Es gibt Gebäude in Taschkent, die nicht ganz in die traditionelle Architektur der Stadt passen. Darunter zählt auch der Romanow-Palast, der sich im Stadtzentrum, ganz in der Nähe des Amir-Temur-Platzes sowie des Unabhängigkeitspalastes befindet. Obwohl die damalige Residenz dicht von großen Eichen umgeben und somit kaum sichtbar ist, zieht es trotzdem immer wieder die Aufmerksamkeit der Bewohner und Touristen auf sich.

Der Palast im Stil der Spätmoderne wurde im Auftrag des Großfürsten Nikolai Konstantinowitsch Romanow im Jahr 1891 nach Planung der Architekten Wilhelm Heinzelmann und Alexej Benois erbaut. Nikolai war der älteste Sohn des Großfürsten Kostantin Nikolajewitsch Romanow (Sohn des russischen Zaren Nikolaus I.) und dessen deutscher Frau Alexandra von Sachsen-Altenburg. Zusammen mit einer seiner Geliebten wurde er 1870 beschuldigt, Diamanten aus der Ikone seiner Mutter gestohlen zu haben. Nikolai bestritt jede Beteiligung an dem Diebstahl, nahm aber dennoch anschließend die Schuld auf sich.

Um den Ruf der königlichen Familie nicht zu schaden, wurde beschlossen, Nikolai öffentlich als verrückt anzuerkennen, die Erwähnung seines Namens in Dokumenten im Zusammenhang mit dem Kaiserhaus zu verbieten und das Erbe auf die jüngeren Brüder zu übertragen. Er wurde aller Titel und Auszeichnungen beraubt und aus St. Petersburg vertrieben. Im 19. Jahrhundert wurde das Territorium Turkestan, welches das Gebiet des heutigen Usbekistans umfasst, ein Ort des Exils im zaristischen Russland. So kam auch Romanow nach einigen Jahren Exil in verschiedenen Städten des Russischen Reiches letztendlich nach Taschkent.

Romanow ein angesehener Bürger der Stadt

Der Aufenthalt Nikolais vor Ort erwies sich als sehr kreativ und produktiv: Er beteiligte sich an zahlreichen Infrastruktur- und Kulturprojekten der Stadt, darunter auch am Bau von Bewässerungskanälen. Zudem besaß er in der Stadt eine Seifenfabrik, Fotowerkstätten, eine Reisverarbeitungsfabrik und mehrere Baumwollfabriken. Darüber hinaus ließen ihn auch menschliche Schicksale nicht gleichgültig und er unterstützte viele Einwohner der Stadt finanziell. Forscher aber betrachten Nikolai Romanows Beiträge zur Entwicklung der Region Taschkent als unterschätzt und nicht vollständig untersucht.

Einrichtung im orientalischen Stil

Das elegante zweistöckige Gebäude aus grau-gelben Ziegelsteinen ist reich verziert mit geschnitzten Gittern, ungewöhnlich geformten Buntglasfenstern, Türmen und anderen dekorativen Elementen. Der Großfürst war ein leidenschaftlicher Jäger, so dass die Haupteingänge zur Villa mit Bronzefiguren von Hirschen und Jagdhunden verziert waren. Auch ziert den Hof ein Brunnen, der heute aber nicht mehr in Betrieb ist. Nicht zufällig wird die Residenz in Taschkent als „kleiner Peterhof“ bezeichnet, da der Palast in St. Petersburg als Prototyp für den damaligen Bau galt.

Im Inneren gab es eine Bibliothek und einen Billardraum. Spezielle Wohnzimmer waren im Keller ausgestattet, wo Romanow die Kühle an den heißen Sommertagen genießen konnte. Das Gebäude hat zwei Flügel – rechts waren die Wohnungen Nikolais, links die Gemächer seiner Frau. Besonderes Augenmerk wurde auf die Inneneinrichtung des Palastes gelegt. Die Hallen des Herrenhauses waren mit dunkler Eiche bedeckt, verziert mit geschnitzten Gesimsen und Goldmalereien. Eine der Hallen war im orientalischen Stil dekoriert – Buchara-Teppiche auf dem Boden, Sammlungen von Schusswaffen und Gemälde mit Landschaften Zentralasiens. Auf der Rückseite des Gebäudes befand sich ein Ausgang zu einer Parkanlage mit Wintergarten und einem japanischen Garten, die vom berühmten russlanddeutschen Botaniker und Apotheker Karl Hironim Teodor Krause angelegt worden war.

Renovierung und Eröffnung eines Museums

Am 27. Januar 1918 starb Großfürst Nikolai und wurde in der St.-Georgi-Kathedrale in Taschkent bestattet, die unter dem sowjetischen Regime jedoch abgerissen wurde. Nach dem Tod Nikolai Romanows änderte sich die Nutzung seines Anwesens mehrmals. Lange Zeit war es das Kunstmuseum von Usbekistan, da die Sammlung von Gemälden europäischer und russischer Gemälde, die von Romanow mit Begeisterung gesammelt wurden, ziemlich umfangreich war und große Aufmerksamkeit verdiente. Später befand sich dort das Museum für Antiquitäten und Schmuck von Usbekistan.

Nachdem Usbekistan die Unabhängigkeit erlangt hatte, wurde das Gebäude restauriert und seit 1992 als Empfangshaus des usbekischen Außenministeriums genutzt. Somit war der Zutritt für Interessierte lange Zeit nicht gestattet. Dies soll sich jedoch ändern: Bereits 2021 gab der stellvertretende Premierminister und Minister für Tourismus und Sport Asis Abduchakimow bei einer Pressekonferenz bekannt, dass das Haus Romanow restauriert und für die Öffentlichkeit als Museum zugänglich gemacht werden soll. Etwa 500 Exponate aus der Kunstsammlung des Staatlichen Kunstmuseums Usbekistans sollen in die Dauerausstellung des renovierten Museums aufgenommen werden. Wann die Pläne umgesetzt werden sollen, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch unklar.

Annabel Rosin

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