Frauen in Kasachstan und den anderen zentralasiatischen Ländern sehen sich in Beruf und Alltag mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Doch in den letzten Jahren gründen sich immer mehr Initiativen, die Veränderungen einfordern. Darja Losa vom 18. Gymnasium in Almaty hat sich näher mit dem Thema befasst.

Griechenland – zu Zeiten der Antike: die Bewegungsfreiheit von Frauen ist eingeschränkt. Sie verfügen über keine grundlegenden Rechte. Der Hauptzweck ihres Daseins ist die Ehe. Europa, USA – im zwanzigsten Jahrhundert: Frauen erlangen das Wahlrecht. Zudem ist es ihnen erlaubt, eine Ausbildung zu bekommen und außerhalb des Haushalts zu arbeiten. Seit Jahrtausenden bewegt die Frage der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern die Gesellschaften auf der Erde. Auch in Kasachstan wird heute über das Thema kontrovers diskutiert. Denn kasachische Frauen sind, wie auch Frauen in den anderen zentralasiatischen Ländern, mit zahlreichen Problemen in Alltag und Beruf konfrontiert.

Bis heute hat sich an der historischen Rollenverteilung in den meisten kasachischen Ehen nicht viel geändert: der Mann bildet das Haupt der Familie, die Frau ist Hüterin des Heims. Die geschichtlich verankerte Auffassung, wonach die Frau gegenüber dem Mann eine untergeordnete Rolle spielt, ist bei vielen wie selbstverständlich ausgeprägt. Ein Taxifahrer in Almaty brachte das vor kurzem in besonders befremdlicher Weise auf den Punkt, als er freudig bemerkte, dass in einigen Ländern die Frau nicht einmal als Mensch gelte.

Häusliche Gewalt ein verbreitetes Problem

Problematisch wird es dann, wenn das hierarchische Eheverhältnis in Gewalt mündet. Leider kommt das in den zentralasiatischen Ländern ziemlich oft vor, und Kasachstan ist dabei keine Ausnahme. Mitte Mai berichteten kasachische Medien über einen Fall häuslicher Gewalt, der sich in Schymkent ereignet hatte. Ein Mann hatte seine Ehefrau beschimpft, verprügelt und an den Haaren gezogen – alles auf offener Straße, unter den Augen von Zuschauern, am hellerlichten Tag.

Einen anderen Fall machte im Mai eine Zivilorganisation, die sich gegen häusliche Gewalt engagiert, in den sozialen Medien bekannt: Eine Frau aus dem westkasachischen Uralsk hatte sich an die Organisation gewandt, weil sie von ihrem Mann – einem Polizisten – regelmäßig verprügelt worden sein soll. Aus den Schilderungen geht hervor, dass er sie bei einer besonders brutalen Attacke im September 2019 sogar krankenhausreif geschlagen hatte. Die Frau erlitt dabei ein Schädel-Hirn-Trauma und einen Kieferbruch.

Globales Phänomen

Die beiden Beispiele stehen stellvertretend für viele weitere. Und die Coronakrise hat das Problem noch verschärft: Im Juni berichtete die neue kasachische Informationsministerin Aida Balajewa von einem 20-prozentigen Anstieg der Fälle mit dem Beginn des ersten Lockdowns Mitte März. Die „Union der Krisenzentren“ in Kasachstan verzeichnete gar einen Anstieg der Notrufe von betroffenen Frauen von 150 im Januar auf 300 allein in der ersten Aprilhälfte.

Ein UN-Bericht vom Frühjahr zeigt, dass man es hier mit einem weltweiten Phänomen zu tun hat, das besonders in Ländern mit strengem Lockdown zu beobachten war und ist. Genannt wird etwa Frankreich mit einem Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt um 30 Prozent seit dem 17. März. In Ländern, wo Ausgangsbeschränkungen streng umgesetzt wurden, war es für die Betroffenen schwerer, sich an Verwandte, Freunde oder Hilfsorganisationen zu wenden. Außerdem waren sie mitunter der Kontrolle ihrer Peiniger noch schutzloser ausgeliefert, wenn diese etwa Handys oder Laptops einzogen. Der Report nennt zudem Kasachstan als Beispiel dafür, dass durch den Lockdown geplante Gerichtssitzungen abgesagt und die Verhandlungen von Fällen häuslicher Gewalt vertagt wurden.

Mangelnde Chancengleichheit

Ein anderes Problem, das kasachische Frauen betrifft, ist die mangelnde Chancengleichheit. So gibt es in Kasachstan – wie auch in Usbekistan, Kirgisistan, Russland und Belarus – eine Liste von Berufen, die für Frauen verboten sind. Dazu zählen vor allem „gefährliche Berufe“, etwa in der Metallverarbeitung. Die Listen sind ein Relikt aus der Sowjetzeit und sollten nach dem Willen der Erfinder dem Schutz der Frau und ihrer Reproduktionsfunktion dienen.

