Der gebürtige Chemnitzer Axel Monse reiste im Jahr 2017 das erste Mal nach Kasachstan, lernte dort seine spätere Frau Balzhan kennen und gründete mit ihr die beiden Online-Portale „Shymkent.info“ und „Entdecke-Kasachstan“. Im Interview spricht er über seine enge Beziehung zu Kasachstan, die Herausforderungen im Abbau von Vorurteilen und das unausgeschöpfte touristische Potential im Land.
Lieber Axel, vielleicht direkt vorneweg: Wie bist du zum ersten Mal nach Kasachstan gekommen?
Schon als Kind habe ich mich für Raumfahrt begeistert. Denn der erste deutsche Raumfahrer, Sigmund Jähn, der von Baikonur, im heutigen Kasachstan, in den Weltraum flog ist nur unweit von meiner Heimat geboren worden. Meine erste Reise kam dann 2017 mit der Weltausstellung „Expo“ in Astana zustande, aber natürlich in Kombination mit einem Besuch im Kosmodrom Baikonur. Damals dachte ich noch, Kasachstan sei nur Steppe. Auf der ersten Reise bin ich als Backpacker auch durch Schymkent gereist, wo ich eine junge kasachische Frau kennengelernt habe, die ich zwei Jahre später geheiratet habe. Seitdem reise ich mit ihr zusammen, mit Ausnahme der Pandemiezeit, jedes Jahr nach Kasachstan, um neue interessante Orte zu entdecken und die Entwicklungen im Tourismus zu beobachten.

Zusammen habt ihr zwei Online-Portale, „shymkent.info“ und „entdecke-kasachstan.de“ gegründet. Was war euer Antrieb?
Nach unserer Hochzeit 2019 haben wir erstmals bewusst gemerkt, wie viele Stereotype über Kasachstan existieren. Zuerst wollten wir ein englischsprachiges Medium gründen, das nur über Schymkent berichtet, aber es ging schnell dazu über, Kasachstan als Land stärker in den Fokus zu rücken. Das fing an mit Interviews mit Kasachen, die ihre Kultur vorgestellt haben, bis zu jungen Künstlern auf der ganzen Welt, die wir zu ihren Vorstellungen über Kasachstan befragt haben oder ob sie sich vorstellen könnten, Konzerte im Land zu geben. Wenn europäische Musiker in Kasachstan auftreten, entstehen Verbindungen, durch die Kasachstan stärker in den Blickpunkt der „westlichen Welt“ gerät. Daraufhin ist „entdecke-kasachstan.de“ entstanden, nachdem wir auch in unserem Freundeskreis in Leipzig, wo wir aktuell wohnen, gemerkt haben, wie viele Menschen Kasachstan nicht einmal kennen.
Welchen Vorurteilen über Kasachstan begegnet ihr meist?
Am stärksten spürbar ist wohl die Assoziation, dass Kasachstan mit der Sowjetunion und damit Russland gleichzusetzen sei. Dabei spricht die Mehrheit die Menschen in Kasachstan eine komplett andere Sprache als Russisch und diese sind Repräsentanten eines muslimisch-geprägten Turkvolks und keine slawischen, orthodoxen Christen. Die Deutschen, die früher in der Sowjetunion gelebt haben, werden auch oft fälschlicherweise als Russlanddeutsche über einen Kamm geschert, dabei haben viele von ihnen einst im heutigen Kasachstan gelebt.
Außerdem schwingt eine diffuse Angst vor dem -stan am Ende mit, viele denken zum Beispiel an Afghanistan und manchen sich Sorgen über die Sicherheit. Das löst schnell die Frage aus: Warum soll ich überhaupt in diese Region reisen? Dabei zeigen die Statistiken, dass Kasachstan ein sehr sicheres Land ist. Ich bin ja noch in der DDR geboren und gerade die ältere, ostdeutsche Generation hat ein sehr verschwommenes Bild von der Region. Zur Zeit der DDR und der Sowjetunion gab es zwar Intertourist-Reisen nach Zentralasien, aber meist führten diese nur nach Usbekistan (was besonders für Reisen zur „Seidenstraße“ galt) oder nach Kirgisistan, wo Naturliebhaber auf meterhohe, schneebedeckte Berge konnten, die es so in Ostdeutschland nicht gab. Wenn es Reisen nach Kasachstan gab, dann waren das meist Austauschprogramme unter Ingenieuren mit Pioniergeist, bei denen der Bergbau und die Schwerindustrie Kasachstans im Vordergrund stand. Dadurch ist bei vielen möglicherweise auch noch das Bild von rostiger Industrie in karger, vertrockneter Steppenlandschaft im Kopf.
Welches Bild von Kasachstan versuchst du solchen Menschen nahezubringen?
Ich sage gerne, dass Kasachstan die USA des Ostens ist. Zumindest was die Landschaften und die Weite angeht. Egal, ob es der Altyn-Emel-Nationalpark ist oder der blau schimmernde Ili-Fluss nahe der Stadt Konajew oder auch der Charyn Canyon, den die Kasachstaner gerne als kleinen Bruder des Grand Canyon bezeichnen. Oder die Mangghystau-Region am Kaspischen Meer mit ihren einzigartigen Tafelbergen, die an das Monument Valley erinnern. Sie transportieren hier das Gefühl von Freiheit – und auch das Wort „Qazaq“ steht für freier Mensch. Und jetzt, wo die Anreise in die USA immer schwieriger wird, inklusive sechs Stunden Zeitverschiebung im Sommer, da wäre Kasachstan mit nur drei Stunden Unterschied und visumsfreier Einreise für Deutsche eine echte Alternative.

