Deutschland appelliert an Zentralasien, das Umgehen von EU-Sanktionen gegen Russland nicht zu dulden. Beim dritten Gipfeltreffen in Berlin betonten die Außenminister aus Zentralasien zugleich die Chancen für eine engere wirtschaftliche Kooperation, Energiepartnerschaften und den Ausbau logistischer Routen – die Region wird für ganz Europa zunehmend geopolitisch wichtig.
Beim Treffen im Format „Zentralasien – Deutschland“ haben die Außenminister der fünf zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan am 11. Februar 2026 gemeinsam mit dem deutschen Außenminister Johann Wadephul in Berlin Gespräche geführt. Derartige Treffen im sogenannten C5+1-Format sind seit ihrer Etablierung im Jahr 2023 zu einem festen Bestandteil der bilateralen Beziehungen geworden und dienen als Plattform für einen regelmäßigen Austausch zu politischen und wirtschaftlichen Fragen sowie für das Begleiten einer wachsenden sicherheitspolitischen Kooperation.
Die zentralasiatische Region gewinnt angesichts verschobener globaler Lieferketten, wachsender Energieunsicherheiten und geostrategischer Realignments für die gesamte europäische Politik zunehmend an Bedeutung. Neben Rohstofffragen rückt die Lage Zentralasiens als Bindeglied zwischen Europa, Asien, Russland und China ins Blickfeld. Deutschland und die Europäische Union wollen ihre Zusammenarbeit mit diesen Staaten vertiefen, um gemeinsame Antworten auf wirtschaftliche und sicherheitspolitische Herausforderungen zu entwickeln und neue Partnerschaften jenseits traditioneller Abhängigkeiten zu schmieden.
Vertreter aus der deutschen Regierung und aus Europa betonen regelmäßig, dass Zentralasien nicht nur Rohstoffe liefert, sondern auch eine strategische Rolle für die Diversifizierung von Energie- und Handelswegen spielt. In diesem Rahmen war die Anwesenheit des Sonderbeauftragten der Europäischen Union für Zentralasien bei dem C5+1-Treffen in Berlin ein Hinweis darauf, dass der Dialog mit der deutschen Bundesregierung Teil einer breiteren europäischen Strategie ist.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit im Mittelpunkt
Ein zentraler Schwerpunkt des Treffens war die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Im Anschluss an das Ministertreffen fand ein Wirtschafts und Investitionsforum statt, an dem fast dreißig deutsche Wirtschaftsvertreter teilnahmen. Dieses Forum wurde gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft organisiert und bot Raum für Gespräche über Energie, Rohstoffe, Digitalisierung, Industrie, Landwirtschaft und Logistik.
Vertreter aus Politik und Wirtschaft betonten, dass sich aus der Kombination der natürlichen Ressourcen Zentralasiens und der technologischen Kompetenz Deutschlands erhebliches Potenzial für langfristige, konkrete Projekte ergebe. Wie ein Sprecher des Wirtschaftsverbands gegenüber Medien erklärte, entscheide sich „auch in Zentralasien, wer geopolitisch künftig mitgestaltet“ und dass deshalb die logistische Anbindung und wirtschaftliche Vernetzung der Region dringend vorangebracht werden müsse.
In Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern wurde wiederholt herausgestellt, dass für Deutschland der Zugang zu Rohstoffen und neuen Märkten wichtig ist und dass Investitionen in Infrastruktur, Energieeffizienz sowie digitale Transformation für beide Seiten Chancen bergen. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Ländern wie Kasachstan und Usbekistan umfassen zahlreiche gemeinsame Projekte mit erheblichen Investitionsvolumina.

