Eine neue Erhebung der Auslandshandelskammern lässt erahnen, dass die Corona-Folgen deutsche Unternehmen im Ausland noch weit über 2020 hinaus begleiten. Die Firmen in Kasachstan und Zentralasien haben dabei ihre ganz eigenen Sorgen. Doch es gibt auch positive Überraschungen.

Die Corona-Pandemie zwingt Volkswirtschaften und Unternehmen seit Monaten, auf Sicht zu fahren. Konjunkturprognosen werden revidiert, Umsatzprognosen für das laufende Geschäftsjahr gekappt und Investitionen angesichts anhaltender Unsicherheit zurückgestellt. Die in dieser Woche beginnende Berichtssaison für das zweite Quartal liefert erstmals Zahlen, die zeigen, wie sich die weltweiten Lockdowns seit Mitte März auf die Firmenbilanzen augewirkt haben.

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und die Auslandshandelskammern (AHK) bringen aktuell Licht ins Dunkel der wirtschaftlichen Pandemie-Auswirkungen. Zweimal im Jahr – im Frühjahr und Herbst – gibt der Verband mit den Delegationen den „AHK World Business Outlook“ heraus. Dieser basiert auf Umfragen unter deutschen Unternehmen im Ausland und dient der Konjunkturanalyse. Am Montag erschienen nun zusätzlich die Ergebnisse einer Corona-Sonderumfrage, die vom 15. bis 26. Juni 2020 stattfand. Teilgenommen haben daran über 3.300 Unternehmen weltweit.

Weniger Stellenabbau in Kasachstan geplant

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass deutsche Unternehmen in Kasachstan gegenüber dem globalen Durchschnitt mal mehr, mal weniger pessimistisch auf die kurz- bis mittelfristigen Aussichten blicken. So geht zwar sowohl in Kasachstan als auch weltweit die überwältigende Mehrheit der befragten Unternehmen von einem Umsatzrückgang im Jahr 2020 aus. In Kasachstan ist der Wert allerdings mit 87 Prozent etwas höher als im globalen Durchschnitt (83 Prozent). Bei den Investitionsabsichten schneidet Kasachstan dagegen im Vergleich besser ab. Zwar beabsichtigen 48 Prozent der befragten deutschen Unternehmen, ihre Investitionen in dem zentralasiatischen Land zurückzufahren. Weltweit plant dies aber mit 56 Prozent mehr als die Hälfte. Erhöhen wollen ihre Investitionen dagegen nur 4 Prozent der Unternehmen in Kasachstan und 10 Prozent weltweit. Der Rest plant keine Veränderungen.

Positiv sticht Kasachstan bei der Frage zu den Beschäftigungsabsichten hervor. So gaben weltweit 43 Prozent der befragten deutschen Unternehmen an, Personal abbauen zu wollen. In Kasachstan waren das mit 29 Prozent deutlich weniger. Allerdings beabsichtigen hier auch nur 4 Prozent der Unternehmen, neues Personal einzustellen (weltweit 7 Prozent); alle anderen planen keine Veränderungen.

Wechselkurs und Gesundheitswesen als Problemfaktoren

Etwas optimistischer sind die Unternehmen in Kasachstan auch bei der Frage nach der Konjunkturerholung, wenngleich auf niedrigem Niveau. So erwarten 13 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in Kasachstan, dass sich die Konjunktur noch in diesem Jahr erholt (weltweit 7 Prozent). Die überwältigende Mehrheit geht von einer Normalisierung der Wirtschaftsleistung erst im nächsten Jahr (Kasachstan 46/weltweit 50 Prozent) oder noch später (42/43) aus. Kaum ein Unternehmer glaubt also an das von vielen herbeigesehnte Szenario einer V-förmigen Erholung.

Die gravierendsten Unterschiede zeigen sich, wenn es um die Frage nach Herausforderungen bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise geht. Hier nennen 83 Prozent der deutschen Unternehmen in Kasachstan den Wechselkurs (weltweit 28) und 53 Prozent den Zustand des Gesundheitssystems (weltweit 33). Weniger Sorgen bereiten den Unternehmen dagegen die politischen Rahmenbedingungen (Kasachstan 29, weltweit 47 Prozent) und steigende Staatsschulden (Kasachstan 33, weltweit 52 Prozent).

Mehr Investitionsstreichungen

Über die Corona-Auswirkungen für Zentralasien als Region gibt bislang der reguläre AHK World Business Outlook vom Frühjahr Aufschluss. Hier wurden vom 23. März bis 2. April 60 deutsche Unternehmen befragt – 60 Prozent von ihnen waren in Kasachstan aktiv, 30 Prozent in Usbekistan und zehn Prozent in Kirgisistan.

Die Ergebnisse ähneln in vielen Punkten denen der Juli-Umfrage für Kasachstan. Die Hälfte der befragten Unternehmen erwartete eine Verschlechterung ihrer Lage, nur jedes fünfte Unternehmen eine Verbesserung. Mehr als 90 Prozent rechneten mit einem Umsatzrückgang. Das am häufigsten genannte Risiko war auch in der April-Umfrage der Wechselkurs (68 Prozent). Allerdings planten zentralasienweit im April deutlich mehr Unternehmen (knapp zwei Drittel) Investitionsstreichungen, während wiederum – wie in der Juli-Umfrage für Kasachstan – die große Mehrheit (75 Prozent) kein Personal entlassen wollte.

AHK-Leiter: „Nicht auf die Zeit ’nach Corona‘ warten“

Für Hovsep Voskanyan, Delegierter der deutschen Wirtschaft für Zentralasien und Mitorganisator der Umfrage, ist diese Zahl bei allen Problemen ein Lichtblick. Er sieht darin ein „Commitment zum Standort, Vertrauen in die Maßnahmen der Regierungen und ein Maß an sozialer Verantwortung gegenüber der Belegschaft, auf das wir zurecht stolz sein können“. Die deutschen Unternehmen seien in die Region gekommen, „um zu bleiben und erfolgreich zu sein“.

Gleichwohl interpretiert auch Voskanyan die Ergebnisse als Zeichen dafür, dass die Talsohle noch längst nicht durchschritten ist. Besonders der beispiellose Einbruch bei der Umsatzprognose und die geplanten Investitionsstreichungen zeigten, „dass uns die wirtschaftlichen Auswirkungen der Quarantänemaßnahmen noch deutlich länger als bis Ende 2020 begleiten werden“. In dieser Situation benötigten die Regierungen „viel Fingerspitzengefühl bei der Abwägung zwischen nötigen Maßnahmen und vermeidbaren Belastungen“. Die Unternehmen wiederum müssten die veränderten Bedingungen annehmen und kreativ auf sie reagieren. „Da die Fallzahlen in der Region aktuell weiter wachsen, können die Firmen nicht auf eine Zeit ’nach Corona‘ warten, sondern müssen lernen, in der Realität ‚mit Corona‘ erfolgreich zu sein.“

Christoph Strauch

Die Publikationen des AHK World Business Outlook finden Sie auf der Seite der Seite der Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien: https://zentralasien.ahk.de/publikationen?fbclid=IwAR358JsQo8nuWcLfb4-Ystu-R0G2kl_vyC9pVmPK6kA9-P5p5bBndf3UuJU 

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