Zur Neuauflage der Trilogie „In den Fängen der Zeit“ von Nelli Kossko

Emmi Wagner ist noch keine zehn Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen ländlichen Ort bei Kostroma in Russland. In einem Verbannungsort, wie es so viele während des Zweiten Weltkriegs und der Jahre danach gab – für einige Minderheiten, die sich der Kollaboration mit dem faschistischen Deutschland auch nur verdächtig gemacht hatten, für politisch „unzuverlässige Elemente“, für Gefangene jeglicher Couleur – kurzum für Volksverräter, wie man sie zuweilen unvermittelt beschimpfte.

Emmi lebt dort … nein, fristet ihr Leben und hungert zusammen mit ihrer Mutter. Der Vater wurde direkt nach Emmis Geburt in den 30er-Jahren aufgrund einer fadenscheinigen Anklage vom allseits gefürchteten NKWD abgeführt und ist nie wieder zurückgekommen. Später erfahren wir: Er wurde erschossen.

Zwei ältere Brüder von Emmi gelten als verschollen. Die Mutter hat sie während der von den Nazis angeordneten Umsiedlung aus ihrer Heimat nahe der ukrainischen Stadt Odessa verloren – im Chaos, das ein Bombardement der russischen Luftwaffe hervorgerufen hatte…

Emmi will nichts weiter, als gleichberechtigt behandelt zu werden. Doch weil sie zu einer verhassten Minderheit gehört, bleibt ihr dies in den meisten Fällen verwehrt. Leider nicht nur unmittelbar nach dem Krieg wird sie immer aufs Neue daran erinnert, welcher Abstammung sie ist und welches „Blut in ihren Adern fließt“.

Bei den wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens – sei es in der Liebe, bei der Wahl der Ausbildung bzw. des Studiums oder später bei den vergeblichen Versuchen, in ihrem Beruf weiterzukommen – trifft sie auf Funktionäre und Karrieristen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Die ihr offen ins Gesicht sagen, dass sie ein „unzuverlässiges Element“ sei, kurzum ein Feind des Volkes! Das ist der Grundkonflikt der Geschichte, der den Spannungsbogen durchgehend nährt.

Doch Emmi ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat nichts verbrochen, weder jemanden ermordet noch ausgeraubt. Vielmehr verbiegt sie sich als Schulkind und tut beinahe alles, was man von ihr verlangt. Als beste Schülerin der Klasse hat sie sogar vor, die herrschende Gesinnung des Sowjetstaates zu übernehmen und dem Komsomol beizutreten. Sie will für die vermeintlich progressiven Ideen der sozialistischen Gesellschaft kämpfen und sich ihnen und dem Staat opfern. Dem Staat, der sie ihrer Heimat und der glücklichen Kindheit beraubt hat. All das tut sie, um sich bloß nicht als Fremde zu fühlen, sondern als eine unter Gleichgesinnten anerkannt zu werden. Eigentlich ein elementares Grundbedürfnis, ein Wunsch, den jeder nachvollziehen kann, der sich früher als Kind von seinen Spielkameraden ausgeschlossen fühlte.

Doch man legt ihr Steine in den Weg, auch später – sie sei aufgrund ihrer Herkunft einer Mitgliedschaft im Komsomol nicht würdig! Ein Stigma, das sie ihr Leben lang begleitet. Als junge Erwachsene durchschaut sie die Heuchelei und die Doppelmoral der kommunistischen Funktionäre; vor allem durchblickt sie die Schwächen und die negativen Seiten des Systems und verliert vollends den Glauben an den baldigen Sieg des Kommunismus. Das bringt sie mehrfach in unüberwindbare Schwierigkeiten.

Der dreiteilige Roman von Nelli Kossko ist eine Familienchronik, die auf wahren Begebenheiten beruht und unter den Büchern der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus den Nachfolgeländern der UdSSR ihresgleichen sucht. Autobiografien oder biografieähnliche Berichte über schwere Schicksale von Russlanddeutschen gibt es inzwischen zur Genüge; weniger hingegen literarisch wertvolle Romane, die den Leser mittels kunstvoller Verfremdung, ausgeklügelten Spannungsbögen, stilistischer Reife, bemerkenswertem Detailreichtum oder einfach nur mittels ästhetisch schöner Sprache in ihren Bann ziehen.

