Um die Diversifizierung der Wirtschaft weiter voranzutreiben, bemüht sich Kasachstan seit längerem, die Großstädte Astana und Almaty zu global sichtbaren „Hubs“ der Digitalwirtschaft zu machen. Ende 2024 wurde dafür ein vereinfachtes Jahresvisum für Ausländer mit gut bezahlten Homeoffice-Jobs verabschiedet, um hochqualifizierte Touristen länger im Land zu halten. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist bisher noch überschaubar. Eine Spurensuche unter den wenigen „Digital Nomads“ in Almaty.

Sollte sich die Vision eines Tages erfüllen, dann liegt mitten in einem der gläsernen Hochhaus-Komplexe am Äuesow-Theater in Almaty das Büro der Zukunft. In der Eingangshalle des SmArt.Point, einem kommerziellen „Coworking-Space“, warten eine offene Bar, Designerstühle und Cafés in schlichter Schwarz-Weiß-Einrichtung. An der Decke hängen Leuchten mit hellem LED-Licht. Was verbirgt sich hinter so einem „Coworking-Space“?

Vielleicht ist es so etwas wie eine öffentliche Bibliothek, zumindest was die Arbeitsatmosphäre angeht. Nur dass es hier keine Bücher gibt, sondern vor allem schnelles Internet, moderne Kunst an den Wänden und Entspannungsecken mit dem obligatorischem Billard-Tisch. Ein Produkt der digitalisierten Arbeit im 21. Jahrhundert. Und damit gewissermaßen das, was sich Kasachstan mittelfristig wünscht.

Der Weg zu einer starken Technologiebranche

Dass das Land nicht für immer von seinem reichen Vorkommen an fossilen Rohstoffen leben kann, ist seit Jahrzehnten eine ökonomische Binsenweisheit. Schon 1997 brachte man einen politischen Langzeitplan auf den Weg, mit dem Titel „Kasachstan 2030“. Die Strategie zielte wirtschaftspolitisch darauf ab, schnellstmöglich den Finanzsektor zu privatisieren und die eigenen Rohstoffe zu exportieren, um die Einnahmen später in nachhaltigere Wirtschaftszweige zu investieren: Chemie, verarbeitende Industrieproduktion, Wissenschaft, IT. Das Problem ist nur: Bis heute machen die Öl-, Gas- und Uranexporte mit 60-70% weiterhin den Löwenanteil der nationalen Exporte aus, obwohl Kasachstan doch schon seit langem an einer Diversifizierung seines wirtschaftlichen Portfolios hin zu einer wissens- und dienstleistungsbasierten Digitalnation arbeitet.

Carlos Guadamuz kommt aus der Schleuse zum Arbeitsbereich im SmArt.Point, mit rechteckiger Hornbrille, dunklen Jeans, weißem T-Shirt und Fleecejacke. Er lächelt freundlich, mit einem Hauch von Schüchternheit im Blick. Ein Mann, von dem man optisch im ersten Moment nicht einschätzen kann, ob er Anfang 20 oder Anfang 40 ist. Er ist 32.

Wir setzen uns in zwei der Designer-Sessel in der Eingangslobby und reden los: Er ist der Gründer zweier Krypto-Unternehmen und hat schon in Istanbul, Dubai und Bali gelebt und zwar als jemand, der sein Berufsinstrument, den Laptop, überall hin mitnehmen kann. Ein reisender Digitalarbeiter. Und jetzt Almaty? Ja, denn Kasachstan, und ganz besonders die lokale Tech-Szene, hätten mit Sicherheit nichts dagegen, wenn Almaty eines Tages im gleichen Atemzug genannt wird wie jene Städte, in denen Carlos bisher gelebt hat. Aber wie sich im Gespräch mit ihm schnell herausstellte: Noch ist er eine Ausnahme.

Die Gunst von „Digital Nomads“

Mit der Covid-Pandemie hat ein globaler Mobilitätswandel unter Büroarbeitern stattgefunden. Nicht nur in der IT- und KI-Branche sind Home-Office-Möglichkeiten zum Standard geworden. Junge Singles mit gut bezahlten Jobs nutzen die Gelegenheit, mit ihrem Laptop von Ort zu Ort zu reisen, um nach ein bis zwei Jahren ihre Zelte wieder abzubrechen und weiterzuziehen. „Digital Nomads“ wird das Phänomen genannt, das seit Ende der 2010er Jahre global zunehmend sichtbar geworden ist. Der Vorteil für das jeweilige Land: Eine Menge gut verdienender Menschen aus dem Ausland nutzt den lokalen Wohnungs-, Lebensmittel-, Gastronomie- und Kulturmarkt. Es kommt also Geld ins Land. Der Nachteil liegt auch auf der Hand: Mehr Nachfrage bedeutet auch Preisanstieg. In besonders beliebten Ecken von Lissabon oder Tbilisi, zwei der beliebtesten Städte solcher Digitalnomaden, sind Portugiesisch und Georgisch fast zu Randsprachen geschrumpft.

In Kasachstan wünscht man sich wohl vor allem die Vorteile der Digital Nomads. Der stellvertretende Außenminister Roman Vassilenko sagte: „Digital Nomads sind nicht nur Reisende, sondern auch Innovatoren und Gründergeister.“ Auch Präsident Tokajew verkündete im Februar 2025, dass eine vereinfachte Aufenthaltsgenehmigung für Digital Nomads weit oben auf der Agenda steht. Was steckt dahinter?

