Die Gebirgskette des hinter dem südlichen Stadtrand von Almaty verlaufenden Transili-Alatau-Massives bildet die natürliche Grenze zwischen Kasachstan und seinem südöstlichen Nachbarn Kirgisistan. Die Landschaft des riesigen Steppenstaates, welche sich lediglich an seinen östlichen sowie südlichen Rändern durch starke Erhebungen auszeichnet, gilt über weite Strecken als relativ monoton und wenig abwechslungsreich. Selbiges kann über den Naturraum Kirgisistans, die sogenannte „Schweiz Zentralasiens“, die fast vollständig vom Tien-Shan-Gebirge bedeckt ist, kaum behauptet werden.

Bereits wenige Kilometer hinter den beliebten Ausflugszielen in den Bergen nahe der ehemaligen kasachischen Hauptstadt Almaty beginnt Kirgisistan. Noch vor wenigen Jahrzehnten, als beide Staaten Teil der Sowjetunion waren, konnte man den See Issyk-Kul – im Volksmund aufgrund seiner schieren Größe häufig auch als das „Kirgisische Meer“ bezeichnet – über einen der zahlreichen Wanderwege von Kasachstan aus problemlos zu Fuß erreichen.

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit beider Staaten vor rund dreißig Jahren und der Entstehung einer neuen Staatsgrenze gibt es diese Möglichkeit inzwischen nicht mehr. Aber auch trotz des Umwegs über einen der regulären Grenzübergänge kann ein Wochenendausflug von Almaty in die kirgisische Hauptstadt Bischkek sowie deren nahe Umgebung eine tolle Möglichkeit bieten, die reichhaltige Natur und Kultur des bei vielen Reisenden noch unbekannten Landes näher kennenzulernen.

Pompöse Sowjetpaläste aus Marmor

Klare Morgenluft liegt über dem winterlichen Bischkek. Zum ersten Mal sehe ich die schneebedeckten Gipfel des kirgisischen Ala-Too – des sogenannten „Bunten Gebirges“ – im Hintergrund, welche von Süden her an die Stadt grenzen. Aufgrund des dichten Smogdeckels, der meist über der Ein-Millionen-Metropole liegt, bekommt man sie von der Stadt aus nur selten zu Gesicht. Es scheint mir, als habe ich den perfekten Tag für einen Ausflug erwischt. Ich mache mich auf den Weg zum Treffpunkt, wo der Bus schon auf uns wartet. Da bis auf den Betrieb in den Skigebieten Nebensaison in Kirgisistan herrscht, sind alle Teilnehmer schnell versammelt. So verlassen wir relativ zügig die eher beschaulich anmutende kirgisische Hauptstadt mit ihren pompösen Sowjetpalästen aus Marmor und Granit, den zahlreichen Denkmälern aus der sozialistischen Vergangenheit und ihrem mancherorts ein wenig wie aus der Zeit gefallenen Charme.

Der dichte Nebel, welcher Felder und Wiesen des Tschüi-Oblastes noch in weißen Rauch einhüllt, verzieht sich mit der aufgehenden Sonne schnell. Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir die erste Station unserer Exkursion, die Ruinen der an der alten Seidenstraße gelegenen Stadt Balasagun aus dem 11. Jahrhundert. Jene zählen seit 2014 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die dortige Hauptsehenswürdigkeit bildet das Minarett der einstigen großen Moschee der Stadt, welches meistens unter dem einprägsameren Namen „Burana-Turm“ geläufig ist. Aber nicht nur aufgrund der historischen Bedeutung der Stätte erfreut sich der Turm großer Beliebtheit bei vielen Touristen und Kennern der Region. Vielmehr handelt es sich bei dem Minarett, vor dem Hintergrund der Gebirgskette,
auch um ein einzigartiges Fotomotiv.

Die Tränen des Khans

Die obere Hälfte des Bauwerks stürzte allerdings in Folge eines Erdbebens ein, sodass die Höhe des Turms heute noch gut 27 Meter beträgt. So die offizielle Version der Geschehnisse. Denn es rankt sich eine Legende um das märchenhaft anmutende Gebäude. So rief seinerzeit ein Khan anlässlich der Geburt seiner Tochter Wahrsager und Weise zusammen, um deren Zukunft vorherzusagen. Einer der Anwesenden prophezeite, dass die Tochter an ihrem sechzehnten Geburtstag am Biss einer Spinne sterben würde. Der Khan entschied sich daraufhin, einen Turm für seine Tochter zu errichten, in dem sie von nun an alleine leben sollte.

Diener des Khans versorgten sie über eine Leiter fortwährend mit Essenskörben, welche zuvor überprüft wurden, dass ich auch keine Spinne darin befand. An ihrem sechszehnten Geburtstag ließ der Khan seiner Tochter einen Korb mit Früchten bringen. Dabei bemerkte er nicht, dass sich darin eine giftige Spinne eingenistet hatte; und als die Tochter eine der Früchte in die Hand nahm, wurde sie vom Biss der Spinne getötet. In Folge des Todes seiner Tochter soll der Khan so laut geweint haben, dass Teile des Turmes einstürzten.

