Die autonome Republik Karakalpakstan im Nordwesten Usbekistans ist die abgelegenste und wirtschaftlich am wenigsten entwickelte Region des Landes. Die Luft ist ungesund, der Boden ist unbrauchbar und der einst große Aralsee ist seit langem ausgetrocknet. Doch inmitten all dieser Schwierigkeiten befindet sich das wohl außergewöhnlichste Kunstmuseum Zentralasiens. Ein Besuch in einem Wüstenland, das sich schon länger im Schatten der Machtzentren behaupten muss.
Die erste Begegnung findet in einem sowjetischen Nachtzug statt. Ein älterer Mann mit kurz rasierten Haaren und wachen Augen deutet von seinem umfunktionierten Schlafplatz am Fenster mit ein paar Handbewegungen zu sich. Er bietet schwarzen Tee an, kramt Kekse aus Plastiktüten, reißt bröselndes Weißbrot ab und reicht dazu buttrigen Käse. Ein erhabenes Menü am späten Abend. Sein Name sei Rustam und gegenüber, da säßen Ehefrau und Schwägerin.
Dann packen seine Begleiterinnen kommentarlos noch mehr Proviant aus, in einer Menge, die auch für die Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostok ausgereicht hätte. Eine Fahrt, die länger als sechs Tage dauert, durch das Uralgebirge und Sibirien. Aber das hier ist nur der Nachtzug von Taschkent nach Kungrad, läppische 18 Stunden Fahrt, von der usbekischen Hauptstadt bis in die letzte größere Stadt im dünn besiedelten Westen.
Was jedoch nicht bedeutet, dass hier, auch ohne Ural oder Sibirien, keine Grenzen überquert würden. Irgendwann, weit hinter Buchara, mitten im scheinbaren Nirgendwo, wo sich die wenigen Siedlungen entlang der Grenze zu Turkmenistan ziehen, liegt die Republik Karakalpakstan, eine autonome Region, die den Westen Usbekistans abdeckt. Ein Gebiet, das halb so groß ist wie Deutschland, in dem nur zwei Millionen Menschen leben.
Zu diesen zwei Millionen gehören auch Rustam und seine beiden Begleiterinnen. Sie fahren nach Hause, nach Nukus, in die Hauptstadt. „Savitsky!“, ergänzt Rustam, als hieße die Stadt im Doppelnamen so: Nukus-Savitsky. So heißt sie natürlich nicht, aber es ist eine Anspielung auf die größte Attraktion der Stadt und möglicherweise des ganzen Landes.
Das gefährlichste Museum der Sowjetunion
In Nukus liegt das Museum, das als eines der gefährlichsten der gesamten UdSSR galt. Was allein schon deshalb ungewöhnlich ist, weil sich doch vielbeachtete Kunsthallen meist in großen Kulturhauptstädten befinden und nicht mitten in der Wüste, 16 Zugstunden entfernt von Taschkent, mehrere Tage entfernt von Moskau, mitten in der Peripherie.
Dem Gründer Igor Savitsky, einem Kunstliebhaber aus Kiew, kam es gerade auf diese Abgeschiedenheit an. Denn was im 1966 gegründeten Museum gezeigt wurde, war ein Affront gegen den staatlich diktierten Sozialistischen Realismus: es waren expressionistische und abstrakte Werke voller Farbe und Individualität, dazu Darstellungen islamischer Prachtbauten aus Chiwa, Buchara und Samarkand sowie sowjetische Avantgarde neben lokalen, karakalpakischen und usbekischen Objekten.
Dass ein Bildungsbürger ohne Kontakte in die Moskauer Machtzentralen mitten in der Wüste Werke von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Ljubow Popowa oder Aleksandr Wolkow sammeln konnte, die während der Stalinzeit verbotenen waren, gilt heute vielen als Sensation. Der britische Guardian nannte das Museum 2019 den „verlorenen Louvre Usbekistans“.
Zur selben Zeit fiel der Aralsee den industriellen Großmachtplänen der UdSSR zum Opfer: das Wasser des Amudarja und des Syrdarja wurde für den Baumwollanbau umgeleitet. Heute ist Usbekistan zwar weiterhin ein wichtiger Baumwollexporteur, doch Karakalpakstan bleibt eine ökologische Katastrophe mit versalzenen Böden, zerstörter Flora und Fauna und extremen Klimabedingungen.
Zwischen Umweltkrise und politischer Spannung
Viele Menschen in der Region betreiben bis heute notdürftig Viehzucht. Und im ausgetrockneten Aralsee blieben nicht nur Salz, sondern auch jede Menge Pestizide und Schadstoffe zurück, die sich durch starke Winde in der Luft verbreiten. Karakalpakstan hat eine auffällig hohe Inzidenz von Atemwegserkrankungen, Tuberkulose sowie Rachen- und Kehlkopfkrebs.
Unter diesen Umständen, so wirkt es zumindest, haben Rustam und seine Familie außergewöhnlich gute Laune. Es gehört vermutlich zu den Besonderheiten, dass die Regeln hier, im eher unbeobachteten Wüstenland, etwas lockerer interpretiert wurden. Dass expressive Avantgarde-Kunst toleriert wurde und gleichzeitig imperiale Experimente stattfanden. Denn welchen Widerstand gab es schon zu befürchten?
