Auf einem internationalen Bildungsgipfel diskutierten Experten aus verschiedenen Ländern über die Rolle der Künstlichen Intelligenz im Unterricht. Unser Korrespondent befragte drei Teilnehmer und stellte fest, dass die Meinungen zwar auseinandergehen. Jedoch sind sich alle in einem Punkt einig: Ohne den Menschen kommt die KI nicht aus.
Die erste Frage, die der Reporter allen Gesprächspartnern stellte, war eine klassische: Verlernen Schüler und Studierende das Denken, wenn die KI ihnen alles abnimmt? Gavin, ein Vertreter des Hochschulbereichs, räumte ein: Diese Gefahr bestehe durchaus. Die Menschen neigten dazu, digitale Werkzeuge zur schnelleren Informationsbeschaffung zu nutzen, ohne dabei wirklich nachzudenken. Doch genau hier liege die Aufgabe der Hochschulbildung: nicht das Auswendiglernen von Fakten zu fördern. Vielmehr soll die Fähigkeit, Informationen zu analysieren, Urteile zu fällen und Daten aus verschiedenen Quellen mit dem eigenen Vorwissen zu verknüpfen, unterstützt werden.
Ähnlich sieht es Jamila, eine Lehrerin, die ebenfalls am KI-Gipfel teilnahm. Sie ist davon überzeugt, dass die KI die Eigenständigkeit der Lernenden nicht verringert, sondern im Gegenteil neue Möglichkeiten eröffnet. Wer die KI klug einsetzt, nutzt sie als Werkzeug zur Erweiterung des eigenen Horizonts.
Die Grenze zwischen Hilfe und Betrug
Besonders lebhaft war die Diskussion über akademische Redlichkeit: Wo hört die erlaubte KI-Unterstützung auf und wo beginnt das Schummeln? Gavin verwies auf einen strukturellen Schwachpunkt: Traditionelle Prüfungsformate seien auf das Testen von Gedächtnisleistungen ausgelegt, also auf genau das, was KI problemlos übernehmen kann. Der Ausweg liegt seiner Meinung nach in einer Reform der Leistungsbewertung. Hochschulen sollten nicht prüfen, was ein Studierender auswendig gelernt hat, sondern was er wirklich verstanden hat. Zudem sollte man den Einsatz von KI-Werkzeugen bewusst einbeziehen.
Jamila setzt einen anderen Akzent: nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Erziehung. Verbote seien sinnlos, sagt sie. Viel wichtiger sei es, die Kinder von früh an mit digitaler Ethik vertraut zu machen und mit dem Bewusstsein, dass Technologie an sich neutral ist. Ihr Einsatz hängt von den moralischen Werten des jeweiligen Menschen ab, der die Technologie nutzt.
Chris Blainey, Experte für Bildungstechnologie, lenkte den Blick auf einen Aspekt, der in den Debatten über die KI oft übersehen wird, nämlich die Inklusion. Er nannte ein konkretes Beispiel: Ein Schüler mit einer neurologischen Besonderheit kann Schwierigkeiten haben, komplexe Lerninhalte im üblichen Unterrichtstempo aufzunehmen. Lädt man diesen Inhalt jedoch in ein Tool wie ein Notebook LM, so wandelt das System den Lernstoff in einen Audio-Podcast um. Dieser wird dann angepasst an die individuellen Bedürfnisse des Schülers präsentiert. Dadurch lernt der Schüler in seinem eigenen Tempo, bleibt mit der Klasse im Schritt und muss nicht um zusätzliche Hilfe bitten.
Außerdem sprach Blainey über die strategische Frage, ob das Bildungssystem überhaupt für die KI bereit ist? Die Antwort hänge stark vom jeweiligen Bildungsinstitut ab. Wer die KI einführen will, brauche zunächst eine klare Strategie: Wer bekommt Zugang zu ihr? Wie werden die Daten vor unberechtigtem Zugang geschützt? Welche Lernziele sollen erreicht werden? Als positives Beispiel nannte er das Programm „Learn LM“ von Google, eine interaktive Anwendung. Sie liefert keine fertigen Antworten, sondern führt Lernende zu den Quellen der Erkenntnis, gibt ihnen dabei Hinweise und unterstützt sie mit gezielten Fragen.
Kann KI heute schon Lehrer sein?
Auf die Frage, ob die KI die Rolle eines Lehrers vollständig übernehmen könnte, antworteten alle drei Gesprächspartner mit einem vorsichtigen Nein, auch wenn sie dies aus unterschiedlichen Gründen taten. Gavin schätzt die menschliche Interaktion: Ein Lehrer nimmt Signale wahr, die sich nicht digitalisieren lassen – den Tonfall einer Antwort, eine Geste, eine Pause der lernenden Person. Gleichzeitig sieht er ein großes, heute noch ungenutztes Potenzial der KI in der Personalisierung und Individualisierung. Das System kann den Fortschritt jedes einzelnen Studierenden verfolgen und gezielt zusätzliche Aufgaben anbieten. Das ist etwas, was ein Professor schlicht nicht gleichzeitig für hunderte Studierende leisten kann.
Jamila formuliert es noch pointierter: Die KI kann keine moralischen Werte vermitteln. Diese Aufgabe bleibt, davon ist sie überzeugt, dem lebendigen Lehrer vorbehalten.
Der KI-Gipfel hat gezeigt: Die Künstliche Intelligenz ist bereits in den Klassenzimmern und den Vorlesungssälen angekommen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie man sie verantwortungsvoll einsetzt. Die Experten sind sich einig: Die Zukunft der Bildung liegt in einer durchdachten Partnerschaft zwischen Technologie und Mensch. Die KI kann das Lernen personalisieren, zugänglicher und flexibler machen. Doch einen denkenden, moralisch handelnden Menschen kann auch heute nur ein anderer Mensch heranbilden.























