Das Bild der Vergangenheit bestimmt nachhaltig die zukünftige Entwicklung jeder sozialen, religiösen oder ethno-kulturellen Gruppe. Welche Erlebnisse in der Geschichte haben sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis der Nachkommen der europäischen Siedler an der Wolga, auf der Krim oder im Schwarzmeerraum eingeprägt? Ein Essay zum Thema des kollektiven Gedächtnisses der russlanddeutschen Bundesbürger.

/Der Umschlag der Zeitschrift Re Patria zeigt die Gesichter ausreisewilliger Russlanddeutscher./

Gedenkstein vor dem Deutschen Haus Almaty.

Die Erlebnisse, die das kollektive Gedächtnis der russlanddeutschen Bundesbürger geprägt haben, müssen diejenigen sein, welche die überwiegende Mehrheit der betroffenen Menschen erlebt und die die Existenz und das Bewusstsein der nachfolgenden Generationen gravierend beeinflusst haben. Das historische Selbstbild der russlanddeutschen Minderheit wird demnach maßgeblich von drei Schlüsselerfahrungen – man nennt sie auch „Basiserzählungen“ – bestimmt: Dienst- und Arbeitsethos, Opfersein und Widerstand.

Dienst- und Arbeitsethos

Für das nationale und kulturelle Selbstverständnis der russlanddeutschen Minderheit war der Umstand entscheidend, dass ihre Vorfahren seit Katharina II. in das Russische Reich zum Kultivieren der wenig erschlossenen Gegenden „berufen“ worden waren. Daraus erwuchs ein für damalige Europäer übliches Vasallen-Dienstherren-Verhältnis: Der freie Mann stellt sich in die Dienste seines Herren, und beide haben gegenseitige Verpflichtungen. Das war zumeist das Verständnis der eingewanderten Deutschen. Daraus ergaben sich Loyalität, Untertatentreue und Verantwortung, aber auch das Recht auf freie Auflösung des Dienstverhältnisses, unter anderem wenn der Herrscher oder Staat seinen Pflichten nicht nachging oder sie einseitig verletzte.

Das Jahr 1917 bedeutete das unwiderrufliche Aus der gültigen Ordnung; danach wurde das Gros der bisherigen bürgerlichen Rechte und Verpflichtungen aufgekündigt und die einst staatstragende beziehungsweise besitzende Schicht der deutschen Minderheit unterdrückt, enteignet und verfolgt. Die bolschewistische Führung versuchte ihrerseits neue Loyalitäten aufzubauen durch Förderung der mittellosen Bauern und Industriearbeiter, durch eine nationale Territorialautonomie und andere Maßnahmen, was auch einen gewissen Erfolg unter den Vertretern vornehmlich der jüngeren Generation zeigte. Ungeachtet der weitgehenden Entrechtung seit 1941 sind trotzdem unzählige Beispiele der pflichtbewussten und zuverlässigen Kolchosbauern, Industriearbeiter und Angestellten überliefert worden: der Pioniergeist, der Arbeits- und Tatendrang der Deutschen ist selbst unter schweren Strapazen nicht vollends abhanden gekommen.

Opfersein

Im Schicksal der Russlanddeutschen spiegelt sich, wie im keinen anderen Volk, der erste Zivilisationsbruch der europäischen Geschichte wider, der mit der Machtergreifung der Bolschewiki eingeleitet wird und mit dem untrennbar das Wort „GULag“ verbunden ist: wahllose Erschießungen im Bürgerkrieg; Lebensmittelrequisitionen, die den millionenfachen Hungertod 1921-22 im Lande verursachten; restlose Enteignungen der Bauernschaft; Deportationen und Zwangsarbeit für mindestens zwei Millionen wohlhabende Bauern (Kulaken); durch überstürzte Kollektivierung hervorgerufene Hungersnot 1932-33 – zu Friedenszeiten in Europa! – die wieder Millionen Menschen das Leben kostete; rabiate Kirchen- und Glaubensverfolgungen; Massenterror mit hunderttausendfachen Justizmorden und Einweisungen von Millionen in Straflager; ethnische Deportationen seit 1935, verstärkt nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, und andere Untaten.

