Es ist gar nicht so leicht, sich auf einer Tagung zu benehmen. Gestern habe ich wieder mal kaum einen Fettnapf ausgelassen. Das Ganze fing damit an, dass ich vergessen hatte, mich anzumelden, so dass ich den Damen am Empfang unnötigen Aufwand bereitet habe. Nicht super, aber auch nicht so peinlich wie der nächste Fauxpas.

Ich hatte nämlich den Vormittag geschwänzt und wollte mich nun möglichst unauffällig unter die Tagungsteilnehmer mischen. Es verblieben jetzt noch zehn Minuten bis zur Mittagspause. Was tun? Kurz vor der Pause stören, das ist nicht gut. Hier warten? Das sähe aus wie: als letzte zur Tagung kommen, aber als erste zum Imbiss erscheinen. Auch nicht gerade ideal. Die Pause ganz woanders verbringen und zur zweiten Hälfte wiederkommen? Aber erstens sind die Pausen an den Tagungen stets das Wichtigste, wo der tatsächliche Austausch stattfindet. Zweitens wäre es übertrieben, wegen einer so kleinen Peinlichkeit einen so großen Aufwand zu betreiben. Und drittens finden es fast immer alle anderen nicht so wild, wie man denkt, dass es die anderen finden würden.

Die Damen am Empfang bemerkten meine Bredouille und ermutigten mich, doch noch in den Vortragssaal zu gehen, der eine Vortrag hätte soeben erst begonnen, ich solle einfach den Hintereingang nehmen. Gute Idee, von hinten reinschleichen, ja, das ging. Mit Reinschleichen war allerdings nicht viel, denn die Tür quietschte fürchterlich. Und ich stand auch nicht HINTER den Gästen, sondern VORN, direkt neben dem Podium, mit dem Gesicht fast in der Power Point Vortragspräsentation! Die sonst übliche Sitzordnung in dieser Tagungsstätte wurde dieses Mal vollkommen umgemodelt. Früher hätte ich mich tatsächlich ungesehen von hinten genähert, gestern stand ich mitten im Spot. Na, großartig! In solchen Situationen muss man möglichst cool bleiben und sich mit aller Selbstverständlichkeit bewegen, als hätte man sich ganz genau so und nicht anders an dieser Stelle befinden wollen. Zugleich muss man etwas betreten dreinschauen und mit Mimik und Gestik vermitteln, dass man sich zumindest bewusst ist und ein wenig dafür schämt, dass man stört. Das gelang mir nicht, mangels eines schnellen Reaktionsvermögens versuchte ich immer noch, mich möglichst unauffällig durch den Raum zu schleichen. Nicht sehr souverän. Sicherheitshalber setzte ich mich in die hinterste Reihe. Jetzt hatte ich es geschafft. Dachte ich. Doch dann kam der Mittagsimbiss.
Das Geschäftsessen überfordert mich immer. Diesmal schien es einfach zu sein, die Speisen waren schon portionsweise auf kleinen Papptellern angeordnet, so schnappte ich mir einen. Aber oh nein, es waren Spieße! Kein Spießeessen, ohne dass einem mindestens eines der Fleischstücke beim Abstreifen vom Teller hopst. Ich lugte aus dem Augenwinkel, wie die anderen ihren Spieß aßen. Eine Dame knabberte das Fleisch vom Spieß runter. Entweder unser Gebiss unterscheidet sich physiologisch, oder sie hat in jahrelanger Übung eine effektive Knabbertechnik antrainiert. Mir gelang es jedenfalls nicht, ich zog und zerrte an dem Fleisch und musste das angeknabberte Dingen schließlich wieder aus dem Mund nehmen. Nicht sehr appetitlich. Also doch mit der Gabel abstreifen. Da passierte es! Allerdings entglitt mir nicht nur ein Fleischklumpen, sondern der komplette Spieß, nahm einen Umweg über meine helle Hose und landete auf der Erde. Alle anderen waren erleichtert, dass es mir und nicht ihnen passiert ist, und jeder erzählte eifrig eine kleine Geschichte, wie ihm auch mal der Spieß durchging. Jetzt erst fiel mir auf, dass alle anderen nur ein bis zwei Spieße auf ihren kleinen Tellern hatten, ich hingegen vier. Einer von uns hatte das System nicht durchschaut. Wahrscheinlich ich. Um zu signalisieren, dass ich nicht raffgierig und fleischverfressen bin, sondern nur zu doof war, das System zu verstehen, fragte ich nach. Ja, tatsächlich, ich hatte unsachgemäß nach zu viel gegriffen. So, als hätte sich jemand die ganze Schüssel Salat genommen statt nur einem Schälchen. Wenn hier die Etikette siegt, gehe ich heute ohne neuen Auftrag heim, dachte ich.

Aber so schlimm kann mein Auftreten dann doch nicht gewesen sein, da eine Tagungsteilnehmerin fragte, ob sie nach der Pause neben mir sitzen dürfe. Ihr schien viel daran zu liegen. Womöglich erwartete sie noch mehr Showeinlagen auf der ansonsten eher langweiligen Tagung. Da ich eh schon meine Narrenfreiheit gewonnen hatte, riss ich mich von nun an nicht mehr zusammen. Und packte meine 3D-Brille aus, die ich stets für brenzlige oder öde Situationen parat halte. Daran fand auch meine neue Sitznachbarin Freude und setzte sie sogleich auf – und wurde glatt von der Moderatorin erwischt. Jetzt hatte ich nicht nur mich, sondern auch andere Menschen in eine peinliche Lage gebracht. Dass wir die ganze Zeit tuschelten und wisperten und sich die Leute ermahnend zu uns umdrehten, machte die Sache nicht besser. Immerhin die letzten Hürden, das Abschiednehmen und den Heimweg, schaffte ich, ohne Aufsehen zu erregen.

Julia Siebert

15/05/09