„Between Volga & Void“ ist eine Solo-Performance mit Video von Kristina Schleicher und Eugenia Bakurin. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der Russlanddeutschen und mit den biografischen und kulturellen Verbindungen zwischen Kasachstan und Deutschland.
Kristina Schleicher ist Schauspielerin, Tänzerin und Performancekünstlerin. Eugenia Bakurin ist Medienkünstlerin, Regisseurin und Kuratorin. In ihrer gemeinsamen Arbeit verbinden sie dokumentarisches Material – Interviews, Fotografien sowie Film- und Videoaufnahmen – mit Tanz, Text, Sound und physischem Theater.
Im Zentrum der Performance stehen Migration, Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit. Eine besondere Rolle spielt dabei der Körper als Träger persönlicher und transgenerationaler Erinnerung.
Die Verbindung zu Kasachstan
Kristinas Eltern sind Deutsche aus Kasachstan. 1993 zogen sie nach Deutschland. Kristina wurde dort geboren und wuchs dort auf. Mit acht Jahren kam sie zum ersten Mal nach Kasachstan.
„Ich habe eine besondere Verbindung zu diesem Land. Einerseits ist Kasachstan ein konkreter Ort aus der Geschichte meiner Familie. Andererseits ist es ein Ort, den ich selbst erst später kennenlernen konnte. Genau dieser Widerspruch interessiert mich: Wie kann ein Ort Teil der eigenen Identität werden, wenn man selbst dort nicht aufgewachsen ist?“, sagt Kristina.
Diese Frage steht auch im Zentrum der Performance. Für Kristina ist Kasachstan nicht nur ein geografischer Ort. Es ist auch Teil einer Familiengeschichte, die durch Erzählungen, Sprache, Gegenstände, den Körper und Erinnerungen weitergegeben wird.
„Deshalb beschäftige ich mich in der Performance auch mit der Frage, was von einem Herkunftsort weitergegeben wird – durch Erzählungen, Sprache, Gegenstände, den Körper und Erinnerungen.“
Eugenia Bakurin wurde in Tselinograd, dem heutigen Astana, geboren und wuchs in Kasachstan auf. Später zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland.
„Gleichzeitig hat sich das Land, und besonders Astana, stark verändert. Diese Spannung zwischen persönlicher Erinnerung, Familiengeschichte und einem Ort, der heute ganz anders aussieht als in meiner Kindheit, spielt auch in meiner künstlerischen Arbeit eine wichtige Rolle“, sagt Eugenia.
So treffen in der Performance unterschiedliche Erfahrungen aufeinander: die Perspektive der zweiten Generation, die bereits in Deutschland geboren wurde, und die Erinnerung an ein Land, in dem Eugenia selbst aufgewachsen ist. Zusammen führen sie zu einer Frage, die über einzelne Biografien hinausgeht: Was bleibt von einem Ort, wenn man ihn verlässt? Und was bleibt von diesem Ort in den Menschen, die mit dieser Geschichte weiterleben?
Worum geht es in der Performance?
„Between Volga & Void“ ist eine etwa 50-minütige Solo-Performance über Migration, Erinnerung und Zugehörigkeit. Ausgangspunkt ist Kristinas Familiengeschichte und ihre Erfahrung als Angehörige der zweiten Generation von Spätaussiedlern, aufgewachsen zwischen verschiedenen kulturellen und geografischen Bezugspunkten.
Kristina verbindet dokumentarisches Material, persönliche Erinnerungen, Interviews, Text, Bewegung, Sound und Video. Die Performance stellt auch die Frage, wie Geschichte innerhalb einer Familie weiterlebt. Wie wird die Erfahrung von Menschen, die eine bestimmte Zeit selbst erlebt haben, an die nächste Generation weitergegeben? Dabei spielt der Körper eine zentrale Rolle.
„Mich interessiert der Körper als Archiv: Was kann ein Körper erinnern, auch wenn wir uns bewusst nicht an ein bestimmtes Ereignis erinnern? Welche Bewegungen, Haltungen oder Reaktionen können mit einer Familiengeschichte und kulturellen Erfahrungen verbunden sein?“, sagt Kristina.
Die Bühne wird zu einem Ort, an dem Erinnerung nicht nur ausgesprochen, sondern auch über den Körper erforscht wird. Was lässt sich erzählen? Was lässt sich zeigen? Und was bleibt genau dort, wo Worte nicht mehr ausreichen?
Was bedeutet das Projekt persönlich?
„So nah an der eigenen Geschichte zu arbeiten, war manchmal nicht einfach. Gleichzeitig hat mir die künstlerische Arbeit ermöglicht, Erfahrungen und Fragen über den Körper und die Performance zu untersuchen, für die es nicht immer einfache Worte gibt“, sagt Kristina.
In der Performance ist auch die Stimme von Kristinas Großmutter zu hören. Ihre Erinnerungen geben Einblicke in die Geschichte der Familie.
