Das Goethe-Institut Almaty ruht sich nach dem erfolgreichen letzten Jahr auch in diesem Jahr nicht aus. Seine Leiterin Barbara Fraenkel-Thonet berichtet von anstehenden Projekten, davon wie sie zum Goethe-Institut kam, wie sich ihre Arbeit in den verschiedenen Ländern dieser Welt unterscheidet und wo sie sich selbst zu Hause fühlt.

/Bild: Tengri-Umai. ‚Zeitgenössische Kunst findet Barbara Fraenkel-Thonet spannend, weil sie eine Dynamik entwickelt, die man nicht absehen kann.’/

Barbara Fraenkel-Thonet ist in Meran/Südtirol aufgewachsen, im Norden Italiens. Dort spricht man neben Italienisch vor allem Deutsch, auch in der Schule. Ihr Vater war amerikanischer Diplomat, deswegen war sie schon früh ans Reisen gewohnt. „Wir wohnten in Washington DC, in Marokko und in Thailand. Die Mittelschule und das Gymnasium habe ich allerdings in Südtirol besucht. Meine Oma war von dort.“

Das war der längste Aufenthalt an einem konstanten Ort für die Frau mit dem vollen schwarzen Haar. Ihre Studienjahre verbrachte sie in München, am Institut für Indologie. „Nur nach Indien habe ich es bis heute noch nicht geschafft“, sagt sie und lacht. Dafür an das Münchner Goethe-Institut, und von da an, war ihr Weg nach überallhin offen. Zuerst führte er sie nach Mailand und Murau, 1994 folgte die erste leitende Stelle im Goethe-Institut in Kairo.

„Ich war ans Kennenlernen neuer Kulturen gewohnt“

Das Goethe-Institut ist eine eigenständige unabhängige Organisation, die im Auftrag des Auswärtigen Amts in Deutschland arbeitet. Es gibt weltweit etwa 147 Institute, die zwar in engem Kontakt zu den Botschaften stehen, aber nicht von ihnen gelenkt werden. Die Einrichtungen sind deshalb in ihrer Arbeitsweise frei und kreativ. „Das entstand aus historischer Einsicht heraus, als man nach dem Zweiten Weltkrieg sah, wie gefährlich es sein kann, wenn Kultur an die Politik gekoppelt ist. Kultur muss unabhängig sein!“ betont Fraenkel-Thonet.

Auf Kairo folgte Bratislava, dann Minsk, Berlin und seit kurzer Zeit Kasachstan. Die Arbeiten an den einzelnen Instituten seien sehr unterschiedlich, meint Fraenkel-Thonet: „Kairo war weit entfernt von der deutschen Kultur.“ Das Interesse an der deutschen Sprache war pragmatisch gesteuert, wichtig, um Handel und Tourismus zu betreiben. „An einem fundierten Kulturprogramm waren die ägyptischen Besucher des Goethe-Instituts weniger interessiert.“
Das genaue Gegenteil war Bratislava, das eine knappe Autostunde von Wien entfernt liegt. In Minsk hatte Fraenkel-Thonet begonnen, Russisch zu lernen. Als ihr Auftrag sie in den Osten führen sollte, wusste sie noch nicht viel über Kasachstan und Zentralasien. Spontan fiel ihr ein fiktiver Bericht aus dem Tienschan-Gebirge von Wladimir Nabokow ein. Darin ging es um eine Expedition nach Zentralasien.

Das Programmheft des Goethe-Instituts Almaty für dieses Jahr ist reichlich gefüllt. „Unser aktuellstes Projekt heißt Raum für Raum.“ Kasachische Künstler werden ihre Kunstwerke an öffentlichen Plätzen ausstellen. Das Repertoire reicht von Skulpturen, Aktionen, Installationen bis hin zu Performances. Dem Ganzen liegen eine Studie über öffentlichen Raum zugrunde und die Frage, inwieweit Kasachen im öffentlichen Raum interagieren. „Grundsätzlich kann ich sagen, dass in Almaty die Nutzung des öffentlichen Raums möglich ist, aber er gehört nicht zum Bewusstsein.“ Bei näherer Recherche stellte sich heraus, dass viele Parks und öffentliche Plätze gar nicht öffentlich sind, sondern Privatleuten gehören.

