Vor ein paar Wochen hat uns Gerlinde Bahre aus dem Elbe-Elster-Land eine Mail geschrieben. Ihr Vater Erich Schindler war einer der tausend Kriegsgefangenen des Lagers Nr. 39 in Dscheskasgan. Sie hat uns einige seiner Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, dass sie Augenzeugen findet.

Lagerkolchose. | Zeichnung von Erich Schindler

Am 18. April 1945 wurden über 8.000 Kriegsgefangene in das Lager Nr. 39 nach Dscheskasgan gebracht. Einen Tag später ist Erich Schindler gefangen genommen worden. Für den Wehrmachtssoldaten beginnt eine lange Reise in Gefangenschaft. Nach 33 Tagen kommt er in Kasachstan an. Dort befindet sich die „die größte Provinzstadt des Archipel Gulag“- der Arbeitsbesserungslagerkomplex Karaganda. So hat Solschenizyn eine der größten Gefangenenzonen der Sowjetunion beschrieben, die sich auf einer Fläche von 1,7 Millionen Hektar erstreckt. In verschiedenen Arbeitsbesserungslagern wurde die Industrialisierung der Kasachischen SSR vorantrieben. Unter den Häftlingen waren auch viele Russlanddeutsche.

Erich Schindler ist einer der tausend Gefangenen, die dort schuften mussten.

Er kam am 1. Juli 1945 als Kriegsgefangener nach Karaganda und wurde dort unter anderem beim Ausbau der Eisenbahnstrecke Karaganda-Dscheskasgan eingesetzt. Damals war er 24 Jahre alt. Im Frühjahr 1947 ist er in das Kriegsgefangenenlager Nr. 39 nach Dscheskasgan gebracht worden, das am 18. April 1945 speziell errichtet worden war.

Zieselmausfleisch stillt Hunger

Dort lebten bis zu 10.000 Gefangene. Daran erinnert sich Alexander Muchtarowitsch Sabinin in seinen Memoiren. Er lebte damals mit seiner Mutter im Dorf Kengir, das sich in Verbannungszone, in unmittelbarer Nähe der Gefangenenlager befand. Seine Mutter arbeitete in einer der Lager-Apotheken. Damals war Sabinin elf Jahre alt. „Fünf Gefangene in jeder Reihe, die eine unendliche Linie bildeten, gingen am frühen Morgen zur Arbeit. Sie wurden begleitet von Soldaten mit Maschinengewehren und Schäferhunden. Abends kamen sie wieder zurück.“

Lager Dscheskasgan | Zeichnung von Erich Schindler

Unter den Gefangenen waren Deutsche, Japaner und Italiener. Daran erinnert sich auch Erich Schindler. Er hatte seine Erinnerungen an die Zeit während der Gefangenschaft in der kasachischen Steppe aufgeschrieben und sogar Zeichnungen angefertigt. Es herrschten katastrophale hygienische Zustände. In den Baracken gab es einen Kübel für die Notdurft, die täglich nachts geleert werden mussten, allerdings oft auf dem Boden auskippten. Es wurde ständig alles kontrolliert. Die Gefangenen wurden auf Schritt und Tritt bewacht. In der Steppe achteten berittene Posten darauf, dass kein Häftling flieht. Es war allerdings möglich, sich mit den Wachposten zu arrangieren, schreibt Ericht Schindler. So gelang es ab und zu auf die Jagd zu gehen. In einem Umkreis von fünf Kilometern durfte er Zieselmäuse fangen.

Von 1930 bis 1959 gab es in der Kasachischen SSR einen Staat im Staat – die sogenannte Verbannungszone. Sie erstreckte sich von Karaganda im Norden, Balchasch im Süden und Dscheskasgan im Westen. Das gesamte Territorium wurde streng bewacht. Dafür wurden Flugzeuge und berittene Trupps eingesetzt. In den Weiten der kasachischen Steppe trieben die Gefangenen die Industrialisierung der Kasachsichen SSR voran. Sie arbeiteten in der Gewinnung von Bodenschätzen, Fischerei, Wohnungs- und Industriebau sowie in der Landwirtschaft. Zur Arbeit wurden so genannte „feindliche Elemente“ gezwungen, zu denen „Konterrevolutionäre“, „Spione“ und auch Kriegsgefangene zählten. Insgesamt waren hier jährlich bis zu 66.000 Menschen inhaftiert.

