Nach 1917 forderte die „Alash“-Partei die Umwandlung des russischen Zarenreichs in einen föderativen Staat sowie einen autonomen kasachisch-kirgisischen Nationalstaat. Achmet Baitursynow, einer der intellektuellen Anführer, stellte sich nach der Auflösung der Bewegung auf die Seite der bolschewistischen Machthaber. Doch sein früheres Engagement für die Nationalbewegung wurde ihm später unter Stalin zum Verhängnis.

Die drei Hauptforderungen der Partei waren die Erneuerung und Modernisierung des Islam in Zentralasien, das Recht der zentralasiatischen Steppenvölker auf das traditionelle Nomadentum sowie die Rücksiedlung der zahlreich in Turkestan vertretenen russischen und ukrainischen Siedler. Die intellektuellen Führer dieser Bewegung waren Achmet Baitursynow und seine Mitstreiter der Wochenzeitung „Qazaq“, die zum Sprachrohr der Partei wurde.

Das Altaigebirge ist ein beeindruckendes Stück Erde. Der bis zu 4.500 Meter hohe Gebirgsstreifen erstreckt sich auf einer Länge von 2.100 Kilometern zwischen Kasachstan, Russland, der Mongolei und China. Die Region besticht durch eine atemberaubende, wilde Landschaft und faszinierende Flora und Fauna. Irgendwo hier, in dieser wilden Gegend, soll sich auch die Urheimat der sogenannten аltaischen Sprachen verbergen.

Zu dem Bund der Altaisprachen, der rund 60 verschiedene Einzelsprachen vereint, zählen neben den tungusischen und mongolischen insbesondere die Turksprachen. Während auf die mongolischen und tungusischen Sprachen heute allerdings wohl lediglich leicht mehr als 8 Millionen Sprecher insgesamt entfallen, sprechen rund 180 bis 200 Millionen Menschen eine Turksprache.

Doch auch in der Sprachwissenschaft existieren widersprüchliche Theorien. Die neuere Forschung verortet die Urheimat der Turksprachen ein ganzes Stück weiter östlich in der südwestlichen Mandschurei – irgendwo dort, wo heute die Grenzen von China, der Mongolei, Russland und Nordkorea aufeinandertreffen. Gesprochen werden die Turksprachen heute in einem riesigen Gebiet, welches sich vom Balkan über den Kaukasus und Zentralasien bis nach Westchina und vom Iran bis ans Nordpolarmeer erstreckt. Gemein ist den rund 40 Sprachen dieser Sprachfamilie, dass sie sich relativ ähnlich sind und sich die jeweiligen Sprecher zumindest teilweise untereinander verständigen können.

Die Kasachen und der Weg zur Zweisprachigkeit

Eine eigene Sprache besitzen die Kasachen seit vielen Jahrhunderten. Das Kasachische, ebenfalls eine Turksprache, war schon immer die Sprache der nomadisch lebenden Reitervölker, die auf dem Territorium des heutigen Kasachstans lebten. Allerdings besaß die Sprache der Kasachen lange Zeit keine Schrift. Die Nomaden selbst kannten es nicht, Dinge niederzuschreiben. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden überregionale Verkehrssprachen wie das osttürkische Tschagataisch für Texte und Schriften verwendet.

Allein die in China lebende Minderheit der Kasachen besaß bereits seit dem 11. Jahrhundert ein auf dem Arabischen basierendes Alphabet, welches bis zur Einführung eines lateinischen Schriftsystems zu Beginn des 20. Jahrhunderts benutzt wurde. Spätestens als sich gegen Mitte des 18. Jahrhunderts die kasachischen Stammesfürsten dem Russischen Zarenreich unterstellten, existierte hier im Alltag eine gewisse Zweisprachigkeit mit dem Russischen. In Zentralasien entstand das Gouvernement Turkestan und im Jahr 1867 wurde Werny gegründet, das heutige Almaty.

Händlerparadies Werny

Mit der Gründung von Werny zog es auch bald Handelsmänner und Geschäftstreibende hierher. Viele Kaufmänner kamen in Werny zu Ruhm und Geld und konnten sich Privathäuser leisten, die noch heute mit ihrer Pracht das Stadtbild prägen. Auch ein gewisser Sawwa Fjodorowitsch Subow kam in dieser Zeit in die Stadt und brachte es zu bescheidenem Wohlstand. Über seinen Lebensweg ist so gut wie nichts bekannt, aber der sogenannte Nikolsker Markt in direkter Nachbarschaft der Nikolaus-Kathedrale im Südwesten der Stadt soll auf seine Initiative zurückgehen.

Das Gelände in dieser Ecke der Stadt galt als unfruchtbar und hügelig und war daher für die Landwirtschaft ungeeignet. Doch Hütten, Scheunen, Bretterverschläge und einen kleinen Marktplatz konnte man dort anlegen. Der Nikolski-Basar existierte seit 1914, und Handel wurde dort bis ins Jahr 2020 getrieben. Davon abgesehen hinterlässt Sawwa Subow der Nachwelt sein Wohnhaus, welches ebenfalls bis heute überdauert hat. Subows Wohnhaus, dessen Baumeister unbekannt ist, ist ein schlichter, einstöckiger Holzbau auf einem steinernen Keller. Das schlichte Holzgebäude im russischen Stil wurde aus der sogenannten Tienschan-Fichte hochgezogen, die in den nahegelegenen Bergen wächst.