„Für mich war es wichtig, nicht nur nach historischen Fakten zu fragen, sondern auch danach, wie sich diese Ereignisse angefühlt haben und was davon bis heute weiterwirkt.“
Wie viel Arbeit steckt hinter der Performance?
Die Entwicklung von „Between Volga & Void“ hat viel Zeit in Anspruch genommen. Es ging nicht nur um Proben, sondern auch um Recherche, Gespräche, Interviews und die Arbeit mit Familienmaterial.
Kristina stellte die Anträge bereits 2024. Unter anderem wurde die Arbeit 2025 durch ein Arbeitsstipendium der Kulturstiftung Schleswig-Holstein unterstützt. In dieser Zeit begann die Recherche. Anfang 2026 folgten die konkrete Arbeit an der Performance und die Proben für die Premiere im Februar 2026.
Hinter der Performance steckt umfangreiche Recherchearbeit. Ein wichtiger Teil davon waren Gespräche und Interviews mit Menschen aus Spätaussiedlerfamilien sowie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Russlanddeutschen.
Gleichzeitig arbeitete Kristina intensiv mit ihrem eigenen Körper. Das dokumentarische Material dient dabei nicht einfach als Hintergrund. Es verbindet sich mit Bewegung, Stimme, Sound und Video.
Doch auch heute entwickelt sich die Inszenierung weiter. „Die Performance befindet sich auch jetzt noch in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung und wird immer wieder an verschiedene Aufführungsorte angepasst“, sagt Kristina.
Was verändert sich, wenn sich der Ort verändert?
Eine Performance bleibt nicht vollständig dieselbe Arbeit, wenn sie an einem anderen Ort gezeigt wird. Der Kontext verändert sich. Und damit verändert sich auch die Wahrnehmung der Geschichte. Für Kristina wurde genau diese Begegnung zu einem wichtigen Teil der Reise.
„Ich glaube, dass sich die Bedeutung eines Stücks verändert, wenn es an unterschiedlichen Orten gezeigt wird. In Deutschland sprechen wir über Kasachstan häufig aus einer bestimmten historischen oder migrantischen Perspektive. Hier entstehen wiederum andere Bezüge und Fragen.“
Die Reise gab ihr damit die Möglichkeit, noch einmal anders auf die eigene Geschichte zu schauen. Eine Geschichte, die aus persönlicher Familienerfahrung entstanden ist, trifft in einem anderen Land auf Menschen, die mit denselben Orten und historischen Ereignissen ganz andere Verbindungen haben können.
„Für mich war die Reise deshalb nicht einfach eine Gastspielreise, sondern eine persönliche Begegnung mit einem Ort, mit dem ich seit Langem über meine Familie verbunden bin.“
Nach der Performance
Nach der Aufführung in Kasachstan nimmt Kristina vor allem die Begegnungen mit dem Publikum mit. Für sie war es besonders wichtig, diese Geschichte hier zu zeigen und anschließend die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer zu erleben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
Auch der deutsche Generalkonsul Matthias Kiesler reagierte auf die Performance:
„Ich war ganz beeindruckt von dem Stück. Ich glaube, sie hat gut rübergebracht ihre Empfindung für jemanden, der zwar in Deutschland geboren worden ist, aber trotzdem natürlich auch noch verwurzelt ist in Kasachstan. Und ich habe an den Reaktionen der vielen Zuschauer gemerkt, dass das Thema hier auf einen Nerv getroffen hat. Also ich glaube, es war eine ganz tolle Veranstaltung und ich würde mich freuen, wenn das Team dann vielleicht auch wieder hier nach Kasachstan und nach Almaty kommen könnte.“
Für die Künstlerinnen war die Reaktion des Publikums nicht nur eine Antwort auf eine bereits entstandene Arbeit. Sie wurde auch Teil ihrer weiteren Auseinandersetzung mit der Performance. Denn eine Arbeit über Erinnerung und Zugehörigkeit lässt sich nicht vollständig von den Menschen trennen, die sie sehen.
„Hier war die Performance nicht einfach dieselbe Arbeit, die an einem anderen Ort gezeigt wurde. Der Ort selbst wurde Teil ihrer Bedeutung“, sagt Eugenia Bakurin.
Was bleibt nach der Performance?
Nach der Reise spricht Kristina vor allem darüber, dass eine persönliche Geschichte nie nur persönlich bleibt.
„Sie kann Verbindungen zu anderen Menschen herstellen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.“
Auch die Diskussion nach der Performance zeigte, wie stark die Geschichte das Publikum erreicht hat. Noch eine ganze Stunde nach der Aufführung teilten die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Eindrücke, erzählten, wie nah ihnen das Thema und die Geschichte waren, und stellten den Künstlerinnen Fragen.
Viele fanden in Kristinas persönlicher Geschichte eigene Berührungspunkte. Auch die visuelle Sprache der Performance löste starke Reaktionen aus.























