Die Kasachstandeutsche Elena Krawzowa ist Profisportlerin und repräsentiert die deutsche Schwimmmannschaft bei den Paralympischen Spielen. Wir haben mit ihr über Identität, Integration und Motivation gesprochen.

Elena Krawzowa, Gewinnerin der Silbermedaille bei den Paralympischen Spielen 2012 in London, wurde im Dorf Merke geboren – in einer malerischen Gegend in der kasachischen Region Schambyl. Aber es war der jungen Frau nicht gegeben, die Schönheiten der Natur in ihrem gesamten Umfang zu genießen. Bei ihr wurde die Stargardt-Krankheit diagnostiziert, welche zu einer fortschreitenden Verschlechterung des Sehvermögens bis zur vollständigen Blindheit führt. Doch die Krankheit brachte sie nicht dazu, die Hände in den Schoß zu legen, sondern gab ihr die Entschlossenheit, ihre Lebenskraft unter Beweis zu stellen.

„Wenn man weiß, welche echten Probleme und Entbehrungen über einen Menschen hereinbrechen können, verblasst alles andere, und man übersieht schlicht alle anderen Kleinigkeiten“, sagt die Athletin. Diese Devise hilft ihr, dem Leben zu folgen und Erfolge zu erringen.

Elena, Sie sind in Kasachstan geboren und zu Beginn der 2000er Jahre mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert. Welche Erinnerungen an Ihre Kindheit sind ihnen geblieben?

Das Leben meiner Familie war nicht besonders einfach. Es waren die schwierigen 90er Jahre, die massenhafte Arbeitslosigkeit. Die Republiken der ehemaligen Sowjetunion befanden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass uns gelegentlich das Geld nicht mal für Essen gereicht hat. Zusätzlich begannen bei mir die ernsthaften Probleme mit der Sehkraft. Eines Tages haben meine Eltern einfach ihre Sachen gepackt, sich in den Zug gesetzt und sind auf der Suche nach Arbeit nach Russland gefahren. Die Einladung nach Deutschland haben wir bereits dort erhalten.

Wie verlief die Integration Ihrer Familie?

Ob die Integration erfolgreich sein wird, hängt von dem Menschen selbst ab. In den ersten zwei Jahren nach unserem Umzug haben wir uns nur mit russischsprachigen Personen unterhalten, manchmal kam das Gefühl auf, dass wir nicht in Deutschland, sondern in Russland wären. Und eine solche Isolation trug natürlich nicht zur Integration bei, sondern behinderte uns nur dabei, die Kultur, das Volk und die Mentalität zu verstehen. Ich bemerkte später, dass einige Aussiedler so für Jahre leben.

Ein Wendepunkt und ein wichtiger Moment für mich persönlich war der Umzug ins Internat. Erst dort begann ich, die deutsche Sprache zu beherrschen, da ich gezwungen war, ausschließlich auf Deutsch zu sprechen. Allmählich begann ich, europäisch zu denken, zu urteilen und mich zu verhalten. Deshalb konnte ich mich auch erfolgreich in die Gesellschaft des modernen Deutschland integrieren.

Mein Rat an alle Aussiedler ist, sich nicht nur in einem russischsprachigen Umfeld aufzuhalten, sondern mehr mit einheimischen Deutschen zu verkehren und keine Angst davor zu haben, den Kontakt aufzunehmen. Kurz gesagt, offen für die Welt zu sein und mit Interesse etwas Neues zu lernen. Und sich daran zu erinnern, dass ohne Kenntnisse der deutschen Sprache die Chance, sich zu integrieren, gleich Null sind. Dabei haben wir in unserer Familie die russische Sprache bewahrt. Mit den Eltern unterhalte ich mich immer auf Russisch, sie bestehen sogar darauf.

Was bedeutet für Sie nationale Identität? Sie haben russische und deutsche Wurzeln. Wie nehmen Sie sich selbst war?

