Vom 19. bis 28. Januar fand in Berlin die Internationale Grüne Woche statt. Den Anlass nutzte eine Delegation um Kasachstans stellvertretenden Landwirtschaftsminister Jerbol Tasschurekow, der Bundeshauptstadt einen Besuch abzustatten. In einem Interview mit der DAZ sprach der Agrarpolitiker über Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kasachstan im Bereich der Landwirtschaft, Kasachstans Ambitionen zu mehr Selbstversorgung und Maßnahmen, um mehr Investitionen anzuziehen.

Herr Vize-Minister, Sie waren zum ersten Mal in Berlin auf der Internationalen Grünen Woche (IGW). Was waren Ihre Eindrücke?

Ich war sowohl auf der Internationalen Grünen Woche (IGW) als auch auf dem Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) in Berlin zum ersten Mal. Insbesondere war ich beeindruckt von der großen Teilnehmerzahl und Allgemein der Organisation.

Wie ist Kasachstan auf der Grünen Woche vertreten?

Kasachstan nimmt jedes Jahr aktiv an dieser Ausstellung teil. Im Jahr 2018 eröffnete Kasachstan seinen Pavillon unter den 65 Teilnehmerländern. Die Beteiligung kasachischer Unternehmen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Wurden im Jahr 2018 die Produkte von zehn Unternehmen präsentiert, waren es dieses Jahr schon Produkte von mehr als 20.

Veranstaltungen wie die Grüne Woche geben neue Impulse für die Entwicklung der bilateralen Zusammenarbeit und den Aufbau von Handelspotenzialen. Die Zusammenarbeit in diesem Bereich wird sich jedes Jahr weiterentwickeln und die Zahl unserer Teilnehmer und Geschäftsprojekte zunehmen. Wir sind mit einer großen Delegation zu diesem Forum gekommen, darunter waren auch Vertreter mehrerer Ministerien und Regionen unseres Landes.

Welche Aufgaben hat der Agrarpolitische Dialog und was bedeutet dieser für Kasachstan?

Wir arbeiten seit 15 Jahren aktiv im Rahmen des Deutsch-Kasachischen Agrarpolitischen Dialogs zusammen. Dies ist ein einzigartiges Projekt, das viel zur Entwicklung der bilateralen Zusammenarbeit im Agrarsektor beiträgt. Gestern haben wir am Rande des Forums ein Treffen mit Vertretern des APD abgehalten, dabei eine Bestandsaufnahme gemacht und neue Schwerpunkte für die bilaterale Arbeit im Rahmen des Agrarpolitischen Dialogs festgelegt.

Es ist unumstritten, dass Deutschland für uns ein wichtiger strategischer Partner im Bereich der Landwirtschaft ist. Wir wollen diese Partnerschaft auch vertiefen. In Kasachstan sind die deutschen Unternehmen sehr aktiv. Claas und Horsch sind hier nur einige Namen. Aktuell findet die Prüfung eines Projektes zur Fleischverarbeitung in Höhe von 30 Millionen US-Dollar statt.

Was sind die Ziele der kasachischen Regierung im Bereich der Agrarwirtschaft?

Die Regierung Kasachstans hat sich als Ziel gesetzt, die nachhaltige Entwicklung im Agrarbereich als einem der wichtigsten Hauptsektoren der Wirtschaft zu etablieren. Die Prioritäten in der Landwirtschaft sind klar definiert. Das Ziel ist es, sie zu modernisieren und mit der Digitalisierung in Einklang zu bringen, damit sich Kasachstan selbst mit Lebensmitteln versorgen kann.

Kasachstans stellvertretender Landwirtschaftsminister Jerbol Tasschurekow (links) im Gespräch mit DAZ-Korrespondent Christian Grosse (rechts)

Ich möchte Ihnen folgende Angaben zum Selbstversorgungsgrad machen: Von 29 Produktionsarten werden aktuell 19 prioritär gebraucht. Lediglich sechs Produktionsarten erreichen einen Selbstversorgungsgrad von 80 Prozent oder mehr (d. h. der Rest muss importiert werden, Anm. Red.). Anhand dieser Zahlen können Sie sehr gut erkennen, dass noch sehr viel Handlungsbedarf besteht.

Um welche Produkte handelt es sich dabei?

Derzeit werden jährlich 550.000 Tonnen Milch eingeführt, und auch Molkereiprodukte wie Käse und Hüttenkäse. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, die Ernährungssicherheit in Bezug auf Milch sicherzustellen.

