Anfang der Woche trafen sich Vertreter aus 25 Ländern und internationalen Organisationen in Taschkent, um über eine friedliche Lösung für Afghanistan zu diskutieren. Das Land befindet sich seit mehr als 16 Jahren im Krieg gegen terroristische und islamistische Gruppierungen, vor allem die Taliban. Doch genau die fehlen am Verhandlungstisch.

Geht es um die Sicherheit in Zentralasien, spielt ein Land eine ganz besondere Rolle: Afghanistan. Immer wieder wird von dem Land am Hindukusch als Bedrohung für die postsowjetischen Länder der Region gesprochen. Tatsächlich wird ein Teil Afghanistans von den radikalislamischen Taliban kontrolliert, in anderen Teilen erfahren sie zumindest große Unterstützung. Diese machen wieder verstärkt durch Terroranschläge auf sich aufmerksam – wie im Januar 2018, als fast 100 Menschen durch einen in einem Krankenwagen platzierten Sprengsatz starben. Eine Studie der BBC hat kürzlich ergeben, dass über ein Drittel des Landes regelmäßig von Anschlägen betroffen ist.

Der afghanische Staat kämpft seit mehr als 16 Jahren gegen die Taliban. Ende Februar bot der afghanische Präsident, Aschraf Ghani, ihnen auf einer Friedenskonferenz in Kabul überraschend Zugeständnisse an: Falls die Taliban sich auf Friedensgespräche einließen, sollten sie auch als politische Gruppe anerkannt werden.

Lesen Sie auch: „Ich möchte meinem Heimatland Afghanistan helfen“

Friedenskonferenz in Taschkent

Am 27. März fand in Taschkent eine weitere Konferenz statt, bei der es darum ging, die Möglichkeiten für eine politische Lösung in Afghanistan auszuloten. An der Konferenz nahmen neben dem usbekischen und dem afghanischen Präsidenten die Außenminister Kasachstans, Kirgisistans, Tadschikistans sowie Turkmenistans teil. Zudem reisten die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Frederica Mogherini, und Vertreter aus Russland, China, Indien, Pakistan, Iran und Saudi-Arabien nach Usbekistan. Auch der deutsche Sonderbeauftragte für die Region, Markus Potzel, war dabei. Nur die Taliban selbst fehlten: Sie saßen nicht mit am Tisch.

Präsident Schawkat Mirsijojew betonte in seiner Rede, dass Usbeken und Afghanen aus einem Kulturraum stammen, ähnliche Sprachen sprechen, derselben Religion angehören. Millionen Usbeken leben in Afghanistan. Sie machen etwa neun Prozent der Bevölkerung aus. Tadschiken sind mit etwa 27 Prozent sogar die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe des Landes. Hinzu kommen kleinere Gruppen von Kasachen, Kirgisien und Turkmenen.

Mogherini bot Unterstützung zur Lösung des Konfliktes an. Europa könne nach dem Krieg bei der Wiedereingliederung der Taliban und ihrer Familien in die afghanische Gesellschaft helfen. Am Tag vor der Konferenz hatte sich Mogherini zudem bereits mit den fünf Außenministern der zentralasiatischen Staaten getroffen, um die neuesten Entwicklungen in der Region und die Ergebnisse des Gipfels in Astana vor zwei Wochen zu besprechen.

Lesen Sie auch: UN-Sicherheitsrat: Kasachstan zieht Bilanz

Islam in Zentralasien

Blick auf die afghnaische Hauptstadt Kabul.
Blick auf die afghanische Hauptstadt Kabul. | Foto: philmofresh/flickr

Die zentralasiatischen Staaten schauen schon lange mit großer Sorge nach Afghanistan, das gemeinsame Grenzen mit Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan hat. Einerseits geht bei den jeweiligen Regierungen die Angst um, dass die afghanischen Zustände in ihre Länder „überspringen“. Andererseits kontrollieren die Taliban den Schmuggel von Waren wie Drogen und Waffen. So geht das United Nations Office on Drugs and Crime davon aus, dass fast hundert Tonnen des afghanischen Heroins nach Zentralasien gelangen. Während ein Teil dort verbleibt, findet der Großteil über die Nordroute via Russland seinen Weg weiter nach Europa.