Im Bann des Klimawandels

Als Nächstes fahren wir in die Berge und erreichen das Kegety-Tal. Glasklare Gebirgsbäche säumen die Straße hoch ins Gebirge und werden von riesigen, kerzengeraden Tien-Shan-Fichten flankiert. Einige Exemplare ihrer Art fallen durch eine nahezu perfekte Form auf, so dass es den Anschein hat, als wären sie mit der Gartenschere zurechtgeschnitten worden. Von einem der Felsvorsprünge stürzt ein Wasserfall meterhoch in die Tiefe. Lange Eiszapfen haben sich an seinen Rändern gebildet und das auf den Boden aufprallende Wasser hat Eisskulpturen geformt, die Raum für künstlerische Interpretationen lassen.

Nur zu gut kann man sich vorstellen, wie sich einst die kirgisischen Nomaden mit Schafsherden auf solchen Bergwiesen und Tälern mit ihren Filzjurten niederließen. Obwohl es bereits Dezember ist und wir uns auf 1.600 Metern befinden, sind Wiesen und Felsvorsprünge nur spärlich mit Schnee bedeckt und die Temperaturen im Grunde gut erträglich. Allem Anschein nach macht der Klimawandel auch vor Zentralasiens Hochgebirgsregionen keinen Halt.

Lenin und Stolowaja

Weiter geht es zu unserer dritten und letzten Station, dem Issyk-Ata-Tal. In der Schlucht befindet sich seit 1892 auf knapp 1.800 Metern ein Kurort mit einem Sanatorium. Insbesondere aufgrund des dortigen Vorkommens heißer Quellen, welche bereits in der Antike bekannt waren, erfreut sich das Tal landesweiter Berühmtheit. Laut einer Sage soll eine junge Frau jeden Tag in den heißen Quellen gebadet haben und dadurch jung und schön geblieben sein, während alle anderen um sie herum alterten.

Trotzdem fand eine systematische Nutzung des den Quellen entspringenden Mineralwassers, welches unter dem Namen „Araschan“ geläufig ist, erstmalig Ende des 19. Jahrhunderts statt. Im zweiten Weltkrieg dienten die Einrichtungen des Sanatoriums zur Behandlung Verwundeter von der Front, welche dorthin aus dem rund 80 Kilometer entfernten Bischkek verlegt wurden. Seit der Sowjetzeit habe sich laut Aussage unseres Guides in dem Ort rein gar nichts verändert. So steht Revolutionsführer Lenin heute immer noch auf seinem Sockel in einem kleinen Park, mit ernster Miene und erhobenem Arm den Weg in den sozialistischen Aufbruch weisend.

Nicht weit davon entfernt befindet sich die sogenannte „Stolowaja“, einer Art sowjetischer Kantine, die bis heute fest zum Stadtbild vieler postsozialistischen Staaten gehört. Hier scheint die Zeit wie stehengeblieben zu sein. Der Speiseplan und vor allem auch das Interieur haben sich in dieser Institution nach dem Ende des Kommunismus in der Regel kaum verändert, und so wird dort zumeist wie eh und je deftige Hausmannskost nach den Rezepten der guten Alten gereicht. Gegen Abend macht ein Bad in den heißen Mineralquellen, natürlich ebenfalls in der Hoffnung für immer jung und frisch zu bleiben, den Abschluss unserer Exkursion.

Erschwingliche Tagestouren

Trotz der einladenden Schönheit der Landschaft empfehlen sich Gebirgstouren auf eigene Faust, sei es zu Fuß oder mit dem eigenen Auto in Kirgisistan und auch Kasachstan, nicht uneingeschränkt. Gut befestigte Straßen und umfassende Beschilderungen sind nicht allerorts die Regel. Öffentliche Verkehrsmittel sind abseits der großen Städte mit Ausnahme der Linienbusverbindungen zwischen den großen Städten des Landes kaum vorhanden. Nicht zuletzt sind viele der schönsten Plätze bisweilen für Fußgänger kaum erschlossen und ein Ausflug in die Bergwelt Kirgisistans kann daher kaum mit einer Wanderung im Allgäu oder Schwarzwald zu vergleichen.

Aber auch in der Natur selbst verbirgt sich mitunter die eine oder andere Gefahr. Mitunter tummeln sich zottelige Braunbären auf Gebirgswiesen, und flinke Großkatzen wie der in Zentralasiens Hochgebirgen beheimatete Schneeleopard streifen über die Hochplateaus. Trotz dass man sie im Umfeld der von Menschen besiedelten Gebiete zwar selten zu Gesicht bekommt, gelten persönliche Begegnungen als äußerst unangenehm. Die Teilnahme an einer der üblicherweise auf Social-Media-Plattformen wie Instagram angebotenen Ausflüge ist daher zu empfehlen. Tagestouren kosten kaum mehr als 15 Euro und sind somit auch für Inflationsgeplagte erschwinglich.

Vincent Ade

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