Moynaq war einst der größte Küstenort Usbekistans, bevor der Aralsee austrocknete. Plötzlich standen die Industriehallen leer und die Menschen zogen weg. Normalerweise verschwinden solche Orte ganz von der Landkarte. Aber in Moynaq herrscht auch gut 50 Jahre nach der Katastrophe noch Leben – und ein Musikfestival von kinematischer Wirkung.

Wenn er an seinen Großvater denkt, kommen Erinnerungen an eine andere Epoche hoch. Dann lächelt Asilbek, 18 Jahre alt, gedankenverloren vor sich hin und kramt Geschichten aus dem Gedächtnis, die so alt ja gar nicht sein können. Wie sie Knoten im Fischernetz gebunden und wieder aufgelöst hätten. Wie sein Großvater ihm zeigte, an welcher Stelle das Messer in den Fisch dringen muss, um ihn ausbluten zu lassen. Wie sie gemeinsam am Herd standen und das Familienessen zauberten.

Ein stolzer Moment für den Jungen, weil er wusste, dass ihn da jemand heranführt, der vom Fach sei. Jemand, den die Leute kannten und respektieren, weil er Teil von etwas Größerem war, in einer Stadt, in der der See und seine Fische zum Lebensgefühl dazugehörten. Aber seit Asilbek auf der Welt ist, hat sein Großvater die Fischerei längst aufgegeben, das Fischernetz liegt jetzt im Trockenen und der Fisch, den sie essen, kommt aus einer Eistruhe im Markt. „Eigentlich eine traurige Geschichte“, dann kurzes Schweigen. „Viele sind von hier weggezogen, nach Kasachstan oder Nukus“. Nukus ist die Hauptstadt der autonomen Region Karakalpakstan im Nordwesten Usbekistans und streng genommen die einzige Großstadt des gesamten Gebiets.

Um sich das Ausmaß der Abgeschiedenheit bewusst zu machen, lohnt es sich, den Raum zu beobachten, der zwischen Moynaq und Nukus liegt. Der Busbahnhof am westlichen Stadtrand von Nukus ist staubig und unscheinbar, nicht ausgelegt für Fremde. Eine Schalterhalle oder Anzeigetafel gibt es ebenfalls nicht, sondern nur die rauchigen Stimmen der Busfahrer.

Einer brüllt in schnellem Takt „Moynaq, Moynaq, Moynaq“ in die warme Morgenluft. Als dann etwa ein Dutzend Personen im kleinen, überhitzten Bus mit den abgesessenen Polstern und ausgeblichenen Vorhängen sitzen, geht es los. Ein paar ältere Frauen in seidigen Blusen und Kopftüchern quatschen laut vor sich hin. Die Männer sitzen stumm im hinteren Teil und starren auf ihre Handys. Durch die Buslautsprecher läuft kein Radio, sondern eine Playlist lokaler Popmusik mit schnellen Beats.

Es wird eine lange Fahrt für „nur“ 200 Kilometer, der Großteil davon geradeaus durch unbewohntes Flachland. Zweimal hupt der Fahrer wütend ein paar Schafe und Kamele zur Seite. Der Wind bläst schneidend durch das offene Schiebefenster.

Am Wegrand wachsen ein paar olivgrüne Sträucher, ansonsten nur Sand, Steppenroller und kleine Büsche, so geht das etwa zwei Stunden lang, ohne Kurven, ohne Anstieg. Monotone, flache Trockenwüste.

Die Vergangenheit liegt noch in der Luft

Die Ankunft in Moynaq erinnert sofort an bessere Zeiten, vom muschelartigen, touristischen Stadtemblem, der zweispurigen, frisch asphaltiert aussehenden Hauptstraße und einem in die Jahre gekommenen Flugzeugkörper. Einen kleinen Flughafen gibt es auch. Aber die Realität lässt nicht lange auf sich warten: Die Seitenstraßen sind sandig und nicht asphaltiert, die Luft schmeckt körnig. Im Café am Busbahnhof wird in einer Mikrowelle mit Ofenfunktion Somsa gebacken, leicht verbrannter Geruch mischt sich mit Tee und Wüstenstaub. Das Modell stammt optisch noch aus den 90ern, der unbelichtete Innenraum mit Plastikstühlen und -tischdecken dekoriert. Eine gebackene Teigtasche, gefüllt mit Kartoffel und Rindfleisch, kostet hier umgerechnet 35 Cent.

Der Hauch des Vergangenen ist hier erstaunlich lebendig. Die leerstehenden Häuser überleben jeden eiskalten Winter aufs Neue, die Hotels kommen offenbar ohne Kundschaft aus, gelangweilte Marschrutka-Fahrer am Busbahnhof nippen an ihren Zigaretten. Viel los ist nicht gerade. Ende der 1950er Jahre wurden 21 Millionen Fischkonserven in Moynaq produziert, zwanzig Jahre später war es dann vorbei. Die einstige Küste des Aralsees, die den Ort wachsen und prosperieren ließ, ist um mehrere Kilometer gen Westen verdunstet. Heute gibt es dort nur noch ein kleines Becken, das etwa 10 Prozent der einstigen Größe des Sees abdeckt. In Moynaq hat man die Überreste der Konservenfabriken an der verlassenen, ausgetrockneten Küste sich selbst überlassen. Inmitten von Verpackungsmüll, Plastikflaschen und Kuhfladen.

