Die uigurische Küche in Köln: Wie ein junger Neuankömmling seine Traditionen auf den Tisch bringt, Brücken zwischen Kulturen baut und dabei seine eigene Geschichte lebt.

Alim Abdusсhukur wurde in Almaty geboren und wuchs dort auf. Er besuchte die Allgemeinbildende Schule Nr. 151 – eine gewöhnliche städtische Schule, in der nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch der Charakter geformt wird. Seine Kindheit, das schulische Umfeld und das alltägliche Leben in Kasachstan wurden für ihn zu einer wichtigen Grundlage für den Weg in ein neues Land.

Im Alter von 16 Jahren zog Alim zusammen mit seiner Familie nach Deutschland. Die ersten Monate waren eine große Herausforderung. Er sprach kein Deutsch und kannte weder die Gesetze noch das Bildungssystem oder die alltäglichen Regeln. Selbst einfache Dinge – ein Gespräch mit Lehrern, ein Besuch bei einer Behörde oder die Suche nach einem Nebenjob – waren schwierig und verursachten innere Unsicherheit. Ohne Sprache, so sagt er, beobachtet man das Leben wie durch eine Glasscheibe: Man ist nah, aber nicht wirklich Teil davon.

Die schnelle Integration

Die Entscheidung war klar: Er musste die Sprache lernen. Alim besuchte eine Schule zum Deutschlernen und nahm den Unterricht sehr ernst. Die Sprache wurde für ihn ein wichtiges Werkzeug für Anpassung und Selbstständigkeit. Das Lernen erforderte viel Einsatz. Gleichzeitig arbeitete er an den Wochenenden von morgens bis abends. Freizeit gab es kaum, doch genau dieses Tempo half ihm, das Leben in Deutschland schneller zu verstehen.

Mit der Zeit war die deutsche Sprache kein Hindernis mehr. Sie gab ihm Sicherheit, Freiheit im Alltag und die Möglichkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Alim lernte sehr gut, war ein ausgezeichneter Schüler und übernahm vier Jahre lang die Rolle des Klassensprechers, auch während seiner Ausbildung am Wirtschaftsgymnasium. Später bestätigte er sein hohes Deutschniveau mit dem Sprachzertifikat C1. Für ihn war dieses Niveau kein formelles Dokument, sondern ein Zeichen gelungener Integration.

Aus seiner Erfahrung erleichtert die Kenntnis der deutschen Sprache das Leben in Deutschland deutlich: Sie hilft beim Lernen, bei der Arbeitssuche, bei Behördengängen und bei der Planung der Zukunft. Außerdem sieht Alim Deutsch als einen Schlüssel nicht nur zu Deutschland, sondern zu ganz Europa – zu Bildung, Beruf und beruflicher Mobilität.

Wichtig ist, dass die Arbeit während der Schulzeit keine finanzielle Notwendigkeit war. Die Familie befand sich nicht in einer schwierigen finanziellen Lage. Es war eine bewusste Entscheidung, um sich schneller anzupassen, Disziplin und Verantwortung zu entwickeln und die Gesellschaft besser kennenzulernen.

Die uigurische Kultur in Deutschland sichtbar machen

Gleichzeitig entstand ein klares Ziel: Alim wollte die uigurische Kultur in Deutschland sichtbar zu machen. So wurde für ihn ein Restaurant nicht nur ein Geschäft, sondern eine Form des kulturellen Dialogs. Durch Küche, Gastfreundschaft und Respekt gegenüber Traditionen wollte er mit der Gesellschaft kommunizieren, in der er lebt.

Die Familie entschied sich, im Gastronomiebereich zu arbeiten. Zuerst sammelten sie Erfahrung und lernten das Geschäft von innen kennen. Während dieser Zeit setzte Alim seine Ausbildung fort. Die Suche nach geeigneten Räumen für ein Restaurant dauerte fast ein Jahr. Für neu Zugewanderte ist dieser Schritt besonders schwierig: Nicht jeder Vermieter ist bereit, den Neuankömmlingen zu vertrauen, nicht jeder glaubt an ein neues Projekt. Auch hier spielte die Sprache eine entscheidende Rolle – die Möglichkeit, das Konzept zu erklären, Fragen zu beantworten und Vertrauen aufzubauen.

Die Suche führte durch verschiedene Städte: Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Neuss und Köln. Es gab auch schwere Momente – zwei Betrugsfälle, den Verlust größerer Geldbeträge, Ablehnungen und erniedrigende Situationen, die am Anfang besonders schmerzhaft sind. Doch das Verständnis der Umgebung, die Sprachkenntnisse und ein klares Ziel halfen Alim und seiner Familie weiterzugehen.