Energie und Nachhaltigkeit als Kooperationsfelder
Die Kooperation im Energiebereich nahm einen breiten Raum der Gespräche ein, in denen neben der Entwicklung traditioneller Energiepartnerschaften auch die Perspektiven für den Ausbau regenerativer Energien erörtert wurden. In diesem Zusammenhang wurde der mögliche Export von grünem Wasserstoff aus Zentralasien nach Europa als potenzialreiches Kooperationsfeld der Zukunft genannt, das den Übergang zu nachhaltigeren Energiesystemen sowohl in Europa als auch in Zentralasien unterstützen kann.
Ein weiterer Aspekt dieser Gespräche war die nachhaltige Entwicklung der Volkswirtschaften. Vertreter sowohl aus Zentralasien als auch aus Deutschland betonten, dass eine abgestimmte Klimapolitik, ein verantwortungsvolles Ressourcenmanagement und realistische Umweltstrategien integrale Bestandteile der Zusammenarbeit sein müssen, wenn die wirtschaftlichen Partnerschaften langfristig tragfähig sein sollen.
Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde darüber hinaus als ein Motor für Beschäftigung, Innovation und Wertschöpfung beschrieben. Deutsche Unternehmen berichteten, dass Projekte in den Bereichen Maschinenbau, Chemie, Digitalisierung und Logistik weiter vorangetrieben werden könnten, wenn dafür klare rechtliche Rahmenbedingungen und verlässliche Investitionsbedingungen geschaffen würden.
Logistik, Infrastruktur und neue Handelsrouten
Ein weiteres zentrales Thema war die Rolle Zentralasiens als Transitregion zwischen Europa und Asien. Der Ausbau des sogenannten Mittleren Korridors bzw. der Transkaspischen Internationalen Transportroute wird in Fachkreisen und durch Politiker beider Seiten als ein wichtiges Element gesehen, um die Handelswege weiter zu diversifizieren und die Lieferketten widerstandsfähiger zu machen.
In diesem Kontext nutzten zentrale Akteure ihren Aufenthalt in Berlin auch für bilaterale Gespräche mit deutschen Unternehmen. Der kasachische Außenminister Ermek Koscherbajew führte Gespräche mit deutschen Wirtschaftsvertretern über Kooperationen in den Bereichen Infrastruktur, Industrie und Digitalisierung.

Auch die kirgisische Seite setzte hier klare Akzente. Der kirgisische Amtskollege Eenbek Kulubajew traf in Berlin mit einem Mitglied des Vorstands der deutschen Logistikgruppe Rhenus SE zusammen, um Perspektiven für die Entwicklung der Eisenbahninfrastruktur sowie den Aufbau moderner Logistik- und Containerzentren zu erörtern. Beide Seiten bestätigten ihre gegenseitige Bereitschaft, konkrete Projekte gemeinsam umzusetzen und die praktische Zusammenarbeit fortzuführen. Rhenus SE ist ein international tätiger Logistikdienstleister mit Aktivitäten in mehr als siebzig Ländern und bietet multimodale Transportlösungen sowie ein modernes Lieferkettenmanagement an.
Politische Verantwortung und Sanktionen
Neben wirtschaftlichen Themen nahm der politische Dialog einen wichtigen Platz der Gespräche ein. In einer gemeinsamen Berliner Erklärung bekräftigten die Außenminister die positive Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und Zentralasien sowie ihr Bekenntnis zu Frieden, Sicherheit, nachhaltiger Entwicklung und dem Völkerrecht.
Ein häufig zitiertes Thema war zudem der Umgang mit internationalen Sanktionen. Bundesaußenminister Johann Wadephul appellierte an die zentralasiatischen Staaten, ein Umgehen der Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland nicht zu dulden, wobei er deutlich machte, dass Versuche, Sanktionen zu umgehen, den russischen Angriffskrieg unterstützen und die Sicherheitsinteressen Europas gefährden könnten. Beobachter kommentierten, dass Deutschland und die EU Zentralasien zunehmend als Partner in Fragen der Energie und Rohstoffsicherheit sehen, aber zugleich von ihren Partnern klare politische Positionierungen erwarten.
Im politischen Dialog wurde auch die geopolitische Lage Zentralasiens erörtert. Die Region befindet sich in einem komplexen Umfeld zwischen verschiedenen Großmächten und muss politische Entscheidungen in einem Balanceakt treffen.
Neben wirtschaftlichen und politischen Aspekten wurde auch der humanitäre Dialog hervorgehoben. Bildung, Wissenschaft, Fachkräfteentwicklung und akademischer Austausch gelten als langfristige Säulen der partnerschaftlichen Beziehungen. Initiativen in diesen Bereichen sollen nicht nur die weitere wirtschaftliche Modernisierung fördern, sondern auch das gegenseitige Verständnis vertiefen und institutionelle Netzwerke stärken.
Solche Maßnahmen werden als Grundlage für eine nachhaltige Zusammenarbeit gesehen, die nicht allein auf der politischen Ebene stattfindet, sondern auch die Zivilgesellschaften und kulturelle Verbindungen zwischen ihnen einbezieht.

Das Treffen in Berlin zeigte erneut, dass sich die Beziehungen zwischen Deutschland und den zentralasiatischen Staaten zunehmend institutionalisieren und strategisch ausrichten. In einer Zeit globaler Umbrüche, veränderter Handelsrouten und wachsender Konkurrenz um Energie- und Rohstoffressourcen setzen beide Seiten auf einen strukturierten Dialog und eine projektbezogene Zusammenarbeit.
Berlin war damit nicht nur ein Ort diplomatischer Gespräche, sondern auch der Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung. Zentralasien präsentiert sich als verlässlicher Partner zwischen Europa und Asien, sowohl wirtschaftlich als auch politisch.


