Im kleinen Museum am ehemaligen Leuchtturm von Moynak ist die politische Ratlosigkeit in Nostalgie gegossen. Bilder von kleinen Fischerbooten, Fabrikhallen und Sonnenuntergängen auf offenem See machen die Hälfte des Bestands aus. Die andere Hälfte besteht aus ausgestopften Vögeln, die zur ehemaligen Fauna des Aralsees gehört haben. Und es gibt eine kurze Doku, produziert von Qarakalpaqfilm, dem nationalen Filmstudio in Nukus. Sie ist von Ende der 1990er und erzählt das Verschwinden des Sees im gleichen Ton, wie der Ort selbst: Ohne Aussicht auf Rettung, aber mit viel Wasser aus der Vergangenheit.

Stadt der Apokalypse?

Man muss also auch anerkennen: All jene, die sich hier als „Reisende“ oder „Wissenschaftler*innen“ ausgeben und deren überwiegende Mehrheit aus Europa kam, sie betreiben ja doch nur eine Form von Misery Tourism. Denn Moynaq hat weder einladende Gasthäuser oder Cafés noch gut kuratierte Museen zu bieten. Und seit der Aralsee verschwunden ist, gibt es auch kein Wasser mehr, das sich bestaunen oder in dem sich baden ließe. Man reist in der Erwartung hierher, Armut und Verfall zu begutachten.

Die Stadt selbst scheint dieses Image in Teilen mit zu pflegen. An der ehemaligen Küste, auf dem Boden des ehemaligen Seebetts, stehen verrostete, scheinbar „auf Grund gegangene“ Schiffswracks. Eine Inszenierung des Abgrunds, die von den wenigen, westlichen Touris als Fotokulisse für Selfies genutzt wird. Oder als offener Freizeitpark für die Kinder, die hier aufwachsen: „Der Schiffsfriedhof ist wie ein Spielplatz für uns gewesen“, sagt Asilbek.

Was unmittelbar zu der Frage führt, welche Familien hier eigentlich noch leben. Denn ein apokalyptischer Geisterort, als welcher Moynaq oft bezeichnet wird, sieht anders aus. Um 13.00 Uhr strömen hunderte Kinder in Uniform über die Hauptstraße, es scheint noch mehrere aktive Schulen zu geben. Wovon leben die Menschen an einem Küstenort ohne Küste? Die von der Fischerei gelebt, aber keine Fische mehr haben?

Laut Asilbek ist es vor allem „einfache Arbeit“: „Viele betreiben Landwirtschaft, es gibt wenig Vielfalt und nur noch ein wenig Handel mit China. Und dann natürlich noch Lehrerinnen oder Ärzte. Meine Mutter arbeitet als Biologielehrerin, mein Vater an der Tankstelle.“

Der See war ja nicht nur ein Wasserbecken, sondern ein Biotop, an dem Arbeitsplätze, eine entsprechende Flora und Fauna sowie klimatische Moderation des extremen Kontinentalklimas hing. Das alles ist inzwischen verschwunden. Und die Bemühungen, den See zu retten, halten sich in Grenzen. Die beiden Hauptflüsse, der Amudarja und der Syrdarja, die den See einst gefüllt haben, fließen weiter umgeleitet in die Baumwollproduktion. Das Geschäft mit der Baumwolle scheint lukrativer zu sein als ein gesundes Ökosystem. Weitere Ideen, wie die Umleitung anderer Flüsse in den See oder eine künstliche Steigerung des Niederschlags, gelten entweder als unmöglich oder nicht nachhaltig. Unter Asilbek und seinen Freunden hat das auch ein Umdenken im Umgang mit der eigenen Geschichte ausgelöst: „Die ältere Generation hat noch viel Wertschätzung für die Sowjetunion übrig. Ich finde das absurd: Ist die Sowjetunion nicht der Grund für das Verschwinden des Aralsees?“

Elektronisches Musikfestival als Hoffnungsträger

Die Industrie ist ja nicht das einzige Problem, das am Aralsee zurückgelassen wurde. „Hier zu leben, ist krankheitserregend“, sagt Asilbek. „Viele Ältere leiden an Atemwegserkrankungen. Es gibt keine Zukunftsmöglichkeiten. Deswegen möchte die junge Generation auch nicht in Moynaq bleiben, sondern studieren, in Nukus, in Taschkent, oder gleich im Ausland.“. Er selbst nimmt sich da nicht raus: „Mit 15 habe ich mich dazu entschieden, Moynaq zu verlassen und aufs Lyzeum in Nukus zu gehen.“

Es ist erstaunlich, dass Moynaq allen gesundheitlichen, infrastrukturellen und industriepolitischen Widrigkeiten zum Trotz nicht zu dem Geisterort verkommt, der ihm immer wieder als Schicksal prognostiziert wurde. In Asilbeks Wahrnehmung haben die vergangenen Jahre sogar kleine, bemerkbare Fortschritte gebracht: „Vor 15 Jahren war die Stadt in einem noch schlechteren Zustand. Es gab nicht mal eine funktionierende Straße. Das Leben war eine pure Herausforderung.“

Dass Moynaq und seine Geschichte unter allen Umständen am Leben gehalten werden soll, hat auch die Kunstwirtschaft auf den Plan gerufen. Seit 2018 findet alljährlich im Frühsommer das elektronische Musikfestival „Stihia“ statt, das – ähnlich wie im Drama „Sirāt“, das in Cannes prämiert wurde – eine trockene Staubwüste in politisch aufgeladener Topographie zum Ort für Rausch und Tanz erklärt. Als hätte der Aralsee, auch wenn es ihn streng genommen gar nicht mehr gibt, weiterhin eine Anziehungskraft. Dennoch wurden zum Festivalabschluss symbolisch drei Buchstaben verbrannt: S. E. und A. In hoffnungsloser Lage hilft nur Galgenhumor.

Yannik Yeşilgöz

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