Kasachen waren freundlich und hilfsbereit

Erich Schindler musste zum Glück nicht die gesamte Haftzeit im Lager 39 verbringen, denn er wurde als Arbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt. Ungefähr 120 Kilometer vor Dscheskasgan gab es die Kolchose „Perlistik“, unweit eines Auls.

Untergebracht waren die Gefangenen in Zelten, die sich in der Nähe des kasachischen Jurten-Dorfes befanden. Dort durften Schindler und seine Mithäftlinge als Ofenbauer arbeiten und wurden dafür von den Einheimischen belohnt. Die Erinnerung an die Gastfreundschaft der Kasachen hatte er in seinen Aufzeichnungen festgehalten: „Das Tischtuch, grob gewebter grauer Stoff, wurde neben dem Feuer auf dem Erdboden ausgebreitet. Noch einmal lief die Teekanne die Runde, und wir wuschen uns die Hände. Dann nahm der Kasache das runde Fladenbrot, brach es in daumengliedgroße Brocken und warf jedem seiner Gäste eine Hand voll hin. Ein etwa 16-jähriges Mädchen mit pechschwarzem Haar, vollem Gesicht und blitzenden Mongolenaugen kniete neben dem Samowar und füllte unsere Porzellanschalen mit Tee, dem jeweils ein Löffel Kamelmilch beigemengt wurde. Wohl zum zehnten Male reichte ich ihr die leere Schale hin, immer lächelte sie, zeigte ihre blendend weißen Zähne und füllte die Schale von neuem. In der Mitte unseres Kreises lag auf einem Blechdeckel ein Klumpen Butter, und jeder der Essenden wischte mit seinem Brotbrocken darüber- Messer durfte ja keines gebraucht werden. Außerdem lag vor jedem eine Handvoll Käsekrümel, meist Schafkäse“, schreibt Erich Schindler.

Seine Notizen zeigen, dass die Kasachen freundlich zu den Häftlingen waren. Während seiner Haftzeit traf Erich Schindler auch auf zwei deutsche Familien. Aus seinen Notizen geht hervor, dass er am 28. November 1947 von der Kolchose „Perlistik“ wieder zurück in das Lager Nr. 39 gebracht wurde. Unterwegs ist er, wie er schreibt, Deutschen begegnet, die in der Nähe der Bahnausweichstelle Nr. 59, von der aus die Gefangenen zurück ins Lager gefahren wurden, lebten. Es handelt sich um eine damals 35-jährige Frau, die zusammen mit ihren vier Töchtern und ihrer Mutter in der Nähe der Bahnausweichstelle lebten. Eine der Töchter hieß Marie. Sie war damals 12 Jahre alt und arbeitete am Spinnrad, während ihre Mutter und Großmutter Handschuhe und Socken strickten, um diese gegen Lebensmittel einzutauschen. Ebenso berichtet Schindler von drei deutschen Kindern, die auch dort lebten: Robert, damals 12 Jahre alt, Nelli, damals 2,5 Jahre alt und Hertl, damals 5 Jahre alt.

Diese Informationen hat Gerlinde Bahre der DAZ zur Verfügung gestellt. Sie ist die Tochter von Erich Schindler und möchte mehr über die Zeit wissen, die ihr Vater in der Gefangenschaft in Kasachstan verbracht hat. „Mich lässt der Gedanke nicht los, dass diese Kinder oder andere Bewohner dieses Ausweichpunktes, ganz egal, welcher Nationalität, als Augenzeugen noch leben könnten. Mein Vater hat sehr oft davon erzählt.“

Wenn Sie also jemanden kennen oder sich selbst vielleicht mit der Geschichte des Gefangenenlagers auskennen, bitte melden Sie sich bei uns: redaktion@deutsche-allgemeine-zeitung.de

Von Dominik Vorhölter