Heutzutage bleibt dem Betrachter die gesamte Pracht eines Gebäudes leider oftmals verwehrt. So auch im folgenden Beispiel, bei dem es sich vielleicht um eines der prächtigsten Häuser des alten Werny handelt: das Wohnhaus des Kaufmanns Grigori Alexandrowitsch Schachworostow und seiner Familie.

Mit Pioniergeist und Geschäftssinn zogen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Männer durch das Russische Reich, um ihre Chance zu finden. Nicht wenige ließen sich im Süden Zentralasiens nieder. Sie trieben dort Handel, wurden zu reichen Kaufleuten und machten aus der Militärfestung die prosperierende und wohlhabende Stadt Werny. Auch einen gewissen Alexander Nasarowitsch Schachworostow, ehemaliger Leibeigener aus dem Gouvernement Woronesch, zog es gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner Familie nach Werny. Er trat dort in das Bürgertum ein und begann ab 1879 seine Tätigkeit als Kaufmann.

Sein Sohn Grigori Schachworostow eröffnete noch 1880 ein erstes kleines Geschäft unter dem Namen „Handelshaus Schachworostow und Söhne“ in der Torgowaja-Straße. Dieses erste Geschäft für „Kolonialwaren“ war der Grundstein des späteren Wohlstandes der Familie. Das Geschäft lag nicht weit von dem Ort, an dem der Kaufmann Isshak Gabdulwalijew später, 1896, sein berühmtes „Haus der Stoffe“ erbaute. Seitdem waren die Kaufmannsfamilien Schachworostow und Gabdulwalijew die schärfsten und erfolgreichsten Konkurrenten unter den Kaufleuten Wernys.

Delegierter bei Zarengründung

Der Schriftsteller Juri Dombrowski, der als Opfer der stalinistischen Repressionen vier Mal in verschiedenen Lagern des GULag-Systems einsaß, kam nach seinen ersten zwei Verhaftungen in den 1930er Jahren auch nach Alma-Ata. In seinem berühmten Roman „Der Hüter der Altertümer“, 1964, schrieb er: „Vielleicht haben Sie von dem Kaufmann Schachworostow gehört? Nun, natürlich, wie kann man nicht von ihm gehört haben? – Seine Handelsreihen ziehen sich die gesamte Torgowaja-Straße entlang, auf dem Getreidemarkt sind seine Schuppen.“ Der Name Schachworostow lag damals über allem in der Stadt. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges, 1896, wurde Grigori Schachworostow bei der Krönung Nikolaus’ II. zum Delegierten des Siebenstromlandes ernannt und überreichte dem neuen Zaren persönlich ein Silbergeschenk mit Brot und Salz.

Heute ist dies anders. Gabdulwaijew scheint den Konkurrenzkampf mit Schachworostow um den Titel des reichsten und größten Kaufmanns der Stadt gewonnen zu haben. Gabdulwalijews „Haus der Stoffe“ ist heute eine Sehenswürdigkeit von Almaty. Von den zahlreichen Geschäften Schachworostows ist dagegen im Stadtbild nichts geblieben. Grigorij Schachoworostow starb 1904 und hinterließ seinen beiden erstgeborenen Söhnen Sergej und Pjotr 100.000 Rubel. Von dem Geld errichteten sie bis 1910 eine Tuchfabrik im nahegelegenen Dorf Kargaly. Diese Fabrik wurde zum Tuchlieferanten für zaristische Soldatenuniformen im bereits heraufziehenden Ersten Weltkrieg. Dies war wohl der letzte große wirtschaftliche Erfolg der Familie, bevor das Zarenreich 1917 unterging und ihr gesamter Besitz 1919 von den Bolschewiken verstaatlicht wurde.

Erbaut vom Star-Architekten

Das Wohnhaus der Familie Schachworostow existiert jedoch noch. Es ist ein eleganter, einstöckiger Bau, der mit seiner reichen Verzierung an die Architektur Sankt Petersburgs erinnert. Andrej Pawlowitsch Senkow, der wichtigste Architekt des vorrevolutionären Werny, baute das Gebäude 1890. Während der Sowjetunion beherbergte es verschiedene staatliche Institutionen. In den 1920er Jahren war das zunächst die Geheimpolizei Tscheka, anschließend die erste medizinische Hochschule der Stadt und dann ein Museum für Medizingeschichte.

1992 ging das Gebäude an die Botschaft der USA über, 2010 an das französische Konsulat. Seit diesen Tagen versperrt ein hoher Sicherheitszaun den Blick auf den prächtigen Bau. Auch das Konsulat Frankreichs residiert inzwischen unter einer anderen Adresse. Es ist nicht ganz klar, was heute eigentlich hinter den noch immer vorhandenen Schutzanlagen passiert. Man kann nur hoffen, dass die Sichtblenden alsbald verschwinden. Dann könnte man das Haus der Kaufmannsfamilie Schachworostow wieder in seiner ganzen Pracht bewundern.

Philipp Dippl