Achmet Baitursynow wird politisch

Die Festung Werny existierte erst seit sechs Jahren, als am 5. September 1873 in der Oblast Turgai, heute Kostanai, ein gewisser Achmet Baitursynow geboren wurde. Baitursynow besuchte in den ersten Jahren die Schule in dem Dörfchen Turgai, bevor er nach Orenburg ging und dort eine vierjährige Ausbildung zum Lehrer absolvierte. Ab 1895 war er an verschiedenen Dorfschulen tätig.

Die politischen Aktivitäten von Achmet Baitursynow begannen rund um das Jahr 1905. Er beteiligte sich an der Gründung des kasachischen Zweiges einer Konstitutionell-Demokratischen Partei, wofür er 1909 zum ersten Mal festgenommen wurde. Der Vorwurf lautete: Verbreitung der Idee einer autonomen Selbstverwaltung sowie Anstachelung zum ethnischen Hass zwischen Kasachen und Russen. Die nächsten Jahre musste er in Orenburg in der Verbannung verbringen.

In diesen Jahren zwischen 1910 und 1917 arbeitete Baitursynow an seinem intellektuellen Hauptwerk. 1912 veröffentlichte er erstmals ein Werk mit dem Namen „Oqu qural“, in welchem er eine Adaption der arabischen Schrift für die kasachische Sprache vorstellte. 1915 erschien sein aus drei Bänden bestehendes Lehrbuch der kasachischen Sprache „Til qural“. Ebenfalls gab er zusammen mit zwei Mitstreitern, Mirschakip Dulatow und Alichan Bukejchanow, die kasachischsprachige Wochenzeitung heraus, in der er sich mit der Bildung, Kultur und Sprache des kasachischen Volkes beschäftigte. Auch literarische Übersetzungen ins Kasachische und die Zusammenstellung von Lehrbüchern für die kasachische Sprache fielen in diese Zeit.

Forderung nach Modernisierung des Islam in Zentralasien

Als im zaristischen Russland 1917 die Revolutionen ausbrachen, standen auch in Zentralasien chaotische Zeiten an. Bereits nach der ersten Revolution in Petrograd im Februar 1917 gründeten kasachische und kirgisische Intellektuelle in Orenburg eine Nationalpartei der Steppenvölker in den Generalgouvernements Turkestan und Steppe. Die Partei, die fortan als „Alash“-Partei auftrat, forderte die Umwandlung des russischen Zarenreichs in einen föderativen Staat sowie einen autonomen kasachisch-kirgisischen Nationalstaat für die zentralasiatischen Steppennomaden.

Die drei Hauptforderungen der Partei waren die Erneuerung und Modernisierung des Islam in Zentralasien, das Recht der zentralasiatischen Steppenvölker auf das traditionelle Nomadentum sowie die Rücksiedlung der zahlreich in Turkestan vertretenen russischen und ukrainischen Siedler. Die intellektuellen Führer dieser Bewegung waren Achmet Baitursynow und seine Mitstreiter der Wochenzeitung „Qazaq“, die zum Sprachrohr der Partei wurde.

Mit dem Sturm auf das Winterpalais in Petrograd änderten sich auch in Zentralasien die politischen Verhältnisse. Am 13. Dezember 1917 rief die Alash-Partei in Orenburg die Kirgisische Autonomie, die Alash-Orda aus. Kasachisch wurde von nun an in der von Baitursynow erdachten arabischen Schrift geschrieben. Doch auf die Oktoberrevolution folgte ein blutiger Kampf zwischen Bolschewiken und zaristischen Truppen. Auch die Alash-Orda versank in Richtungskämpfen über die politische Zukunft des autonomen Gebietes und zerfiel in mehrere Lager.

Die Auflösung der Alash-Orda

Die Bolschewiken entschieden den Bürgerkrieg für sich, lösten 1920 die Alash-Orda auf und gründeten die Kirgisische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik innerhalb Sowjetrusslands. Achmet Baitursynow stellte sich anschließend auf die Seite der neuen Machthaber und konnte in den folgenden Jahren verschiedene Posten als Volkskommissar und als Dozent für kasachische Sprache, Literatur, Geschichte und Kultur bekleiden. Für die kasachische Sprache bedeutete dies 1926 vorerst eine Umstellung auf das lateinische Alphabet.

Am 2. Juni 1929 wurde Achmet Baitursynow in Alma-Ata als ehemaliges Mitglied der Alash-Partei im Zuge der Stalinistischen Säuberungen verhaftet und in Moskau aufgrund von konterrevolutionären Aktivitäten zum Tode verurteilt. Diese Strafe wurde zuerst in zehn Jahre Lagerhaft, später in eine dreijährige Verbannung umgewandelt. Dies ermöglichte es Baitursynow, 1934 nach Alma-Ata zurückzukehren, wo er fortan bei einer Tante im Haus des ehemaligen Kaufmanns Sawwa Subow wohnte. Achmet Baitursynow wurde 1937 erneut festgenommen und schließlich am 8. Dezember nahe Alma-Ata erschossen. Im selben Jahr erhielten sämtliche Turksprachen auf dem Gebiet der Sowjetunion ein kyrillisches Alphabet.

Achmet Baitursynow wurde 1988 vollständig rehabilitiert. Im Zuge dessen wurde seine letzte Wohnstätte, das Subow-Haus, in ein kleines Museum umgewandelt, welches seinen Lebensweg und seine Verdienste um die kasachische Sprache und Kultur aufzeigt. Die Verwendung der von Baitursynow erdachten arabischen Schrift ist allerdings heute kein Thema mehr. Seit geraumer Zeit treibt die kasachische Regierung die Umstellung des Schriftsystems auf eine an die kasachische Sprache adaptierte lateinische Schrift voran. Bis dies vollständig umgesetzt ist, dürften allerdings noch einige Jahre vergehen.

Philipp Dippl

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