Astana hat in den vergangenen Jahren immer wieder neue Projekte auf den Weg gebracht, um ausländische Investitionen ins Land zu bringen: Dafür wurden unter dem Titel „Nurly Jol“ (= heller Weg) ein Ausbau der Transportwege (Straßen-, Schienen- und Luftinfrastruktur) und der IT-Industrie vorangebracht. Der „Astana Hub“, ein 2018 gegründetes Tech-Zentrum auf dem EXPO-Gelände in der kasachischen Hauptstadt mit rund 1.800 IT-Firmen, ist inzwischen eine tragende Säule der zentralasiatischen Digitalwirtschaft mit einem jährlichen Umsatz von 1,5 Billionen Tenge (3 Milliarden US-Dollar) geworden.

Nur 27 Personen mit „Neo Nomad Visa“ bis September 2025

Doch zurück zu Carlos Guadamuz. Er ist in Costa Rica geboren und aufgewachsen und hat sich in der Hochphase des Kryptotrends eigenständig in das Thema eingearbeitet. Wie kommt ein „Digital Nomad“ aus dem Bilderbuch, männlich, in seinen 30ern, im IT-Sektor tätig, auf Zentralasien? „Es war etwas zufällig“, sagt er grinsend. „Ich wollte nach meiner Zeit in Südostasien an einen weniger populären Ort.“ Und die Möglichkeiten in Zentralasien seien nun mal begrenzt. „Es kamen nur Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan in Frage. Und als ich mich eingelesen habe, wirkten Kasachstan und Almaty am fortschrittlichsten.“ Aber auch er kann nicht leugnen: „Viele Ausländer habe ich hier bisher nicht kennengelernt.“

Tatsächlich sind die Bemühungen Kasachstans um längerfristige Aufenthalte von gutverdienenden Menschen aus dem Ausland bisher wenig erfolgreich. Ende 2024 wurde extra ein neues Visum unter dem Titel „Neo Nomad Visum“ verabschiedet. Wer per Home-Office-Job aus dem Ausland mehr als 1,5 Millionen Tenge (3.000 US-Dollar) pro Monat verdient, soll relativ unkompliziert ein Jahr in Kasachstan auf Visumsanfrage bleiben dürfen, mit Option auf Verlängerung. Aber dann sind da die offiziellen Zahlen: Bis September 2025 haben erst 27 Personen das Neo Nomad Visum erhalten. Tbilisi setzt da andere Maßstäbe. Die Facebook-Gruppe „Tbilisi Digital Nomads“ zählt mehr als 22.000 Mitglieder, die Gruppe für Bali fast 150.000. Warum läuft Almaty so langsam an?

Wer ist die genaue Zielgruppe im globalen Wettbewerb?

Bisherige Erfahrungsberichte sind gemischt. Manche Bewerber auf das neue Visum beklagten technische Probleme auf den Websites der kasachischen Ministerien. Andere, so wie Carlos, den Umgang mit verpflichtenden Führungszeugnissen im Bewerbungsprozess. Diese hochdiskreten Dokumente werden meist nur im Herkunftsland erstellt und müssen persönlich abgeholt werden. Für reisende Digitalarbeiter, die weit weg von zuhause sind, ist das eine große bürokratische Hürde.

„Auf dem Papier sieht das neue Visum leicht zugänglich aus“, sagt Carlos. „Aber für viele kann selbst das Touristenvisum eine Hürde sein. Ich spreche mit meinem Pass aus Costa Rica zwar nicht für alle: Aber 210 Dollar für ein einmonatiges Visum? So viel musste ich in keinem anderen Land bisher zahlen. Dabei muss sich Almaty im Vergleich mit westlichen Städten auf keinen Fall verstecken. Meine Erwartungen an die Lebensqualität wurden bisher übertroffen.“

Die eigentliche Frage ist möglicherweise die Zielgruppe, auf die es Kasachstan abgesehen hat. Das Land entwickelt sich zwar zu einem aufstrebenden Tourismusziel, aber hauptsächlich unter seinen Nachbarländern. Daten der kasachischen Grenzbehörde zeigen: Im dritten Quartal 2025 sind gut 4,75 Millionen Menschen nach Kasachstan eingereist, aber davon kam der Großteil (4 Millionen) aus den vier Nachbarländern Usbekistan, Russland, Kirgistan und China. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Arbeitsmigration. Von den mehr als 550.000 ausländischen Arbeitern in Kasachstan kommen 86% aus Usbekistan, 7% aus Russland und weitere knapp 5% aus Kirgistan und Tadschikistan zusammen. Und laut kasachischem Arbeitsministerium hat nur jede sechste Person im arbeitsfähigen Alter, die nach Kasachstan zieht, einen höheren formalen Bildungsabschluss. Das deutet alles nicht auf eine starke Magnetwirkung im IT-Bereich hin.

„Ich glaube, was Almaty noch davon abhält, ein globaler Hotspot zu werden, ist der Bekanntheitsgrad. Kasachstan ist noch kein derart beliebtes Touristenziel, zumindest im globalen Vergleich mit Städten wie Istanbul oder Dubai. Vielleicht muss sich hier das Marketing noch verbessern“, sagt Carlos. Während er auf sein Führungszeugnis aus Costa Rica gewartet hat, sind die 30 Tage seines Touristenvisums abgelaufen. In wenigen Tagen reist er nach Usbekistan weiter.

Yannik Yeşilgöz

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