In der Gegenwart jedoch gibt es einigen. So kam es vor vier Jahren zu heftigen Protesten gegen die Zentralregierung in Taschkent, als es um den formalen Erhalt der Möglichkeit ging, ein Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten, das der Region Karakalpakstan laut usbekischer Verfassung zusteht. Zumindest in der Theorie, denn ernsthafte Abspaltungsbestrebungen wurden bisher nicht beobachtet. Warum ist eine autonome Region, derart abgelegen und wirtschaftlich unbedeutend, trotzdem so politisch aufgeladen?
Sevinch grüßt mit sanftem Händedruck und zugewandtem Lächeln, an ihren Ohrläppchen hängen zwei dreieckige Silberringe mit rotem Stein herunter. Sie ist in Kungrad aufgewachsen, mit einer karakalpakischen Mutter und einem usbekischen Vater. Die Familie sei schon immer politisch gewesen, an die Proteste erinnert sie sich ebenfalls, da war sie gerade 18 Jahre alt. „Wir hatten 3 Wochen lang kein Internet, es herrschte Ausnahmezustand.“
Eigentlich wollte sie von Anfang an im Ausland studieren, aber ihren Bachelor in Anglistik musste sie am Ende trotzdem in Nukus machen. Vielleicht klappt es ja mit einem Master in Italien oder Deutschland. Wie blickt jemand, der sich viel mit dem Ausland beschäftigt, auf die eigene Herkunft? Zumal sie bilingual, mit einer karakalpakischen und einer usbekischen Familie aufgewachsen ist.

Vernachlässigung seitens der Regierung
„Es gibt ein paar Unterschiede im Verhalten“, erzählt sie. Da wäre manchmal eine strenge Überheblichkeit auf der usbekischen Seite, außerdem würde ihr als Frau öfter zur Begrüßung nicht die Hand gereicht werden. Von usbekischen Männern zumindest. „Karakalpaken sind zwar auch Muslime, aber für uns spielt Religion nicht so eine große Rolle. Die meisten Frauen tragen auch kein Kopftuch hier.“ Und dann wäre da ja noch die eigene Identität, die eigene Sprache, die dem Kasachischen näher sei als dem Usbekischen. „Ich erlebe aber keine große Diskriminierung, zumindest im Zusammenleben zwischen Karakalpaken und Usbeken.“
Es steht wohl, wie so oft bei Fragen von politischer Autonomie, Geld und Einfluss im Raum. Und beides könnte das Land gut gebrauchen. Aus Karakalpakstan heißt es, der usbekische Staat vernachlässige die Region, es fließe kaum Geld nach Nukus. Wer ein paar Tage in der Stadt verbringt, kann dem durchaus Glauben schenken. Die Infrastruktur wirkt vernachlässigt, ein gut ausgebautes Busnetz gibt es ebenfalls nicht, am meisten Verlass ist auf die Marschrutka genannten Sammeltaxis oder auf sich selbst: Es ist auffällig, wie viele ältere Männer sich in Karakalpakstan mit Klapprädern ohne Gangschaltung über die spärlichen Asphaltstraßen schlängeln.
„Es gibt hier nur wenige Firmen und ein Start-Up zu gründen ist hier ebenfalls schwer“, sagt Sevinch. Zumindest wurde vergangenen Herbst ein neues Erdgasfeld entdeckt, das laut offiziellen Angaben innerhalb der ersten zwei Monate 100 Millionen Kubikmeter Erdgas abgegeben habe. Der Umsatz habe sich auf 60 Milliarden usbekischer Som belaufen, das sind umgerechnet etwa vierzig Millionen Euro. „Vor allem das Bildungssystem müsste sich verbessern“, sagt Sevinch.
„Es gibt kaum Austauschprogramme mit ausländischen Unis, wir sammeln wenig Praxiserfahrung.“ Viele Studierende arbeiten, wenn sie Nebenjobs finden, in der Gastronomie oder, wie es Sevinch tut, im Tourismus. Doch gerade dieser bräuchte eine stärkere Neuausrichtung jenseits des Aralsees.
In Karakalpakstan gibt es eindrucksvolle Geisterstädte und Festungen aus antiker und prä-timurischer Zeit, etwa bei Urgench nahe Chiwa oder im an Nukus angrenzenden Xojeli (Mizdakhan) mit fast 1.000 Jahre alten Mausoleen und Moscheen. Trotzdem sind Besucher dort meist allein. Auch Sevinch erlebt oft, dass Touristen zwar unbedingt zum über drei Stunden entfernten Aralsee wollen, das nur 30 Minuten entfernte Mizdakhan aber kaum kennen.
Die antike Stadt Mizdakhan hat das Potential zu einer größeren Touristenattraktion. Aber selbst viele der jungen Karakalpaken kennen den Ort nicht.
Die größte Herausforderung für den Tourismus liegt also im Sichtbarmachen der gut erhaltenen Denkmale der Vergangenheit, deren Gesamtheit ein wahres Mosaik der reichen Geschichte des Landes darstellen. Dies ist eine ungewöhnliche Situation für ein Land, das sich bis in die jüngere Vergangenheit vor allem dadurch ausgezeichnet hatte, ein Ort abgelegener Unsichtbarkeit zu sein. Sevinch sieht die Lösung in einer besseren Vermarktung: „Wir müssen eine andere Geschichte erzählen“, sagt sie und steht sogleich energisch auf, um sich verabschieden. Was macht man als junge Person in Nukus an einem Dienstagabend? „Ich gehe zum Flughafen, jemanden abholen.“ Ob einen Touristen oder Einheimischen, bleibt unklar.


























