Wie viele andere russlanddeutsche Familien gingen auch die Großeltern und Urgroßeltern von Valentin Ospanow durch die Hölle, als 1941 die Deportationen in der Sowjetunion begannen. Unser Autor ist stolz auf alles, was sie in dieser Zeit und danach erreicht haben und bemüht sich nach Kräften, das Andenken an sie lebendig zu halten.

Als ich noch Kind war, erzählte mir meine Lieblingsgroßmutter Amalia ihre Erinnerungen und mehrere Geschichten. Darin ging es um unsere große Familie, unsere Verwandten, um die Vertreibung in Viehwaggons, den Hungertod ihrer Mutter, die Jahre der schmerzlichen Trennung von ihrer Familie; um die Zeit, die ihr Vater und ihr ältester Bruder Alexander in der Arbeitsarmee und im GULAG verbracht haben, und ihre jüngsten vier Geschwister (Rosa, Lydia, Arthur und Jakob), die nach dem Hungertod ihrer Mutter in verschiedenen Waisenhäuser untergebracht wurden. Sie hat als damals 17-Jährige alles selbst miterlebt: Arbeitsarmee, Gewalt durch die Staatsicherheitsbehörden, Rechtlosigkeit, Krankheiten und Hunger. Ich habe mehrmals daran gedacht und mich gefragt, ob und wie man all das aushalten und danach weiter leben kann?

Elgeline und Johannes
Elgeline und Johannes

Mein Urgroßvater Johann Mertins, seine Frau Elgilina und ihre sechs Kinder hatten grausame Schicksalsschläge erlitten – wie Millionen andere Russlanddeutsche auch. Im Sommer 1941 wurde die ganze Familie in Viehwaggons aus der Ukraine nach Kasachstan deportiert. Einen Monat später kamen alle ins Gebiet Kysylorda, zur Bahnstation Schiili – und das war ihr „neues Zuhause“.

Die große Bedeutung der Familienbibel

Die Familiengeschichte ist eine sehr traurige, die mich besonders beeindruckt hat. Sie handelt nicht zuletzt auch von der Bibel. Denn mein Urgroßvater Johann hatte eine Familienbibel aus der Ukraine nach Kasachstan mitgebracht, obwohl das strafbar, ja vielleicht sogar lebensgefährlich war. Als er mit seinem ältesten Sohn Alexander in die Arbeitsarmee zwangsrekrutiert wurde, überließ er die Familienbibel seiner Ehefrau Elgilina und der ältesten Tochter Amalia.

Einige Wochen später wollte die örtliche Kommandantur auch meine Urgroßmutter Elgilina zwangsmobilisieren und in die Arbeitsarmee stecken, obwohl sie vier kleine Kinder hatte. Meine Großmutter hat sich als 17-Jährige freiwillig gemeldet, damit ihre Mama mit ihren Geschwistern „zu Hause“ bleiben konnte. So kam meine Großmutter Amalia in die Arbeitsarmee nach Dsheskasgan unter Aufsicht der dortigen Kommandantur. Ihre mutige Entscheidung konnte jedoch das Leben ihrer Mutter leider nicht retten. Urgroßmutter Elgelina blieb allein und starb einige Monate später an ihrer chronischen Unterernährung. Alles, was sie an Essen bekommen konnte, hatte sie ihren vier Kindern gegeben. Danach bemerkten die Nachbarn, dass die Kinder ganz allein waren und niemand auf sie aufpassen konnte.

Rosa, Lydia, Arthur
Rosa, Lydia, Arthur

Aus diesem Grund wurden sie vom Amt getrennt und in verschiedenen Waisenhäusern untergebracht. Die kleinen Kinder dachten, dass ihr Leben im Waisenhaus leichter werden würde, dass sie auf jeden Fall etwas zu essen bekommen würden, und dass niemand sie mehr wegen ihres Bekenntnisses zur deutschen Nationalität beleidigen würde. Doch mit jenem Moment wurde der Albtraum nur noch schrecklicher.

Nach der Arbeitsarmee brachte der Urgroßvater die Familie wieder zusammen

So waren die vier kleinen Kinder nach dem Hungertod ihrer Mutter im Besitz der Familienbibel. Bevor sie getrennt wurden, hatten sie es noch geschafft, die Bibel in einem Versteck zu vergraben. Sie wurde Jahre später von meinem Urgroßvater ausgegraben, nachdem er von der Arbeitsarmee zurückgekehrt war und die Kinder wieder zusammengebracht hatte. Bis zu seinem Tod diente ihm das Heilige Buch bei Gottesdiensten, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Mein Urgroßvater arbeitete als Schmied in einem Traktorenwerk, betrieb Viehzucht und war in der Siedlung bis zu seinem Tod ein inoffizieller Pfarrer der Gemeinde.

Dass er eine große Persönlichkeit in der Gemeinde war und ein hohes Ansehen genoss, war am Tag seiner Beerdigung zu sehen: Laut meiner Großmutter kamen Hunderte von Menschen, um Abschied von ihm zu nehmen. Mein Urgroßvater war bis zu seiner Krebserkrankung beruflich und kirchlich aktiv, obwohl keine evangelische Kirche in der Siedlung existierte und eine solche religiöse Aktivität eigentlich verboten und lebensgefährlich war.

Stolz auf die eigene Herkunft

Unsere ganze große Familie mit allen Verwandten ist ein Fundament in meinem Leben. Ich bin und war immer stolz auf meine deutsche Herkunft. Ich war immer stolz auf das, was meine deutschen Verwandten während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach geleistet haben. Alles was ich bin, verdanke ich meinen deutschen Vorfahren, meiner ganzen Familie. Ich versuche, mein Leben so zu leben wie meine Vorfahren, die ihr Leben lang mit Werten wie Nächstenliebe, Fleiß, Pflichtbewusstsein, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit gelebt haben. Ich versuche jetzt auch, meinen beiden Kindern beizubringen, dass niemand und nichts in unserer Familiengeschichte vergessen ist und uns auf ewig im Herzen erhalten bleibt.

Valentin Ospanow

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