Ein Wochenende auf dem Mars – was sich wie Zukunftsmusik anhört, ist im Osten Kasachstans Realität. Denn nur dort gibt es einzigartige Wüstenlandschaften, bestehend aus rotem Lehm, die denen der Marsianer in ihrer Bizarrerie und Farbenwildheit nicht nachstehen. Wir haben uns hier mit Tourguide Olga Merk einmal umgesehen.

Die Rede ist von dem legendären Wüstenort Kiin-Kirish, der schon in uralten Erzählungen als äolische Stadt der Geister besungen wurde. Das Tal Kiin-Kirish, gelegen im Gebiet Kurtschum in der Region Ostkasachstan, gehört definitiv zu jenen wunderlichen Orten, wo die Zeit anders verläuft, einen der Hauch vergangener Epochen umweht und echte Zauber geschehen.

Schon seit langer Zeit wollte ich die bizarren, durch Erosion freigelegten Sandsteinablagerungen mit eigenen Augen sehen. Interessant, dass man diesen Wunsch auch dann noch hat, wenn man schon das Glück hatte, einen Lehm-Canyon zu besuchen, der sich auf einer Fläche von 300 Hektar erstreckt.

Über Holperwege und Schlaglöcher

Worin liegt die Anziehungskraft des Kiin-Kirish? Wir versuchen, das im Rahmen einer fantastischen Mars-Reise gemeinsam mit Tourguide Olga Merk zu ergründen, begleitet von einem Dutzend verwegener Touristen aus Öskemen. Die Fahrt vom Regionalzentrum, beginnend um 4 Uhr morgens, verlief in guter Gesellschaft und bei bestem Wetter. Das Wichtigste aber war die Vorfreude auf Begegnungen mit irgendetwas Mystischem.

Transportiert wurden wir von Alexander Gerd, einem gestandenen Fahrer und Romantiker, in seinem Minivan. Alexander hat bereits ganz Ostkasachstan befahren, kreuz und quer, vom Belucha im Altaigebirge bis zum Alakölsee. Die Tour zu unserem sakralen Ort gehörte nicht gerade zu den leichteren, doch obwohl wir uns uns über Holperwege, Schlaglöcher und durch Staub vorwärtsquälten, meisterte Alexander mit seinen Fahrkünsten alle Widrigkeiten.

Nach der Überfahrt über Buchtarma setzten wir unseren Weg fort über die Saissan-Senke, vorbei an tertiären Lehmgesteinsformationen, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit Feuerzungen auch „lodernde Felsen und Klippen“ genannt werden.

Unter Dinosauriern

Laut dem Fahrer ist der Terrakotta-Canyon Kiin-Kirish wie ein in einem Krater versteckter, riesiger Vulkan, der sich immerzu mit Energie auflädt. „Einmal habe ich hier etwas wirklich Erstaunliches erlebt“, so Alexander. Nach einem Spaziergang auf den Lehmdünen habe ich mich kurz zum Ausruhen hingelegt und war plötzlich völlig überraschend umgeben von Dinosauriern! Ich weiß nicht mehr, wie lange diese Eingebung anhielt – aber das Wichtige ist: Dieser Ort erhält die Erinnerung an seine Vergangenheit.“

Nach Ansicht von Wissenschaftlern zeugen die Schichten des Canyons davon, dass sie sich als Ergebnis des tropischen Klimas im Mesozoikum herausgebildet haben, als hier Dinosaurier mit einem Gewicht von bis zu 80 Tonnen lebten. Ausgegraben werden hier auch Überreste von Nashörnern, Krokodilen und Salamandern. Und anstelle von Saksaul wuchsen Palmen und Magnolien. Einer anderen Theorie zufolge war das Gebiet vor Jahrmillionen allerdings ein Meeresgrund.

Nach einer Feldmahlzeit und dem Start der Exkursion begann die Phantasie farbenfrohe Bilder zu malen. Wie bei einer Fata Morgana tauchten vor unseren Augen prähistorische Tiere, vergangene Epochen und sogar außerirdische Zivilisationen auf. Viele wollten etwa in den Rissen der Gesteine die Umrisse von Extraterrestriern mit langgestreckten Gesichtern und tiefen Augenhöhlen erkannt haben. Während das noch ins Reich der Phantasie gehörte, war eine andere Entdeckung komplett real: das riesige Nest eines Steppenadlers an einem Steilhang. Nebenbei gesagt: Man kann hier auch noch andere bedrohte Vogelarten antreffen: Großtrappen, Uhus oder Sakerfalken zum Beispiel.

Stadt der Geister

Wir wollen nicht die Legenden nacherzählen, die mit dem Namen des Ortes verbunden sind, welcher übersetzt so viel bedeutet wie „Hochmütiger Schönling“. Wir wollen aber auch nicht verheimlichen, dass im Volk die Sage fortlebt, wonach dies die Stadt der Geister ist. Die Sandtürme selbst bestätigen die Mythen, die besagen, dass diese jede Nacht in die Gebäude ihrer Urheimat zurückkehren.

