Architektur, Tanz und Musik bilden das Herz der uigurischen Kultur. Der Artikel gibt einen Überblick über ihre wichtigsten Ausdrucksformen und ihre bis heute anhaltende Bedeutung.

Das Tschaichana ist eine traditionelle Bauform der uigurischen Kultur. Das Wort bedeutet „überdachte Teeterrasse“. Es ist nicht nur ein architektonisches Element, sondern ein zentraler Ort für das soziale, kulturelle und geistige Leben. Zu jedem uigurischen Hof gehört ein Blumengarten. Blumen gelten nicht nur als Schmuck, sondern als Symbol des Friedens. Deshalb wachsen vor dem Eingang häufig Rosen und Pfingstrosen. Daneben gibt es oft einen kleinen Garten mit Gemüse oder Weinstöcken.

In Semiretschje legen die Uiguren eigene Gartenflächen an und pflanzen Obstbäume wie Apfel, Birne, Aprikose, Pflaume sowie Süß- und Sauerkirschen. Besonders wichtig sind verschiedene Rebsorten, Pfirsiche und Granatäpfel sowie Pflanzen wie Jussai und Dzhandu. Entlang der Hofmauern verlaufen Bewässerungsgräben, an denen Obstbäume wachsen.

An der Vorderseite werden Weinreben gezogen, die im Sommer auf Holzgerüsten einen schattigen Pavillon bilden, den man Tschalla nennt. Die Trauben hängen von oben herab und werden im Herbst zum Schutz vor Vögeln abgedeckt. Im Winter werden die Reben auf den Boden gelegt und mit Erde bedeckt. Früher befand sich in der Nähe solcher Gräben oft auch eine kleine Mühle, die Tungmen genannt wurde.

Das Tschaichana verbreitete sich ab dem 10. Jahrhundert in der Zeit der Karachaniden-Dynastie und war später auch im Khanat Kokand weit verbreitet. Frühe Häuser wurden aus Lehm und Schilf gebaut und sind teilweise noch heute im Dorf Charyn zu sehen. In Städten wie Kaschgar, Turfan und Chotan wurden die Gebäude mit Holzschnitzereien, Ornamenten und Kalligrafie verziert.

Das Tschaichana ist ein Treffpunkt für Familie und Gäste. Hier werden Feste gefeiert und religiöse Rituale durchgeführt. Die Holzsäulen sind oft mit Mustern wie „Tschetschek“ (Blumen) oder „Tulpar“ (ein legendäres Pferd) geschmückt, die für Glück und Erfolg stehen. In früheren Zeiten glaubte man in einigen Regionen auch, dass die im Tschaichana hausenden Geister auch das Wohnhaus beschützen.

Auch heute ist das Tschaichana ein wichtiger Bestandteil vieler Häuser. Typisch sind ein niedriger Tisch für Gäste, Truhen, ein Ofen aus Ton mit großen Kesseln sowie Schränke für Geschirr. Teppiche, Decken und handgefertigte Kissen spielen eine große Rolle. Besonders wichtig sind die Tuschjak, lange Sitzmatten für Gäste, die in jedem Haus in großer Zahl vorhanden sind. Auch Wandteppiche, sogenannte Qiläm, sind weit verbreitet. Die lange Tradition dieser Textilien belegt ein Teppichfragment aus Loulan aus dem 3. bis 4. Jahrhundert, das heute im British Museum aufbewahrt wird.

Im Sommer verbringen die Uiguren einen Großteil ihrer Zeit im Tschaichana. In vielen Häusern gibt es zudem einen besonderen Raum mit einem Ofen zum Backen von Brot. Zahlreiche hölzerne Küchengeräte werden für die Zubereitung von Speisen wie Lagman verwendet. Während religiöser Feste wie dem Ende des Fastenmonats Ramadan und dem Kurban-Bayram werden besondere Speisen wie Brot, Süßigkeiten und Sanza serviert.

Tänze

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der uigurischen Kultur ist der Tanz. Besonders bekannt ist der Sanam-Tanz. Er wird bei Hochzeiten und Festen aufgeführt und verbindet elegante Bewegungen mit Musik. Begleitet wird der Tanz von traditionellen Instrumenten wie Dutar, Nagara, Satir, Dap und Rawap.

Die Bewegungen der Hände sind weich. Sie symbolisieren Vögel, Wind oder Wasser. Die Schritte sind leicht und schnell. Die Tänzer tragen bunte Kostüme mit Stickereien und traditionelle Hüte. Dabei hat jede Region ihre jeweils eigene traditionelle Tracht.