Andererseits fürchten die muslimischen Länder eine Radikalisierung des Islams, der zwar zum Teil öffentlich gefördert wird, zum Beispiel durch den Bau neuer Moscheen. Doch wird die Religionsausübung auch stark eingeschränkt und bestimmte Aspekte des religiösen Lebens, wie das Tragen eines Hidschabs in Tadschikistan, werden streng kontrolliert. Der sogenannte Islamische Staat rekrutierte seine Kämpfer auch in den postsowjetischen zentralasiatischen Ländern. Experten und Polizeistatistiken sprechen von mehreren Tausend Menschen, die sich dem Kampf der Terrororganisation im Irak und Syrien, aber auch in Afghanistan, angeschlossen haben.

Lesen Sie auch: Tourismus statt Baumwolle: Ein Jahr Mirsijojew

Usbekische Initiative

Usbekistan, das gerade dabei ist, sich international zu öffnen, hat ein also ureigenes Interesse an einem stabilen und friedlichen Afghanistan. Das Land ist zudem als „doppelter Binnenstaat“ nur von anderen Binnenstaaten umgeben und so zweifach vom offenen Meer getrennt. Sichere Transportkorridore durch Afghanistan böten einen schnelleren Zugang zu den pakistanischen und iranischen Häfen am Persischen Golf.

Bereits in den 1990er Jahren fanden auf Initiative des damaligen usbekischen Herrschers, Islam Karimow, Gespräche über die Situation in Afghanistan statt. In den „6 plus 2-Gesprächen“ trafen sich die sechs Nachbarstaaten Afghanistans sowie die USA und Russland, um an einer friedlichen Lösung für Afghanistan zu arbeiten. Damals wurden die Taliban zwar einbezogen, aber nur eine Woche nach der Annahme einer Erklärung, die jegliche militärische Unterstützung für afghanische Gruppierungen ausgeschlossen hatte, starteten die Taliban eine Militäroffensive.

Lesen Sie auch: Die Afghanistan-Bilanz

Deutsche Präsenz in Afghanistan

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 begann ein Militärbündnis unter Führung der USA, zu dem auch Deutschland gehörte, eine Invasion in Afghanistan, in deren Folge die Taliban weiträumig zurückgedrängt worden waren. Die Bundeswehr hat derzeit noch immer mehrere Hundert Soldaten im Einsatz, die vor allem afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und beraten. 57 Bundeswehrsoldaten sind bisher am Hindukusch gefallen.

Bei einem Besuch im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif am vergangenen Wochenende kündigte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an, dass die Truppe aufgrund der instabilen Sicherheitslage von bislang höchstens 980 auf bis zu 1300 Soldaten aufgestockt werden soll. Bei einem anschließenden Treffen mit Ghani unterstützte sie dessen Angebot für Friedensgespräche an die Taliban: „Wo ich mir noch mehr Fortschritte wünschen würde, ist der politische Prozess. Das ist der alles entscheidende Prozess“, sagte von der Leyen.

Die neue außenpolitische Strategie Usbekistans wird weitgehend als Katalysator für die regionale Zusammenarbeit gesehen. Allerdings könnte es damit auch zum Konkurrenten für Kasachstan heranwachsen. Das gilt bisher als wichtigster Partner in der Region, wenn es um politische und wirtschaftliche Belange geht. International präsentiert sich Kasachstan mit den Astana-Friedensgesprächen zu Syrien und dem Sitz im UN-Sicherheitsrat als Mittler in verschiedenen Konflikten. Während seines Vorsitzes im Sicherheitsrat im Januar war der Krieg in Afghanistan ebenfalls ein Thema, das ganz oben auf der Agenda stand.

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here