Aus heutiger Sicht erscheint die Praxis aber als nicht mehr zeitgemäß. Frauenrechtsorganisationen argumentieren, dass Frauen dadurch ihrer freien Berufswahl beraubt und diskriminiert werden. Auf Geheiß des kasachischen Arbeitsministers wurden zwar 2018 zahlreiche Berufe für Frauen freigegeben, allerdings umfasst die Liste nach wie vor 213 verbotene Berufe. Chancenungleichheit äußert sich auch in Gehaltsunterschieden bei Frauen und Männern. So verdienen Frauen in Kasachstan 35 Prozent weniger als Männer, wie Daten des Forschungszentrums für Genderökonomie der Narchos-Universität in Almaty zeigen.

Nicht zuletzt kann man in Zentralasien noch die altertümliche Gepflogenheit des Brautraubs beobachten, die auch in einigen Gebieten Kasachstans noch fortbesteht –
und zwar in der Regel gegen den Willen der Frau. Wie die Staatsanwaltschaft der Oblast Turkestan erklärt, wurden 2019 in Kasachstan 210 Fälle von Brautraub gemeldet. Viele davon blieben unaufgeklärt.

Zahlreiche Initiativen setzen sich für Frauenrechte ein

Die Probleme, mit denen Frauen in Kasachstan konfrontiert sind, rufen auch Reaktionen hervor. Seit Jahren fordern Frauen mehr Rechte und Schutz ein. Sie gründen Gemeinschaften und Initiativen, organisieren Veranstaltungen und Kundgebungen und gründen Krisenzentren für Opfer von Gewalt. 2017 veranstalteten Frauen erstmals einen Frauenmarsch, um ihre Rechte geltend zu machen.

2015 entstand die Gemeinschaft „Kazfem“, die sich mit der Untersuchung und mit der Entwicklung der feministischen Theorie beschäftigt. Ihre Aktivistinnen beteiligen sich an jeder Veranstaltung in der Stadt, die mehr oder weniger mit dem Thema Feminismus zu tun hat. Sie organisieren Frauenmeetings und diskutieren über sexuelle und häusliche Gewalt, über Frauenrechte und Probleme von Frauen in Gefängniskolonien.

Die feministische Initiative „Feminita“ setzt sich für Frauen mit Behinderung sowie für Frauen mit einer anderen sexuellen Orientierung ein. Außerdem informiert sie über Frauenthemen und bietet Trainings für Aktivisten und Anwälte an, etwa zu Rechtsstreits über Diskriminierungsfälle.

Alternative Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag

Ein weiteres Projekt ist „FemAgora“, unterstützt von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es findet seit 2018 rund um den Internationalen Frauentag als mehrtägiges Festival mit Diskussionsrunden. Expertinnen aus Zentralasien kommen hier zusammen, um über Gendergleichheit und Frauenvorbilder in Politik, Wirtschaft, Kunst oder im Bildungsbereich zu sprechen.

Für Lejla Machmudowa, eine der Gründerinnen der Initiative, ist das Festival auch eine Antwort darauf, wie in Kasachstan der Internationale Frauentag gefeiert wird – nämlich ohne Diskussionen über die Probleme, mit denen Frauen im Alltag konfrontiert sind. „Deshalb entschieden wir uns, ein Projekt zu gründen, das Frauen und ihrer Rolle in der Gesellschaft gewidmet ist.“ Bei ihrer Arbeit haben die Künstlerin und ihre Mitstreiter mit den gleichen Herausforderungen zu tun wie auch andere Initiativen – etwa der finanziellen Abhängigkeit von Sponsoren, um Organisatoren und Referenten zu bezahlen; oder der Kritik etwa von Abgeordneten an den Diskussionsveranstaltungen.

Gesetzesänderungen zum Schutz der Frauen

Doch die Arbeit lohnt sich laut Machmudowa. „Man kann zweifellos sehen, dass bürgerliche Initiativen in Kasachstan in den letzten Jahren bis heute einen Aufschwung erleben.“ Immer mehr Menschen würden über Frauenrechte sprechen, immer mehr Frauen an Meetings teilnehmen und ihre Rechte verteidigen. Zugleich mahnt sie, nicht locker zu lassen. „Leider glauben einige immer noch, dass Frauenrechte eine Nebensächlichkeit sind, mit der man sich in der Freizeit beschäftigen kann. Das ist aber nicht so.“ Man müsse die Veränderungen „hier und jetzt“ einfordern. „Es geht um das Leben der Frauen, um ihre Möglichkeiten und ihre Sicherheit.“

Um Frauen besser vor Gewalt und sexueller Belästigung zu schützen, empfiehlt Machmudowa auch Änderungen in der Gesetzgebung. Dort wird etwa häusliche Gewalt zur Zeit nicht als Straftat, sondern nur als Ordnungswidrigkeit behandelt wird. Täter müssen lediglich Verwarnungen oder Freiheitsstrafen von bis zu 20 Tagen fürchten. Die Abschreckung ist so gering. Auch sexuelle Belästigung, besonders am Arbeitsplatz, sollte unter Strafe gestellt werden, findet die Expertin. Frauen, die darunter litten, seien momentan auf sich allein gestellt. Sie hätten nur die Alternative, die Handlungen schweigsam zu erdulden oder zu kündigen und so ihr Einkommen zu verlieren. Das Problem der Gendergewalt sei auf jeden Fall so groß, dass es eine größere Aufmerksamkeit seitens des Staates verdiene.

Darja Losa, 18. Gymnasium in Almaty