Eine Rezension von Max Schatz

Krimis sind eines der beliebtesten Literaturgenres überhaupt. Ein Status, den man auch der „russlanddeutschen Literatur“ wünscht, die noch dabei ist, aus ihrer Nische herauszuklettern. Natürlich bleibt die Erfüllung des Wunsches unrealistisch. Aber warum nicht diese unsere Literatur mit der Kriminalliteratur vermischen und damit etwas Neues erschaffen, gewissermaßen eine Lücke füllen? Das dachte sich wahrscheinlich Heinrich Dick, einer der produktivsten und aktivsten russlanddeutschen Autoren. Wobei ich glaube, dass er nicht wirklich viel überlegt hat, sondern eher automatisch zum Krimigenre griff, in dem er sich als viele Jahre beruflich tätiger Rechtsanwalt wie in seinem Element
fühlt.

Russlanddeutsche Krimis… Viele würden einwenden, eine solche Richtung hätte nur am Rande etwas mit der russlanddeutschen Literatur zu tun, die doch in erster Linie die spezifische Geschichte dieses Volkes oder auch die Integrationsproblematik bei der Heimkehr nach Deutschland in der heutigen Zeit abarbeitet. Das stimmt wohl. Doch wenn man den Sammelband „Morde und Intrigen“ mit seinen sechs Erzählungen (Thrillern) betrachtet, schimmert aus dieser Prosa doch auch merklich die russlanddeutsche Mentalität. Nicht umsonst spielen Russlanddeutsche in allen sechs Geschichten die Schlüsselrollen. Damit wendet sich Heinrich Dick eindeutig an seine Landsleute unter den Lesern, doch er stellt deren Aussiedler-Schicksale nie in den Vordergrund – denn dort steht immer die eigentliche kriminalistische Story.

Wahrscheinlich ist es ein guter Weg, Leser zu erreichen: einerseits eine ausgeklügelte und vor allem spannende Geschichte zu bieten, andererseits Wiedererkennung für den russlanddeutschen Leser, ohne dass dabei der alteingesessene Deutsche in irgendeiner Weise nicht angesprochen wäre. Diesen Weg zu gehen – zu kombinieren, ohne das eine durch das andere in den Hintergrund zu drängen –, klingt einfach, ist aber in Wirklichkeit ein schmaler und kunstvoller Grat, der ein feines literarisches Gespür erfordert. Heinrich Dick gelingt es jedenfalls vortrefflich. Und diese Identifikation mit den Charakteren ist umso stärker, als der Autor keine Superhelden kreiert, sondern stets die „einfachen Leute“ mit ihren Unzulänglichkeiten im Blick hat. Das Leben eben.

Sechs Erzählungen, die es wert sind, einzeln in dieser Rezension angeschaut zu werden:

Das Buch fängt mit der längeren Erzählung „Der goldene Armreif“ und der folgenden Ausgangssituation an: Der Protagonist hat gleichzeitig seine Frau und seinen Job verloren, er wacht nach einer aus Frust durchzechten Nacht auf, nicht wissend, wo überhaupt. Dann wird er Zeuge eines Mords. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich will da sofort weiterlesen, um zu erfahren, welche Peripetien noch auf den Armen zukommen und wie er alles meistert. Und es kommt noch viel dazu. Auch wenn die Geschichte, was ein wenig schade ist, den Haupthelden zunehmend aus dem Blick verliert, ist sie super spannend gelungen.

Bei der zweiten Geschichte „Ein gefährlicher Fund“ fiebern wir wieder mit dem unschuldigen Helden mit, der in üble Verbrechen hineingezogen wird. Die Erzählung hat eine hervorragende und witzige Pointe, die nicht einfach vorauszusehen ist. Überhaupt muss man Dicks Krimis sehr aufmerksam lesen, denn jedes Detail könnte eine Rolle spielen.
In „Das Rollenspiel“ tut das tatsächlich jedes Detail, ganz nach Tschechows an der Wand hängendem Gewehr, das irgendwann schießen muss. Wie bei dieser Art von Twists in Buch oder Film, wenn man nicht mehr weiß, was noch real ist und was nicht, bringt der Autor den Leser hier im positiven Sinne durcheinander mit seiner raffinierten Geschichte. Die fantastische Auflösung bildet den krönenden Abschluss. Für mich persönlich ein Meisterwerk, und mag meine Einschätzung auch subjektiv sein, weil ich bisher nicht viele Krimis gelesen habe. Dies hier hat mich jedenfalls vollends von diesem Genre überzeugt.

