Geboren in Kasachstan, aufgewachsen zwischen zwei Kulturen und heute ein erfolgreicher Grundschullehrer und Gewichtheber in Deutschland: Im Interview spricht Jakob Neufeld über seine Auswanderung Anfang der 1990er Jahre, seine sportliche Karriere, seine Familie und über die Frage, wo er sich wirklich zuhause fühlt.

Herr Neufeld, woher kommen Sie? Warum und wann haben Sie sich entschieden, Kasachstan zu verlassen und nach Deutschland auszuwandern? Wie leben Sie heute in Deutschland? Vermissen Sie Ihre Heimat?

Ich komme aus dem Dorf Komsomolez in der Region Kostanai, das heute Karabalyk heisst. Die Entscheidung, dass wir Kasachstan als Deutschstämmige verlassen und nach Deutschland auswandern, wurde Anfang der 1990er Jahre von der gesamten Familie meiner Eltern getroffen. Am 06.06.1991 sind wir schließlich in Deutschland angekommen. Zuerst der Familienzweig meines Vaters, also die Familie Neufeld, etwa zwei Jahre später folgte die Familie meiner Mutter, also die Familie Morkel. Diese zeitliche Versetzung hat damals auch bedeutet, dass sich die Familie über mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen Konstellationen stets neu zusammenfinden musste.

Nach verschiedenen Auffanglagern – unter anderem in Schöneberg, in Unna und in Dortmund-Eving – hat sich die Familie schließlich in Nordrhein-Westfalen stabilisiert. Fast alle sind in Dortmund geblieben. Meine Familie, also meine Eltern, mein Bruder, meine Schwester und ich, bekam eine Wohnung in Dortmund-Nette. Zwei Onkel sind später nach Ansbach in Bayern bzw. Lohmar in Nordrhein-Westfalen gezogen. Heute ist meine Familie weiterhin stark in NRW verwurzelt. Meine Eltern leben gemeinsam mit meiner Schwester auf einem Hof in Kamen-Methler bei Dortmund. Ich selbst lebe mit meiner Frau und unseren zwei Kindern in Eberbach-Pleutersbach in Baden-Württemberg, direkt am Neckar.

Ich bin verbeamteter Grundschullehrer und arbeite mit großer Freude in diesem Beruf. Gleichzeitig ist der Sport weiterhin ein fester Bestandteil meines Lebens – ich betreibe nach wie vor Gewichtheben und bin aktuell Deutscher Meister in der Altersklasse der „alten Männer“ von 40 bis 45.

Ob ich Kasachstan vermisse? Ja, aus einer nostalgischen Kindheitsperspektive heraus betrachtet, fehlt es mir definitiv. Es sind sehr viele schöne Erinnerungen geblieben, vor allem an das einfache Leben, die Natur und das Gemeinschaftsgefühl. Ich erzähle meinen Kindern auch heute noch viel darüber, wie ich dort aufgewachsen bin.

Vielleicht hängt auch meine heutige Wohnortwahl damit zusammen: Pleutersbach ist sehr ländlich, ruhig und überschaubar. Ich brauche keine Großstadt. Für mich ist es wichtig, dass die Kinder draußen spielen können, dass man seine Nachbarn kennt und sich gegenseitig hilft.

In meiner Umgebung leben auch viele Russlanddeutsche. Sogar mein direkter Nachbar kommt ursprünglich aus Kasachstan, und wir sind über die Jahre sehr gute Freunde geworden. Es gibt also durchaus Parallelen zu früher – eine gewisse Vertrautheit im Alltag.

Natürlich gab es aber auch schwierige Seiten in unserer Familiengeschichte. In Kasachstan waren es einige Erfahrungen im Zusammenhang mit unserer deutschen Herkunft, in Deutschland wiederum gab es anfänglich Anfeindungen, weil wir plötzlich als „Russen“ wahrgenommen wurden.

Diese Phase hat mich lange beschäftigt, weil man sich als Kind und Jugendlicher fragt, wo man eigentlich hingehört.

Heute sehe ich das deutlich klarer. Ich fühle mich sehr gut integriert und als Deutscher, aber mit einem kulturellen Hintergrund, der auch russisch-kasachische Prägungen in sich trägt. Diese Mischung sehe ich inzwischen als Bereicherung meiner Persönlichkeit.

Warum haben Sie sich für das Gewichtheben entschieden? Wer hat Ihre Entwicklung in diesem Sport gefördert?

Der Einstieg ins Gewichtheben kam klar über meinen Vater, der bereits in Kasachstan selbst aktiv war und dort auch als Trainer gearbeitet hat. Dadurch war der Sport von Anfang an Teil unseres Familienlebens. Auch die Verbindung zu Johann Martin, einem bekannten Kraftsportler mit Kasachstan-Wurzeln, bestand schon früh. Ich nannte ihn immer „Onkel Johann“.

Nach unserer Ankunft in Deutschland war für meinen Vater sofort klar, dass er wieder eine Trainingshalle finden muss. Eine Mitarbeiterin vom Bürgeramt hat uns dabei unterstützt, was letztlich entscheidend war. Dadurch fanden wir schnell Anschluss im Sport und bekamen sogar eine Wohnung direkt in der Nähe der Halle.