Schließlich fiel die Entscheidung für Köln. Eine Stadt offener Menschen, lebendiger Kommunikation und starker kulinarischer Traditionen. Historisch ist Köln ein Ort des Austauschs, des Handels und des Dialogs. Hier schätzt man einfache, ehrliche Küche und eine Atmosphäre, in der Menschen gerne lange am Tisch bleiben. In diesem Umfeld fügte sich die uigurische Küche natürlich ein.

Im Herzen von Köln

Das Symbol der Stadt ist der Kölner Dom. Sein Bau dauerte mehr als sechs Jahrhunderte und ist mit vielen Legenden verbunden, darunter die Geschichte eines Baumeisters, der den Teufel überlistete. Es gibt auch ein reales Symbol: 533 Stufen führen zur Aussichtsplattform eines Turms. Dieser Aufstieg wird oft mit dem Lebensweg verglichen – er verlangt Geduld und Ausdauer, bietet aber einen weiten Blick.

Auch die Kölner Küche ist eigenständig. Kölsch (ein leichtes Bier, das in kleinen Gläsern serviert wird) und die einfache, sättigende rheinische Küche spiegeln den Charakter der Stadt wider: ohne große Eleganz, aber mit Respekt vor Geschmack und Tradition.

Der klassische rheinische Sauerbraten wird aus mariniertem Fleisch zubereitet. Traditionell wurde Pferdefleisch verwendet, heute meist Rindfleisch. Dem Gericht wird eine große Menge Rosinen hinzugefügt, wodurch es einen süß-sauren Geschmack erhält.

Im Mittelalter war der Rhein sehr reich an Lachs. Dieser Fisch galt als Essen der Armen, während Hering als Festessen der Bürgerküche angesehen wurde. Heute ist es umgekehrt: Hering gilt als einfaches Essen, Lachs als Speise für Wohlhabendere. Daran erinnert bis heute das Gericht „Heringsstipp“ – Heringstücke in Sahnesoße mit Äpfeln, Zwiebeln und Gewürzen. In diesem kulinarischen Umfeld fand die uigurische Küche ihren Platz.

Für viele Gäste in Deutschland ist dies nicht die erste Begegnung mit der Kultur Zentralasiens, aber die erste in Köln mit der uigurischen Küche. Die Besucher schätzen die sättigenden Gerichte, die Kombination aus handgemachten Nudeln, Fleisch und Gewürzen sowie die gut verständlichen Geschmäcker.

„Han Tengri“ als kulinarische Premiere

Diese Gerichte sind zugleich exotisch und dem europäischen Geschmack nah. Mit der Zeit geht das Interesse an der uigurischen Küche über reine kulinarische Neugier hinaus und wird zu einem Austausch über Kultur und Traditionen. So entstand in Köln das erste uigurische Restaurant mit dem großen Namen „Han Tengri“.

Der Gipfel des Han-Tengri gilt als einer der am schwersten zugänglichen Berge der Welt. Nicht ohne Grund nannten ihn die alten Türken den „Herrscher des Himmels“. Mit seiner strengen Größe und Schwierigkeit kann er nur mit den berühmten Achttausendern im Himalaya verglichen werden. Deshalb ist der Han-Tengri für Bergsteiger aus aller Welt eine echte Prüfung von Mut und Können.

Auch die Eröffnung des ersten uigurischen Restaurants in der Stadt Köln kann man mit der Besteigung eines Berges vergleichen. Wie das dem Philosophen Lucius Annaeus Seneca dem Jüngeren zugeschriebene Zitat sagt: „Per aspera ad astra“ – „Durch Schwierigkeiten zu den Sternen“. Dieses Ziel wird nur durch harte Arbeit, Geduld und Glauben, auch durchgute Sprachkenntnisse erreicht.

Heute arbeitet Alim Abdusсhukur an einem zweiten Projekt – der Umbau eines neuen Restaurants ist in vollem Gange. Er ist erst 22 Jahre alt und besitzt bereits zwei Restaurants in Deutschland.

Doch für Alim sind nicht Zahlen oder äußerer Erfolg das Wichtigste. Entscheidend ist die Botschaft: Deutsche Sprache öffnet den Weg zu einem selbstständigen und erfüllten Leben, zur Integration und zur beruflichen Entwicklung in Europa, ohne dabei die eigene Kultur zu verlieren. Und das ist möglich, indem man sie mit anderen teilt.

Rukhsara Seitova

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