Auf mindestens 20 Millionen Menschen soll sich die Zahl der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in der UdSSR im Verlauf der ersten drei Jahrzehnte der Sowjetmacht belaufen.

Aus unterschiedlichen Gründen mussten die Russlanddeutschen an diesen und vielen anderen Verbrechen überdurchschnittlich leiden. Nach einer eher konservativen Rechnung sind im Zeitraum 1917-1948 etwa 480.000 deutsche Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer vorzeitig ums Leben gekommen: erschossen, erfroren, verhungert, an Entkräftung und Krankheiten aller Art gestorben. Eine gravierende Zahl für eine Ethnie, die Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lediglich um die 1,35 Millionen Menschen zählte.

Widerstand

Nicht nur die Opfererfahrungen prägen das Verhalten der russlanddeutschen Minderheit, sondern in nicht minderem Maße der unbändige Wille zu Freiheit und Gleichheit. Als Reaktion auf unterschiedliche Arten von Diskriminierung und Verfolgung entstanden vielfältige Formen der Ablehnung und Verweigerung, des Aufbegehrens und Widerstandes: von den bewaffneten Bauernrevolten Anfang der 1920er Jahre über die religiöse Opposition bis hin zu mutigen Protestschreiben an die Behörden und Presseorgane in den sechziger und siebziger Jahren. Vor allem die Emigrationsbewegung war in all den Jahren Zeichen des nicht versiegenden Freiheitswillens, welches die ideologischen Säulen der sozialistischen Gesellschaftsordnung (Internationalismus, Völkerfreundschaft etc.) in den Augen nicht nur der sowjetischen Bevölkerung, sondern auch der ausländischen Öffentlichkeit bloßstellte.

Überdurchschnittlich viele Russlanddeutsche nahmen seit 1917 an verschiedenen Protestaktionen teil und trugen nicht unwesentlich zur Diskreditierung und letztendlich zum Zusammenbruch des Unrechtsstaates UdSSR bei. Ihr Ungehorsam und Widersetzlichkeit war eine ständige Herausforderung für die sowjetische Führungsschicht ebenso wie für die schweigend-konformistische Bevölkerungsmehrheit. Angesichts der ungesühnten Verbrechen und der fortdauernden Benachteiligungen haben sich die meisten Vertreter dieser zu Unrecht behandelten Minderheit entschlossen, nach Deutschland überzusiedeln.

Fazit

Kollektive Erlebnisse der Verfolgung, Diskriminierung und gesellschaftlichen Ausgrenzung sind für das historische Bewusstsein dieser Minderheit genauso konstitutiv wie die der Resistenz, des Protestes und des Widerstandes gegen das kommunistische Regime. Die historischen Erfahrungen der um die 2,8 Millionen Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft verschiedener Generationen bilden nicht nur die Grundlage einer eigenen positiven Identität, sondern sind inzwischen zu einem integralen Mosaikstein der deutschen Geschichte geworden. Es ist zu hoffen, dass diese Vergangenheit als Teil der nationalen bzw. der europäischen Erinnerungskultur zunehmend wahrgenommen wird.

Auszug aus dem unveröffentlichten Manuskript „Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft: historische Schlüsselerfahrungen und kollektives Gedächtnis“.

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Dr. Viktor Krieger wurde 1959 im Gebiet Dschambul, Kasachstan geboren. Er promovierte 1992 über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Lage der Deutschen in kasachischen Steppengouvernements zur Zarenzeit an der Akademie der Wissenschaften der Republik Kasachstan, Almaty. Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik war er zunächst am Generallandesarchiv Karlsruhe beschäftigt. Seit 1999 ist er Projektmitarbeiter an der „Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland“ und Lehrbeauftragter am Seminar für Osteuropäische Geschichte, Universität Heidelberg.

Von Viktor Krieger