Ab meinem sechsten Lebensjahr wurde ich von meinem Vater trainiert, ebenso wie meine Geschwister und Cousins. Wir sind praktisch mit dem Gewichtheben aufgewachsen. Früh zeigte sich mein Talent, und mit der Zeit kamen erste Erfolge bei Deutschen Meisterschaften und später auch international.

Als ich in den Nationalkader kam, durfte mein Vater mich nicht mehr offiziell trainieren. Danach hatte ich mehrere Trainer, insgesamt acht, von denen zwei besonders prägend waren.

Thomas Faselt arbeitete viel mit positiver Verstärkung und reflektierte auch eigene Fehler nach Wettkämpfen, was mir sehr geholfen hat. Der zweite war Manolo Galván, zu dem ich zunächst eher zufällig kam. Anfangs wollte ich nicht mit ihm arbeiten, doch das änderte sich schnell.

In einer schwierigen Phase, als mir der Rückzug aus der Nationalmannschaft nahegelegt wurde, hat er mich wieder aufgebaut und zu neuen Bestleistungen geführt. Seine sehr direkte Art hat mich stark motiviert. Er glaubte an mich, so wie es auch meine Familie stets tat. Diese Kombination war entscheidend. Und nach seinem Weggang nach Spanien blieb die Familie die wichtigste Konstante in meinem sportlichen Leben.

Wie lange waren Sie auf professionellem Niveau aktiv? Was sind Ihre größten Erfolge im Gewichtheben?

Auf professionellem Niveau, also mit internationalen Wettkämpfen, war ich von 1998 bis 2016 aktiv. Ich wurde mehrfach Deutscher Meister und gewann bei den Junioren-Europameisterschaften die Silbermedaille. Im Erwachsenenbereich hat es leider nicht für eine internationale Medaille gereicht, obwohl ich auf hohem Niveau konkurriert habe.

Die WM 2011 in Paris war sportlich sehr wichtig für mich. Dort belegte ich den 11. Platz und konnte neue persönliche Bestleistungen erzielen. Diese Veranstaltung ist mir auch deshalb sehr im Gedächtnis geblieben, weil mein „Onkel Johann“ zu dieser Zeit schwer krank war. Ich hatte ihm vor dem Wettkampf gesagt, dass ich für ihn besonders gut heben werde.

Der zweite sehr emotionale Moment war die Weltmeisterschaft in Almaty in Kasachstan. Für mich war es etwas Besonderes, wieder in mein Geburtsland zurückzukehren. Leider war ich verletzt und konnte keine Bestleistungen abrufen. Trotzdem war die Atmosphäre außergewöhnlich: Die Mitarbeiter im Hotel haben mich gefeiert, als hätte ich gewonnen, nachdem sie erfahren hatten, dass ich in Kasachstan geboren bin. Diese zwei Tage dort waren für mich menschlich sehr wertvoll.

Wir würden gern nicht nur über Sie, sondern auch über Johann Martin schreiben.
Johann Martin war immer und ist weiterhin ein wichtiger Teil unseres Lebens. Er ist ein lebenslanger Freund der Familie und begleitet mich bis heute. Nach Wettkämpfen ruft er sehr oft an, gratuliert und motiviert mich, weiterzumachen. Diese Unterstützung bedeutet mir sehr viel.

Mein Vater erzählt oft, dass Johann und er in ihrer Jugendzeit und auch später eng verbunden waren – sportlich wie menschlich. Johann war selbst ein sehr guter Sportler und Trainer. Mein Vater sagt sogar, dass Johann ihm ursprünglich das Gewichtheben beigebracht hat. Diese Verbindung ist also nicht nur sportlich, sondern auch familiär über viele Jahre gewachsen und geblieben.

Wie fühlen Sie sich aktuell in Deutschland? Denken Sie darüber nach, nach Kasachstan zurückzukehren?

Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl. Ich bin gut integriert und habe Freunde aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern, mit verschiedenen Charakteren, Altersgruppen und Meinungen. Gerade diese Vielfalt schätze ich sehr. Ich finde es wichtig, dass nicht alle einer Meinung sind – auch wenn das manchmal zu intensiven Diskussionen oder kleinen Streitereien führt. Aber genau das macht unsere Gespräche oft lebendig und interessant.

Ob ich nach Kasachstan zurückkehren möchte? Nach der Weltmeisterschaft 2014 in Almaty habe ich sehr stark gespürt, dass mir die Mentalität der Menschen dort vertraut ist. Sie sind offen, humorvoll und sehr gastfreundlich. Trotzdem ist Deutschland meine Heimat geworden. Ich habe hier meine Familie, mein Leben, meinen Beruf und meine soziale Umgebung. Deshalb kommt eine Rückkehr für mich nicht infrage.

Was ich mir aber sehr gut vorstellen kann, ist ein Besuch meiner alten Heimat. Besonders Komsomolez und das Dorf Gurjanafka, wo meine Großeltern und viele Verwandte lebten, würde ich gerne noch einmal sehen. Es sind viele Erinnerungen geblieben, die ich gerne auffrischen würde – einfach, um noch einmal an die Wurzeln zurückzukehren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Almas Khairullin.

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