ und die Anpassung an ihren Verlust sind eine der wichtigsten Prioritäten der kommenden Jahrzehnte, davon hängt die Zukunft des Südostens Kasachstans und der gesamten zentralasiatischen Region ab.

Lina Hismatullina

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