Um unseren eigenen Bedarf vollständig zu decken und auf Importe zu verzichten, müssen wir 115 Milchviehbetriebe aufbauen. In diesem Jahr haben wir in elf Regionen Kasachstans mit dem Bau von 65 Milchviehbetrieben begonnen, für die der Staat 200 Millionen Euro bereitgestellt hat. Die jährliche Verzinsung beträgt für Unternehmen 2,5 Prozent – im Gegensatz zu 20 Prozent, für die private Banken Kredite gewähren.

Dies ist ein enormer finanzieller Vorteil für die Investoren. Die Kredite werden für einen Zeitraum von zehn Jahren gewährt. Der Bau von entsprechenden Fabriken oder landwirtschaftlichen Betrieben innerhalb von zwei Jahren wird nicht angerechnet.

Die Gelder für die Investitionen kommen aus dem Staatsfonds. Da in jeder der 115 Milchfarmen mindestens 400 Tiere gehalten werden sollen, kann man sich vorstellen, dass hohe Summen in die Anlagen und ihre Ausstattung investiert werden müssen.

Dies sind enorme Zahlen. Welche anderen Produkte werden benötigt?

Weitere Produkte sind Geflügel, Zucker und Äpfel. Das Ziel ist es auch hier, die Importquote massiv zu reduzieren, um den Selbstversorgungsgrad Kasachstans zu erhöhen. Und somit auch unabhängiger von den Märkten zu werden.

Die Viehzucht und insbesondere große Nutztiere sind für Kasachstan von Interesse. Durch sie könnte die Fleischproduktion um ein Vielfaches erhöht werden. Wir wollen in den nächsten zwei Jahren 50.000 Rinder ins Land holen.

Das gleiche Programm zur Sicherstellung der Selbstversorgung bzw. zur Erhöhung des Selbstversorgungsgrades betrifft auch den Bereich der Geflügelindustrie. Hier sind Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro geplant.

Wenn man diese Zahlen hört, denkt man sofort an die Logistik, die damit verbunden ist. Ist diese in Kasachstan vorhanden? Gibt es genug ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte?

Wir haben sehr gut ausgebildete Fachkräfte und Fachpersonal. Aber es sind zu wenige. Vor allen Dingen fehlt es an Spezialisten für große Projekte, die diese managen können.

Wir investieren viel in die Infrastruktur und bauen diese stark aus. Das sind enorme Herausforderungen, die wir auch gemeinsam mit deutschen Unternehmen umsetzen möchten. Deutsche Unternehmen sind nach Kasachstan eingeladen, um dort zu investieren. Gerade daher waren wir auch in Berlin auf der IGW, um die neuesten Trends und Technologien kennenzulernen.

Beim Thema Technologie denkt man sofort an die Wasserwirtschaft, die aktuell und auch zukünftig für Zentralasien eine immer größere Herausforderung darstellt. Welche Projekte sind hier im Zusammenhang mit dem Agrarsektor geplant?

Wassertechnologie spielt für uns eine enorm wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang ist das Thema „Smart-Wasser-Technologie“ von enormer Bedeutung. Das Ziel besteht hauptsächlich darin, wassersparende Technologien in der Agrarwirtschaft einzusetzen, um den Wasserverbrauch so gering wie möglich zu halten.

Wir sehen die aktuellen globalen Auswirkungen des Klimawandels, gerade auch bei uns in Kasachstan und in Zentralasien insgesamt. Daher ist es bedeutend, Kooperationen mit den umgebenden Nachbarländern zu starten und entsprechende Wasserprojekte voranzubringen. Im letzten Jahr beispielsweise gab es eine Kooperation hinsichtlich der Regulierung der Wasserwirtschaft mit der Republik Kirgisistan.

Die Zusammenarbeit in Zentralasien betrifft in erster Linie die beiden großen Flüsse Syrdarja und den Amudarja. Die Kooperation in diesem Bereich muss abgestimmt werden. Und, wenn man an diese beiden Flüsse denkt, kommt man automatisch zum Thema Aralsee. Dieser hat nur noch einen Restwasserstand von zehn Prozent der ursprünglichen Größe.

Das große Ziel der Republik Kasachstans ist es, das Wasserniveau des einst viertgrößten Sees der Welt zu halten. Die Auswirkungen dieser ökologischen Katastrophe haben eben auch einen großen Einfluss auf die Agrarwirtschaft in der gesamten Region.

Ein Thema fehlt in diesem Zusammenhang. Wie ist die aktuelle Situation der Getreideagrarwirtschaft?