Öffentlicher Raum sehr formalistisch

Außerdem sei der Raum sehr formalistisch gefüllt, mit Gedenkstätten oder politisch gesteuerten Skulpturen. „Man braucht sich nur den Park der Panfilow-Gardisten vor Augen zu halten und sein Kriegsdenkmal, sowie die Ewige Flamme darin.“ Die Parks werden viel genutzt, man trifft dort ständig auf junge Leute und auf Besucher der älteren Generationen. Wichtig bei dem Projekt ist die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Entscheidungsträgern der Stadtverwaltung. „Es muss direkter Kontakt aufgebaut werden und ein konkreter Dialog entstehen.“ Zur Vorbereitung des Projektes wurden Seminare mit dem niederländischen Performance- und Installationskünstler Mark Bijl durchgeführt sowie auch eine Ausschreibung zum Thema, womit kasachstanische Künstler ihren Raum füllen wollen. Jetzt sei die Vorbereitungsphase abgeschlossen, und es könne zum kreativen Teil des Projektes übergegangen werden.

Mitte April fand wieder das Jazzfestival statt, sowohl in Almaty, als auch in Bischkek. Es wird ein Filmfestival und Tanzfestival geben, und im Theaterbereich wird eine engere Zusammenarbeit mit innovativen Regisseuren wie Bolat Atabajew angestrebt. Deutsche Stücke von Autoren wie Brecht und sein gesellschaftskritisches Theater sollen auch in Almaty bekannt werden.

Nachfrage nach Deutschkursen stark gestiegen

Das Goethe-Institut sucht auf professioneller Ebene die Zusammenarbeit zwischen deutschen und regionalen Künstlern. Die Hauptaufgabe ist aber die Sprachvermittlung. Vor allem junge Menschen besuchen „das Goethe“, die Nachfrage für deutsche Sprachkurse ist in den letzten drei Jahren um 20 Prozent gestiegen.

Das liege vor allem daran, dass an den Schulen und Universitäten weniger Deutsch unterrichtet wird, erzählt die Leiterin. Außer in Almaty gibt es auch noch in der Hauptstadt Astana sowie in Kostanai, Karaganda, Pawlodar und Öskemen unabhängige deutsche Sprachlernzentren für Deutschlerner und Kasachstandeutsche. In Schymkent ist im Mai in der Gebietsbibliothek ein deutsches Infozentrum eröffnet worden, sagt Barbara Fraenkel-Thonet, in Semej wird im Herbst eine Bücherschenkung der Gebietsbibliothek übergeben.
Ein Trend macht sich breit: Immer mehr kasachstanische Studenten studieren in Deutschland. Verglichen mit amerikanischen Universitäten ist es dort deutlich günstiger. Noch bis vor Kurzem war Moskau die bevorzugte kasachische Studentenstadt, doch die Situation habe sich dort verschärft. Kasachen gelten dort oft als Bürger zweiter Klasse, die mit dem steigenden Rassismus vor Ort zu kämpfen haben.

Eigene Vorlieben

Auf die Frage nach eigenen Kunstvorlieben ist für Fraenkel-Thonet die klassische Kunst sehr wichtig, weil sie die Basis der Kultur ist. Die zeitgenössische Kunst aber sei spannend zu beobachten, weil sie eine Dynamik entwickelt, die man nicht absehen kann. „Ich versuche immer, zur Berlinale oder zur Frankfurter Buchmesse nach Deutschland zu fahren.“
Leider reichte die Zeit in diesem Jahr für die Berlinale nicht. Ein Film, den sie sich gerne angesehen hätte, wäre die Dokumentation über die Balletttänzerin Pina Bausch von Wim Wenders. Außerdem versucht sie auch, einmal pro Jahr nach Südtirol zu fahren. „Ich bin sehr glücklich, beim Goethe-Institut zu arbeiten. Es ermöglicht mir, mich mit Kulturen auseinanderzusetzten und neue Orte kennen zu lernen. Aber auch wenn ich schon sehr viel gereist und herumgezogen bin, sehe ich meine Heimat immer noch in Südtirol.“

Von Marion von Zieglauer