Angeben ist nicht einfach – wenn man es unauffällig tun muss. In Deutschland ist es eine hohe Kunst, zu protzen und zu prunken. Da sagt man nicht einfach so gerade heraus, was man kann und hat, jedenfalls nicht laut.

Das gehört sich nicht. Angeben gehört nicht zum guten Ton, das macht man im Unterton. Das Angeben wird einem schon im Kindesalter abgewöhnt. Kaum hat man sich mühevoll alles Mögliche angeeignet und wird dadurch ermutigt, alles, aber auch wirklich alles zu zeigen, was man produziert hat, wird für jedes kleine Bild gelobt, schon muss man wieder damit aufhören. Einzig das Bedürfnis bleibt.

In anderen Ländern und in manchen Kreisen geht man freier damit um. Dass die Fische nie so groß sind wie die Fischer behaupten, weiß man. Fischer übertreiben. Sie können gar nicht anders. Und drum dürfen sie das auch. Auch die Russen können nicht anders. In Russland ist alles immer am schönsten, leckersten und größten. Hier wie dort. Und niemand wundert sich, dass sich die schönsten Frauen, das leckerste Eis, die beste Schokolade gleichzeitig in Nowosibirsk, Abakan, Wladiwostok, Moskau, Chabarowsk und Woronesh befinden. Rein logisch, mathematisch und grammatikalisch betrachtet, geht das gar nicht. Aber beim Protzen geht es auch gar nicht um Logik, sondern um Optik. Golden soll es zugehen und groß. Groß und golden – das zeigt schon alles, na bitte!

Aber das ist nicht typisch russisch. Sehr viele Kulturen zeigen laut und deutlich, was sie haben. Sie fahren mit großen Autos, mit laut gestelltem Radio und viel zu schnell durch die Gegend, dauernd hupend, als wollten sie uns zurufen: Seht mal her, was ich erreicht habe! Das Auto, immer und ewig wichtigstes Statussymbol. In anderen Ländern fragt man sich auch direkt, was man verdient, wie teuer das Auto war, die Yacht, das Haus. In Deutschland redet man nicht übers Geld. Man zeigt seinen Besitz unauffällig. Man lässt verstohlen, aber doch offensichtlich den Autoschlüssel liegen, man erwähnt das Segelboot erst im zweiten Nebensatz oder hat Fotos von exklusiven Urlauben an den Bürowänden hängen. Wer es genauer wissen will, kann nachfragen. Man selbst muss dann natürlich antworten, das gebietet die Höflichkeit, darum kann von Angeberei keine Rede sein. Im Gespräch jongliert man geschickt mit Weinsorten, Restaurantbesuchen und neuen Möbeln. Man lädt andere zu den Dingen, die man sich locker leisten kann, ein – die eleganteste Variante, den Besitz zu zeigen, ganz die Großzügigkeit.

Immer wieder betonen wir allzu stark, dass wir auf Luxus keinen Wert legen, ihn geradezu ablehnen, dass wir auch mit wenig zufrieden sind, ganz bescheiden wollen wir sein. Und wollen doch alles Mögliche haben. Womöglich glänzt nicht alles, was teuer war. Es darf auch mal eine rustikale Eichentruhe sein, direkt vom Antiquariat mit Seltenheitswert. Aber der hat es preislich in sich.

Und schließlich bleibt, wir können es alle nicht lassen, das Protzen. Und da wir es eh tun, könnten wir es auch ruhig so wie die anderen machen. Das ist zwar nicht so elegant, aber weniger anstrengend als so zu tun, als täten wir es nicht.

Julia Siebert

21/12/07