Auch die Choreografie und die Kostüme der Tänze sind sehr charakteristisch. Die Lieder variieren in Reim, Takt und werden sowohl solo als auch von Gruppen aufgeführt. Die Texte verwenden neben Volksballaden auch Gedichte klassischer uigurischer Meister, so dass der Gesang mit dem Tanz verbunden wird oder nur die Musik den Tanz begleitet.

Ein besonderer Tanz ist der Tanz mit Schalen auf dem Kopf. Tänze, bei denen entweder Gegenstände, vor allem Teller auf dem Kopf balanciert oder andere Gegenstände, wie beispielsweise Löffel, oder Porzellan-Untertassen zwischen den Fingern balanciert und wie Kastagnetten gespielt werden. Die Tänzerinnen müssen viele Jahre üben, um das Gleichgewicht zu halten. Das ist eine sehr schwere Kunst. Uigurische Tänzerinnen und Tänzer bereiten sich viele Jahre lang auf diese Tanzkunstaufführungen vor und trainieren die Bewegungsabläufe. Es ist ein sehr aufwendiger und schöner Tanz, ein Tanz ohnegleichen.

Die Zwölf Muqam

Die Zwölf Muqam sind das höchste Gut der uigurischen Musik. Sie bilden ein komplexes System aus Melodien, Rhythmen, Gedichten und Tänzen. Dieses System entstand über viele Jahrhunderte. Eine zentrale Figur war die legendäre Amannisakhan, die im 16. Jahrhundert die Muqams sammelte und ordnete. Spielt man alle zwölf Zyklen vollständig, kann eine Aufführung mehr als 24 Stunden dauern. Insgesamt umfasst das System fast 400 Werke, die sich mit den Jahreszeiten und dem menschlichen Leben beschäftigen.

Auf Grundlage der Werke von Al-Farabi, Ibn Sina, Alischer Navoi sowie Berichten des Reisenden Marco Polo wird vermutet, dass die Ursprünge des Muqam bereits im 5. und 6. Jahrhundert liegen. Die Weiterentwicklung erfolgte im 7. bis 9. Jahrhundert, während sich der klassische Zyklus im 10. bis 12. Jahrhundert vollständig ausprägte.

Die Aufführung des Kaschgar-Zyklus der Zwölf Muqams dauert etwa einen ganzen Tag. Jeder Muqam besteht aus drei großen Abschnitten wie Chon Nagma, Dastan Nagma und Mashrap Nagma, die wiederum in kleinere Teile gegliedert sind. Ein Muqam umfasst etwa 20 bis 30 Einzelstücke, der gesamte Kaschgar-Zyklus insgesamt 242 Musikstücke.

Die Musiker, die diese Werke aufführen, werden Sazandar genannt. Sie spielen auf traditionellen Instrumenten. Heute wird die Muqam-Musik von professionellen Ensembles gespielt und ist auch im Radio und Fernsehen in Zentralasien und darüber hinaus zu hören. Jeder der zwölf Muqams besitzt eine eigene Melodie und Struktur. In ihnen verbinden sich Gesang, erzählende Elemente und Tanzmusik. Die Texte handeln von Liebe, Geschichte und philosophischen Fragen.

Auch in der Wissenschaft findet der Muqam große Beachtung: Die Ethnomusikologin Rachel Harris forscht seit über zwanzig Jahren zu Musiktraditionen in Zentralasien, insbesondere zu den Uiguren. Ihr Projekt „Maqām Beyond Nation“ untersucht die Bedeutung dieser Musik im kulturellen Kontext. Der deutsche Musikwissenschaftler Jürgen Elsner beschäftigte sich mit dem Begriff des Maqam und dessen Rolle in den Musiktraditionen des Nahen und Mittleren Ostens. Seine Forschung zeigt, dass das modale System des Maqam strukturelle Ähnlichkeiten mit dem uigurischen Muqam aufweist und Teil einer größeren musikalischen Tradition ist.

Die uigurischen Muqams zählen heute zu den komplexesten musikalischen Künsten der Welt und sind dennoch nur teilweise erforscht. Ihre Beherrschung erfordert nicht nur musikalisches Talent, sondern auch ein tiefes Verständnis der kulturellen Lebenswelt.

Die Zwölf Muqam sind daher nicht nur Musik, sondern auch Ausdruck einer philosophischen und kulturellen Identität. Sie stehen auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes und verbinden die Gegenwart mit der jahrhundertealten Tradition der Uiguren.

Hören Sie sich einmal eine Muqam-Musik an und sehen Sie sich einen Tanz mit Tassen an – dies ist eine der spektakulärsten Kunstformen, die das uigurische Volk je geschaffen hat.

Rukhsara Seitova

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