Im Buch „Legenden und Mythen Ostkasachstans“ gibt es eine Erzählung davon, dass hier einst Jäger herkamen. Nachdem sie ihr Nachtlager errichtet hatten, sahen sie im Mondlicht das Leuchten von Edelsteinen und begannen krampfhaft, die Schätze einzusammeln, darum zu kämpfen. Beim Tagesanbruch erkannten die Jäger, dass die Edelsteine in Wirklichkeit nur Stücke von verschiedenfarbigem Ton waren. Die Leute weinten, weil sie verstanden hatten, welche Lehrstunde ihnen die Natur selbst gegeben hatte: Die einzigen Schätze, die unvergänglich sind, sind die der Seele.

Marsträume

Generell ist es so, dass man bei den „Hausherren“ um Erlaubnis bitten muss, wenn man den heiligen Ort begehen möchte. Und wenn man es geschafft hat, etwas zu ergattern, zum Beispiel Lehm mit heilender Wirkung für Gesichtspeelings oder besondere Steine, oder man sich einen Wunsch ausgedacht hat, dann soll man im Gegenzug auch eine Gabe darbringen – etwa Getreide, Milch oder Obst. «An den heiligen Orten dringen wir in das Gebiet der Geister ein und stören sie“, erläuterte Reiseleiterin Olga Merk dazu. „Deshalb soll man sich dort vorsichtig und respektvoll verhalten.“

Im Laufe unserer „Expedition“ überkam uns ein Gefühl von Besänftigung, und wir erkannten einen gewissen Stolz über unsere Heimat, die reich an solchen Landschaften ist. Einer der Reisenden schwärmte von der Tour, die er zuvor bereits an die Küste des Saissansees und zum Berg Mys Schekelmes unternommen hatte. Eine andere berichtete über ihren Plan, eine Wallfahrt – anders kann man es nicht nennen – auf den Belucha zu unternehmen. „Etwas ganz Packendes“ ist eine solche Reise für Olga Merk. „Wir bieten auch eine entsprechende Strecke zum Gebirgsfuß an.“ Unter den anderen Reisenden waren einige, die schon zig unterschiedliche Länder abgeklappert hatten. Sie alle waren nichtsdestotrotz überwältigt von unserem Mars.

„Wie in einer anderen Welt“

Der Lehmboden federte unsere Schritte angenehm ab, und wir liefen weiter zu den sogenannten Toren, die zwei sich gegenüberstehenden Drachen ähneln. Es kam hier gewissermaßen eine Analogie zu den slawischen Sagen Jawia und Nawia oder den ägyptischen Sphinxen zum Ausdruck. Auf jeden Fall war der Anblick atemberaubend.
Diejenigen, die sich durch die Höhlen entlang des Weges wagten – sei es, um negative Energie loszuwerden, oder einfach aus Neugier – kamen geläutert wieder heraus. „Hier gerätst du in eine andere Welt“, schwärmte eine von ihnen. „Es ist wichtig, hin und wieder vor der überfüllten Stadt und den irdischen Sorgen zu fliehen und sich etwas Schönem hinzugeben.

Tourguide Olga Merk, mit der wir im Vorjahr schon an den Baikalsee gereist waren, ist überzeugt, dass man nur auf Reisen richtig lebt, sich im Hier und Jetzt befindet. Allerdings, so die Reiseleiterin, verliefen alle Reisen sehr unterschiedlich. „Vieles hängt von den Teilnehmern selbst, den Gruppen und der Stimmung ab.“

Schwerer Abschied

Wir liefen und liefen, hoben Selenitgesteine auf und betrachteten die eingeschmolzenen Elemente, die teils an Lavastückchen, teils an Meteoritenteilchen erinnerten. „Auf meinen Dienstreisen habe ich die ganze Region bereist“, sagte eine Teilnehmerin. „Ich habe Georgien und Armenien gesehen, aber vom Kiin-Kirish bin ich richtig begeistert. Man glaubt kaum, dass die Natur so einen Ort erschaffen kann.“ Einige wollten sich von der Gruppe entfernen, einen kleinen Hügel für sich selbst finden, um ein bißchen zu meditieren. Andere wollten ganz im Gegenteil unbedingt ihre Emotionen mit den Reisegefährten teilen, sich unterhalten, Fotos machen.

Schade nur, dass selbst kleine Gruppen von Touristen Müll hinterlassen. Jemand äußerte auch den aufrührerischen Gedanken, es sei vielleicht besser, dass nicht jeder einfach so zu diesem einzigartigen paläontologischen Denkmal gelangen kann. Die Mentalität einiger Landsleute lässt es nicht zu, sich zu erholen und zu beobachten, ohne dabei zu zerstören.
Wir hingegen, die zwar bunten Ton und Steine, aber keine Pflanzen mitnahmen, weil fast alle von ihnen im „Roten Buch“ geführt werden, merkten auf dem Rückweg, dass der Ort uns einfach nicht losließ. Während der Fahrt schuf der Sonnenuntergang, genauso feuerrot wie die Stadt der Geister, eine geradezu lyrische Stimmung. Als wir später unter Mondschein durch die nächtliche Stille weiterfuhren, fühlten wir uns tatsächlich, als ob wir gerade vom Mars zurückkehrten.

Lena Paschke
Übersetzung aus dem Russischen: Christoph Strauch

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