Zwischen Worpswede und KarLAG – Gedenken vs. Kunst

Eine Besucherin der Wanderausstellung „Paula Modersohn-Becker und die Worpsweder. Zeichnungen und Druckgrafik 1895-1906“ | Bild: Autor

Zur Eröffnung der Wanderausstellung „Paula Modersohn-Becker und die Worpsweder. Zeichnungen und Druckgrafik 1895-1906“ sowie zu einem Runden Tisch zum Thema „Freund oder Feind? Stalinistische Repressionen und das Lagersystem“ hatten am 31. Mai das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen, die Deutsche Botschaft sowie die Friedrich-Ebert-Stiftung nach Karaganda ins Gebietsmuseum für Kunst eingeladen. Während die Ausstellung nach Aschgabad und Almaty (DAZ berichtete) nun in der dritten zentralasiatischen Stadt zu sehen ist, fand der von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisierte Runde Tisch anlässlich des am 31. Mai begangenen Gedenktags für die Opfer der Massendeportation statt.

 

Paula Modersohn-Becker, der zu Lebzeiten nie großer Ruhm vergönnt war, gilt heute mithin als die prominenteste Vertreterin der Worpsweder Künstlerkolonie, weswegen sie auch eine exponierte Rolle in der nun gezeigten Ausstellung einnimmt. Doch auch die anderen Mitglieder des Künstlerkreises, der sich um die Wende zum 20.Jahrhundert in dem unweit von Bremen gelegenen Ort Worpswede formiert hat, sind mit etlichen Werken in der insgesamt um die 60 Exponate umfassenden Ausstellung vertreten.
V.l.n.r.: Peer Teschendorf, Johnny Kramer, Zauresch Saktaganowa. | Bild: AutorDer Düsseldorfer Kunststudent Fritz Mackensen war bereits 1884 zum ersten Mal in dem beschaulichen Dorf im Teufelsmoor gewesen, welches solch einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterließ, dass er 1889 mit seinen Studienfreunden Otto Modersohn und Hans am Ende dorthin übersiedelte und einen eigenen, naturverbundenen Stil entwickelte. 1894 folgten Fritz Overbeck sowie Heinrich Vogeler und mit ihnen die Gründung des „Künstler-Vereins Worpswede“. Wenige Jahre später stießen unter anderem der Dichter Rainer Maria Rilke, aber auch Mackensens Schülerin Paula Becker dazu, welche wenige Jahre später den verwitweten Otto Modersohn heiraten sollte. Die Jahre 1895-1906 gelten als die produktivste Zeit der für ihre Landschaftsmalereien berühmten Worpsweder Gruppe, die sich kurz vor dem viel zu frühen Tod Modersohn-Beckers im Jahre 1907 mehr und mehr zerstritt.
Zu Beginn der Ausstellungseröffnung begrüßte Museumsdirektorin Bibigul Kudabajewa die anwesenden Gäste im gut gefüllten Foyer des Museums. In seinem darauffolgenden Grußwort hob der Ständige Vertreter des Deutschen Botschafters in Kasachstan, Johnny Kramer, als Vertreter der Deutschen Botschaft in Astana die besonderen Verbindungen zwischen Deutschland und Kasachstan hervor, nicht ohne auch explizit auf Heinrich Vogeler zu verweisen. Der Worpsweder Künstler, der – nachdem er sich dem Kommunismus zugewandt hatte – in die Sowjetunion übersiedelte, war selbst als eines der Opfer der Deportationen 1941 nach Karaganda gekommen und verstarb ein Jahr später in einem Dorf im Umland der Stadt.
 Barbara Freifrau von Münchhausen, Leiterin des Goethe-Instituts in Almaty, stellte ihrerseits das gemeinsame Wirken der Worpsweder in den Vordergrund, während Peer Teschendorf, (nun ehemaliger) Regionaldirektor der Friedrich-Ebert-Stiftung für Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan, auf die Rolle des Gedenktags für die Opfer der Massendeportationen verwies.

Lagersysteme gegen Menschlichkeit

Besucher der Ausstellung. | Bild: AutorDen anschließenden Runden Tisch eröffnete Sauresch Saktaganowa, Direktorin des Zentrums für ethnokulturelle und historisch-anthropologische Forschung an der Staatlichen Buketow-Universität Karaganda, mit einem Impulsvortrag zum stalinistischen Lagersystem, in dem sie nicht nur einen fundierten Überblick über die Geschichte des Gulag lieferte, sondern auch einen wissenschaftlichen Vergleich mit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern vornahm. Ebenso wie der anschließend vortragende Michail Akulow von der Kasachstanisch-Britischen Technischen Universität in Almaty verwies sie auf die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex in heutigen Zeiten. Die Publizistin Dina Igsatowa und Schibek Baikasch vom Archiv des Präsidenten der Republik Kasachstan stellten abschließend ein Projekt zur Erfassung und Entschädigung von Kriegsgefangenen vor.

Zwischenrufe der Empörung

Eine Störung erfuhr die Veranstaltung durch Zwischenrufe aus dem Publikum, die sich gegen die Vermischung der beiden behandelten Themen richteten, welche lediglich in der Person Heinrich Vogelers einen gemeinsamen Nenner fanden. So waren einige der Gäste in Erwartung eines Kunstereignisses ins Museum gekommen und empörten sich darüber, dass sie stattdessen die ihrer Meinung nach altbekannten Geschichten vom Gulag aufgetischt bekamen. Da die im Programm angekündigte Diskussion mit dem Publikum entfiel, die Raum zur Klärung solcher Fragen geboten hätte, lag es an Peer Teschendorf mit dem Hinweis, dass niemand eine Gleichsetzung von Opfern beabsichtige, eine versöhnliche Atmosphäre wiederherzustellen. Der unmittelbar danach beginnende Empfang sowie der Rundgang durch die Ausstellung trugen sicherlich maßgeblich dazu bei.
Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Juni in Karaganda zu sehen. Organisatoren der Ausstellung sind das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und das Goethe-Institut mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Astana.