Der Schwerpunkt des Getreideanbaus in Kasachstan liegt in der Region Qostanai und Nordkasachstan. Dort haben wir bisher einen großen Monokulturanbau durchgeführt. Dies wollen wir verändern. Ziel ist es künftig, vom Monokulturanbau wegzukommen und Mischkulturen anzulegen. Dies hat den Vorteil, dass die Böden nicht eruieren und mit mehr Nährstoffen angereichert werden. Gleichzeitig wollen wir dies mit wassersparenden Technologien kombinieren.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel dafür, was sparsame Wasserversorgung ausmacht. Von 22 Millionen Hektar Landfläche werden 1,5 Millionen Hektar genutzt, und davon werden 300.000 Hektar mit wassersparenden Technologien bewässert. Diese Zahl hört sich gering an. Doch wenn man bedenkt, dass Getreide einen hohen Wasserverbrauch hat, sind die Techniken der Tröpfchen- und Regenbewässerung perfekt dazu geeignet, um die Erträge zu steigern. Die Regierung nutzt sämtliche Möglichkeiten, um wassersparende Technologien einzusetzen.

Während wir heute hier sitzen, wird in Pawlodar ein Businessforum durchgeführt, wo das Thema Wassersparende Technologien der Schwerpunkt ist. Unternehmen wie Valmont Industries aus den Vereinigten Staaten, aber auch Kooperationen mit Unternehmen aus China und der Türkei sind vor Ort und in Anbahnung.

Ganz oben auf der Wunschliste steht die Kooperation mit der deutschen Industrie und mit den deutschen Ingenieuren in Fragen der technischen industriellen Modernisierung der Landwirtschaft. Wir wollen, dass deutsche Unternehmen Ihre hochtechnologisierten Wasserprodukte vorstellen. Auch hinsichtlich der Kooperationen mit Universitäten sind wir sehr daran interessiert, Projekte in die Wege zu leiten.

Ist der deutsche Markt aus kasachischer Sicht interessant?

Der deutsche Markt ist für uns sogar sehr interessant. Vor allen Dingen hinsichtlich der Thematik Ökologische Lebensmittel. Deutschland ist in Europa einer der größten Märkte, sodass wir großes Potential sehen. Denn in Kasachstan versuchen wir, so wenig wie möglich Düngemittel einzusetzen, um so die Böden zu schonen. Auch ist der Einsatz von Chemie und Pestiziden auf ein Minimum reduziert, so dass man unsere Produkte als Bioprodukte bezeichnen kann.

Welche Herausforderungen in der Agrarwirtschaft sind aus Ihrer Sicht noch zu bewältigen?

Große Herausforderungen bestehen auf der gesetzgebenden Ebene. Wir sind dabei, uns an die Erfordernisse der unterschiedlichen Märkte anzupassen, um gemeinsame Standards zu erreichen. Dies ist in der Tat eine große Herausforderung und bedarf sehr enger Kooperationen mit den Experten der unterschiedlichen Länder und Regionen. Auch, was das Thema Zertifizierung betrifft, liegt noch viel Arbeit vor uns.

Weitere Herausforderungen bestehen darin, Investoren nach Kasachstan zu bringen. Hier hat die Regierung interessante Fördermaßnahmen aufgelegt. Neben den schon erwähnten Zinsnachlässen von 20 auf 2,5 Prozent haben Investoren die Möglichkeit, bis zu 80 Prozent der Investitionen wieder zurückerstattet zu bekommen. Die staatliche Unterstützung wird weiterhin ausgebaut.

Um abschließend aufzuzeigen, welches Potential im Bereich der Agrarwirtschaft steckt, nenne ich Ihnen folgende Zahlen: In den letzten fünf Jahren wurden fünf Milliarden Euro in Projekte der Landwirtschaft investiert – allein eine Milliarde Euro davon 2023.  Der agrarindustrielle Komplex Kasachstans hat hohes Potential. Aktuell wird er nur zu einem Fünftel genutzt.

Großes Interesse an Produkten aus Kasachstan besteht in China, Iran, Afghanistan und einigen Ländern Europas. Derzeit werden auf hoher Ebene Gespräche zwischen Kasachstan und China geführt, um über kontinuierliche Lieferungen aus der Fleischindustrie zu verhandeln.

Abschließend möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass deutsche Geschäftsleute herzlich eingeladen sind, in die verarbeitende Industrie zu investieren. Hier ist die Möglichkeit zum Erwerb von Grundstücken in Kasachstan gegeben, so lange das Grundstück entsprechend landwirtschaftlich genutzt wird. Denn generell kann in Kasachstan kein Grund und Boden von ausländischen Investoren erworben werden. Wir sind vor allen Dingen sehr daran interessiert, die direkten Kontakte zwischen deutschen und kasachischen Unternehmen zu fördern und zu intensivieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Christian Grosse.

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