Ich bin in Deutschland aufgewachsen, und das konnte mein Weltempfinden natürlich nur beeinflussen. Meine Mentalität ist mehr europäisch, weil ich, wie bereits gesagt, im Internat gelebt und dort gelernt habe, vollkommen ohne Familie auszukommen – und das ausschließlich in einem deutschen Umfeld und in der deutschen Kultur. Aber ich habe auch immer noch etwas von der Kasachstandeutschen in mir – in Form von Gastfreundschaft und bestimmten Lebensansichten.

Sie sind Profisportlerin und repräsentieren die deutsche Schwimmmannschaft bei den Paralympischen Spielen. Wie kamen Sie zum Sport?

Als wir 2003 nach Deutschland kamen, kam ich auf eine Schule in Bamberg. Daraufhin verschlechterte sich mein Sehvermögen rapide und ich wurde auf eine Privatschule für Sehbehinderte in Nürnberg versetzt. Hier lernte ich den Leiter der Sportabteilung Michael Heuer kennen, der mir Sportstunden vorschlug. Anfangs war es Leichtathletik. Als der Trainer irgendwie herausfand, dass ich mit 13 Jahren nicht schwimmen kann, verwunderte ihn das sehr. Seiner Meinung nach sollte jedes Kind dies können. Die Schwimmstunden bereiteten mir große Freude, und die Resultate ließen nicht lange auf sich warten. Die Cheftrainerin der paralympischen Mannschaft Ute Schinkitz wurde auf mich aufmerksam und lud mich in ein Trainingslager ein. Als ich die professionellen Sportler kennenlernte, verstand ich, dass der Sport mir viele Türen öffnen könne.

Ja, es ist ein schwerer und arbeitsintensiver Weg, aber es ist der richtige, wenn man im Leben etwas erreichen will. Ich bin im Dorf aufgewachsen und habe praktisch nichts gesehen. Deshalb habe ich mit Freude und mit großem Enthusiasmus diese Chance genutzt, die mir das Schicksal gegeben hat. Dies hat mir auch die Kraft für das Training gegeben. Mein erster großer Sieg war die Silbermedaille bei den Paralympischen Spielen 2012 in London im 100-Meter Brustschwimmen. In Brasilien 2016 hatte ich leider einen unglücklichen Start. Aber insgesamt habe ich bereits viele Auszeichnungen eingesammelt – ich bin Weltmeisterin, Europameisterin, führe heute die Meisterschaften an und stelle Weltrekorde auf 50, 100 und 200 Metern im Brustschwimmen auf.

Wie lange planen Sie noch, den Profisport auszuüben, und wie motivieren Sie sich für die schweren körperlichen Belastungen?

Die Belastungen sind in der Tat enorm. Ich trainiere 10-12 Mal pro Woche, das sind rund 35 Stunden hartes Training. Und obwohl dies derzeit meine einzige berufliche Tätigkeit und meine Haupteinkommensquelle ist, gibt es immer noch Momente, in denen ich mich zum Schwimmen selbst überwinden und zwingen muss. Ich denke, hiermit ist jeder konfrontiert. Aber es ist meine Arbeit und damit meine Verantwortung. Es kommt der Moment, da geht man hinaus zum Start bei einem wichtigen Wettbewerb. Und genau hier, auf dem Höhepunkt des Ruhms, erntet man in vollem Umfang die Früchte seiner Anstrengungen.

Es ist wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass die Konkurrenten nicht schlafen. Sie arbeiten hart und strengen sich an, dich zu überholen. Und um zu führen und nicht vom Siegertreppchen gestoßen zu werden, muss man viel trainieren. Meiner Meinung nach ist das die beste Motivation. Was meine Pläne betrifft, möchte ich auf jeden Fall bis zu den Spielen in Paris 2024 dabei bleiben. Dafür sind alle Voraussetzungen vorhanden: ich bin in guter Form und zeige gute Ergebnisse.

Wie bewältigen Sie die Schwierigkeiten des Lebens und wo schöpfen Sie Kraft, um nicht den Mut zu verlieren?