Wieder eine längere Geschichte, die dem Anspruch, Actionthriller zu sein, gerecht wird, erwartet uns in „Späte Rache“. In den beiden letzten Erzählungen, die wieder mehr Krimis als Thriller sind, spielt die Tante Nut die Hauptrolle – eine ältere Deutsche aus Russland mit Scharfsinn und großer Beobachtungsgabe. Sie hilft bei der Aufklärung von Verbrechen, ja, ist den Kommissaren immer um eine Ecke voraus. So viel zu „Laien“ und Profis. Treffend auch, wie sie sich gegen Vorurteile verteidigen muss: „Sie beschimpfen mich als Russin, als eine alte russische Hexe … Dass ich die russische Sprache beherrsche, ist das etwa schlimm? Sie zum Beispiel, welche Zweitsprache sprechen Sie denn? Französisch … Na, sehen Sie. Nenne ich Sie deswegen eine französische Hexe?“ (S. 198).

Heinrich Dick, „Morde und Intrigen. Sechs spannende Thriller“, Übersetzungen von Vladislav Peschkov, Carola Jürchott, Katharina Kucharenko und Frieda Bayer, Seemann Publishing 2017, 236 Seiten, ISBN 9781520424422

Heinrich Dick ist ein Vollblutschriftsteller. „Morde und Intrigen“ ist nur eines seiner zahlreichen Werke, doch allein dieser Sammelband zeigt schon ganz gut, was dieser Autor kann: in erster Linie vorzüglich, darüber hinaus mit viel Humor zu unterhalten, parallel dazu alle sozialen Facetten des menschlichen Zusammenlebens aufzuzeigen. Er kennt ausgezeichnet verschiedenste Milieus und weiß in jeder Zeile, wovon er spricht. Und schließlich, wenn das Buch auch bewusst keinen hohen literarischen Anspruch erhebt, enthält es dennoch wichtige moralische Botschaften, welche die Weltanschauung dieses außergewöhnlichen Autors und Menschen widerspiegeln: Die Welt der Menschen mit ihrer Habgier, Profitgier ist in weiten Teilen sehr ungerecht. Es sind die unerwartetsten Dinge, kleine Wunder, die uns heilen und hoffen lassen – wie die Mohnblumen in der Erzählung „Späte Rache“.

Auch die vorletzte Geschichte „Tante Nut“ überrascht mit einem philosophischen und tiefsinnigen Ende: „Was, wenn Sie doch Recht haben, und es gibt ihn, Gott… Was dann? Was geschieht dann mit mir?“ (S. 208).

Irgendwann bleibt das dunkle Getriebe des Alltags und der Zivilisation stehen in einem Moment der Stille, der Zeit für Melancholie und Schönheit, für ein bisschen wahres Licht.
Ein rundum gelungenes Buch.

Heinrich Dick
Der Schriftsteller Heinrich (Gennady) Dick wurde am 22. Februar 1955 im Dorf Leninpol (Kirgisistan) geboren. 1979 schloss er sein Jurastudium an der Universität in Perm (Russland) erfolgreich ab. Nach dem Studium arbeitete er 15 Jahre lang in seinem Beruf als Rechtsanwalt. 1993 zog er mit seiner Familie nach Deutschland. Er schreibt Prosa und Lyrik auf Russisch und Deutsch und ist Autor von 30 Büchern für Erwachsene und Kinder, die in mehreren Sprachen erschienen sind. Als Dramatiker schrieb er zwölf Theaterstücke, einige davon wurden bereits inszeniert oder werden für die Bühne vorbereitet. Im Jahr 2017 wurde Heinrich Dick als Schriftsteller in die Liste der bekanntesten Personen, die an der Universität Perm ein Studium absolviert haben, aufgenommen. Er ist Mitglied der Internationalen Akademie für Literatur und Kunst in der Ukraine und in Kirgisistan.
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