Touristen aus Europa oder dem amerikanischen Kontinent sind aber immer noch selten. Die meisten Einreisen nach Kasachstan kommen aus den Nachbarländern.
Der Tourismusfluss nach Kasachstan zeigt auch andere spannende Trends. Nehmen wir die steigende Anzahl an Touristen aus Indien, China oder Indonesien: Die kommen nicht wegen irgendwelcher Reisekataloge, sondern weil sie scheinbar über die sozialen Netzwerke auf das Land aufmerksam geworden sind. Gleichzeitig sind viele der 95.000 deutschen Einreisen nach Kasachstan im Jahr 2025 in Atyrau registriert. Air Astana befliegt aus Deutschland auch nur Astana, Almaty und Atyrau. Dabei hat Atyrau gar keine touristische Infrastruktur. Das deutet für mich darauf hin, dass es sich hier eher um Geschäfts- als Tourismusreisen handelt.
Welche Zielgruppe könnte das Land in deinen Augen besser ansprechen?
In meinen Augen wäre Luxustourismus, wie er an manchen Orten entsteht, der falsche Schritt. Der europäische Markt fliegt nicht nach Aqtau oder Almaty, um ins Casino zu gehen oder Ski zu fahren, sondern um die beeindruckende Natur zu sehen. Der erste Schritt wäre also, günstigen Individualtourismus zu fördern. Es ist ja meist die junge Generation, die sich von schönen Wanderwegen und weiter Natur angezogen fühlt. Außerdem brauchen Menschen aus Europa Zeit, damit sich die weite Reise nach Kasachstan lohnt. Und wer kann denn am einfachsten für ein bis zwei Monate mal verreisen? Junge Leute nach der Schule oder dem Studium. Australien, Neuseeland, die USA, all die Länder mit ähnlich diversen Landschaften, ziehen Tausende junger Europäer an. Kasachstan muss hier stärker in den Wettbewerb gehen, weil es landschaftlich allemal mithalten kann. Es braucht also vor allem Infrastruktur für günstigen, auf junge Menschen abgestimmten Rucksack-Tourismus wie ausgeschilderte (Fern-)Wanderwege und bezahlbare Guides und Unterkünfte.
Ein Positivbeispiel unter den postsowjetischen Ländern ist möglicherweise Georgien. In den vergangenen 15 Jahren hat sich das Land vom Bild der „russischen Kolonie“ hin zu einem boomenden Tourismusziel unter jungen Menschen entwickelt.
Georgien hatte schon sehr früh eine gute Tourismusinfrastruktur für Kultur-, Wander- und Bergtourismus und hat zudem auch seine guten Verbindungen nach Ostdeutschland aus der sowjetischen Zeit beibehalten. In meiner Erinnerung sind die Bergsteiger damals entweder in den Tian Shan nach Kirgisistan oder in den Kaukasus gereist.
Hat Kasachstan in den fast zehn Jahren, in denen du und deine Frau das Land bereisen, denn auch Fortschritte gemacht?
Die Infrastruktur geht auf jeden Fall in die richtige Richtung: Immer mehr Straßen sind asphaltiert, womit Reisen per Mietwagen attraktiver werden. Auch bei der Beschilderung wurde viel getan. Die Sprachbarrieren gehen zurück, nicht nur durch die technischen Möglichkeiten, aber auch weil immer mehr junge Menschen Englisch lernen. Was in Deutschland und Europa am meisten verändert werden müsste, wäre das Marketing. Reisekataloge wie z. B. Marco Polo nehmen nach unseren Nachfragen Kasachstan nicht auf, weil die Nachfrage scheinbar zu niedrig ist. Es gibt für viele Europäer keine gut greifbare, positive Erfahrung mit Kasachstan. Und ohne positive Aufmerksamkeit reist auch niemand hin. Nicht die höheren Instanzen in der Reisebranche müssten angesprochen werden, sondern eher direkt die normalen Leute – die potenziellen Touristen. Es braucht also eine stärkere Sichtbarkeit in den sozialen Medien, gerade für die jüngere Generation. Oder Ausstellungen, um einen direkten Kontakt herzustellen. Man könnte zum Beispiel seine berühmten Kulturgüter in großen, deutschen Museen ausstellen. Usbekistan hat das beispielsweise fast über das gesamte Jahr 2023 im Neuen Museum Berlin gemacht. Zudem helfen manchmal Ländervorträge, wie wir sie anbieten. Die kommen nach dem Vortrag zu uns und erzählen, wie anders sie sich Kasachstan vorgestellt haben und dass sie jetzt unbedingt mal hinreisen wollen.
Aber es müssen ja auch erstmal Leute zu den Vorträgen kommen…
Die Leute sind ja schon interessiert, aber manchmal stehen sich die Anbieter auch selbst im Weg. Letztes Jahr haben wir bei einem Antrag für einen Kasachstan-Vortrag die Reaktion erhalten: „Kasachstan? Da gibt es doch nichts zu erzählen? Da müsst ihr schon ausschließlich in Flip-Flops durchs Land gereist sein, damit so ein Vortrag interessant wird.“ Es scheint also weiter ein Klischee vorzuherrschen, bei dem jeder Austausch und jedes Gespräch über das Land kategorisch ausgeschlossen wird.
Also muss Kasachstan überhaupt erstmal ein Gesprächsthema werden?
Absolut! Und daran werden wir weiter hart arbeiten. Erst wenn ein Land weltweit bekannt ist, entstehen Verbindungen und Freundschaften. Und die wiederum sind der Wegbereiter für Frieden und Sicherheit.


