So, dass man das Buch schon nach drei Seiten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Nicht nur rhythmisch ist dieses Buch hervorragend komponiert: kalte, knappe, floskelfreie Sätze, die Grausamkeit des Systems und dessen treuer Diener zu zeigen, und im Gegensatz dazu wohlüberlegte, retardierende und zum Nachdenken anregende Passagen, wenn dies die Handlung erfordert – wenn die Autorin z. B. eine Szene aufgrund deren Bedeutsamkeit „herangezoomt“ zeigen möchte.

Was dieses Buch jedoch wesentlich mehr ausmacht, ist seine permanent durchschimmernde Authentizität. Man darf fest davon ausgehen, dass die indessen achtundachtzigjährige Autorin die darin geschilderten Ereignisse selbst durchlebt hat und unmittelbar aus erster Hand berichtet. Kaum zu glauben – aufgrund der Fülle kontrastreicher Erlebnisse –, dass die kleine Emmi trotz aller Hindernisse, des Hungers und der Erniedrigungen überlebt und zu einer starken Frau, ja zu einer autarken Persönlichkeit, heranwächst und unermüdlich für die Gerechtigkeit kämpft. Es ist, als habe dieser Mensch fünf Leben hinter sich.

Dennoch rückt bei all dem Leid und Schmerz das Klagen über das schwere Los so gut wie nie in den Vordergrund und wird nie zum Leitmotiv der Trilogie. Objektiv, ausgewogen, tiefgründig reflektiert kommt die Sprache der Erzählerin daher. Menschen sind eben Menschen; sie machen Fehler, ob Russen, Deutsche oder sonst noch wer.

Schuld an der Lebensgrausamkeit sei bei der Autorin vielmehr das jeweilige System. Aus einzelnen Individuen werden zuweilen Unmenschen. Emmi, die Protagonistin, kämpft unentwegt gegen das fratzenhafte, seinen Idealen Tausende von Menschenleben opfernde „kommunistische“ System an. Obschon sie oft abgrundtief verzweifelt ist, gibt sie niemals auf. Dabei fordert sie nicht mehr als das jedem Menschen zustehende Grundrecht ein.

Louis Aragon schrieb vor über sechzig Jahren im Nachwort zur französischen Ausgabe der „Dshamilja“ von Tschingis Aitmatow resümierend Folgendes: „Und dann gibt es am Fluß Kurkurёu, zwischen China und Tadschikistan, einen Jungen, der dreißig Jahre früher ein Dshigit wie alle anderen geworden wäre, er schaut uns an und spricht, und man will nur noch schweigen und zuhören. Dank sei Dir, mein Gott, an den ich nicht glaube, für diese Augustnacht, an die ich glaube mit all meinem Glauben an die Liebe“ (ins Deutsche übertragen von Alex Bischof).

Daran anlehnend wage ich, meine Besprechung des Buches „In den Fängen der Zeit“ mit folgenden Worten zu schließen: Dank sei Dir, mein Gott, an den ich glaube, für jene sturmreichen Nacht auf See, in der das Mädchen Emmi während der schicksalhaften Fährfahrt von Wladiwostok nach Kolyma überlebte und dass sie bei all dem ihr widerfahrenen Leid den Glauben an das Gute im Menschen und an die Liebe nicht verloren hat.

Ich weiß, es ist grausam, ein kleines Mädchen wie dich in all diese schrecklichen Dinge einzuweisen, aber ich habe sonst niemanden, mit dem ich mein Leid teilen könnte. Vergib mir, mein Kind!‘ (…) Wir machten in dieser Nacht kein Auge zu, und als es dann zu dämmern begann, verließ Mama mit einem kleinen Bündel über der Schulter das Dorf. Ich hasste die NKWD-Leute, zu denen sie jetzt ging, den Kommandanten, den Krieg, die Russen und die Deutschen, ich hasste die ganze Welt und mich selbst am meisten, denn schließlich war ich an allem schuld …
Aus „In den Fängen der Zeit“

Artur Rosenstern

ISBN 978-3-948589-592, Bestellnummer: 9592, Fester Einband, 396 Seiten, Preis: 22,- EUR.

Bestellbar entweder direkt über den BKDR Verlag per E-Mail an kontakt@bkdr.de, unter Tel.: (+49)911.89219599 oder regulär über den deutschen Buchhandel.

Leseprobe siehe unter: www.bkdr.de/in-den-fangen-der-zeit-n-kossko/

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