Ich weiß sehr gut aus eigener Erfahrung, wie schwierig das Leben sein kann. In der Kindheit gab es viele Entbehrungen, Schwierigkeiten gab es auch im Internat. Einer Person mit einer Behinderung fällt grundsätzlich ein schwieriger Weg zu. Deshalb bezeichne ich mich, auf mein heutiges Leben und meine Erfolge blickend, als glücklich. Bei mir ist wirklich alles bestens. Und es lohnt sich nicht, Probleme aus dem Nichts zu erschaffen. Die Umstände könnten weitaus schlechter sein. Ich bin den Menschen um mich herum dankbar, blicke immer positiv auf Probleme und schätze jeden Moment meines heutigen Lebens. Dies heizt jenes Feuer an, welches in mir brennt und mich zu neuen Höhen treibt. Nichts im Leben gibt es für umsonst, man muss kämpfen, um seine Ziele oder seine Träume zu erreichen.

Waren Sie nach Ihrem Umzug wieder in Kasachstan?

Natürlich! Meine Eltern trafen 2015 die Entscheidung, nach Kasachstan zurückzukehren, ich aber bin mit meinem älteren Bruder in Deutschland geblieben. Er lebt in Bayern, und ich in Berlin, und die beiden Jüngeren gingen zusammen mit den Eltern zurück. Da ich bereits mit sehr jungen Jahren nach Deutschland kam, bin ich bereits ein Teil der europäischen Gesellschaft geworden, und zurückzukehren kam für mich nicht in Betracht. Außerdem bin ich als Profi hier, denn in Europa sind die Chancen für Menschen mit Behinderungen, ihr Leben zu verwirklichen, um ein Vielfaches größer. Aber ich komme jedes Mal mit Freude zurück nach Kasachstan und betrachte es als meine Heimat.

Würden Sie Ihre Pläne für die Zukunft mit uns teilen?

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie ist es ziemlich schwierig, Zukunftspläne vorherzusagen. Trainingslager, Wettkämpfe, sogar die Weltmeisterschaft – alles steht in Frage. Am wichtigsten ist es, nicht die Motivation zu verlieren, weiter zu trainieren, um wieder in Topform zu kommen. Tatsächlich wurde ich vor drei Monaten an der Schulter operiert und befinde mich derzeit in Reha. Aber dies gab mir die Möglichkeit, mehr Zeit meinem Hobby zu widmen – der Kunst der Fotografie. Ich liebe Fotosessions und baue aktiv meinen Account auf Instagram auf. Ich wurde vor kurzem für das Cover des „Playboy“ fotografiert und plane, weiter in der Modelbranche zu arbeiten.

Ein offenherziges Foto und eine mutige Entscheidung. Hatten Sie keine Angst vor Verurteilung?

Zuerst dachte ich daran, wie meine Familie und Freunde darauf reagieren würden. Mein Vater hat konservativere Ansichten als meine Mutter. Aber ich habe niemandem von meinen Plänen erzählt, nur mein Manager wusste davon. Ein paar Tage vor Veröffentlichung der Zeitschrift habe ich es meiner Mutter mitgeteilt. Sie war sehr besorgt, aber schließlich unterstützte sie mich voll und ganz. Mein Vater allerdings, meine Brüder und viele meiner Freunde waren schockiert.

Warum habe ich mich dafür entschieden? Für dieses Magazin haben viele berühmte Sportlerinnen posiert, aber noch nie eine Paralympionikin. Deshalb war dies für mich ein wichtiger Schritt, der Welt zu zeigen, dass selbst Menschen wie wir, die viele für nicht vollwertig halten, schön und selbstbewusst sein können. Es war eine Art Unterstützung für alle jungen Frauen, die ebenfalls Probleme jedweder Art mit ihrer Gesundheit haben. Und wissen Sie – dieser Beweggrund hat sich voll und ganz bewahrheitet. Ich erhielt und erhalte auch heute noch einen Berg an Briefen von jungen Frauen, die sich bei mir bedanken und meinen Mut und meine Schönheit bewundern. Deshalb bin ich froh, dass ich mich trotz des Risikos dennoch für diesen Schritt entschieden habe.

Elena, vielen Dank für dieses Interview.

Olesja Klimenko 

Übersetzung: Philipp Dippl

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