Wie Menschen in Kasachstan auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas blicken

Die Eskalation im jahrzehntelangen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern dominiert seit fünf Monaten die internationalen Schlagzeilen. Am 7. Oktober überfiel die islamistische Terrororganisation Hamas Israel, tötete rund 1.200 Menschen und entführte über 240 weitere Personen. Israel erklärte daraufhin der Hamas den Krieg und startete eine Bodenoffensive im Gazastreifen, unter der vor allem die Zivilbevölkerung des dicht besiedelten Küstenstreifens leidet.

Die Diskussionen über die Unterstützung Israels bei seinen Bemühungen, die Hamas zu vernichten, sind besonders in Europa und den Vereinigten Staaten hitzig. In Kasachstan dagegen ist das Thema weniger präsent. Eine öffentliche Diskussion findet nicht statt, ist wohl auch nicht erwünscht. Dennoch gibt es auch hier Menschen, die sich mit den Ereignissen im Nahen Osten intensiv auseinandersetzen – zum Teil auch bedingt durch die eigene Biographie.

Zwischen Identität und Engagement: Mona Zubis Perspektive

Mona Zubi etwa hat sowohl Anknüpfungspunkte an Zentralasien als auch an Palästina. Im US-Bundesstaat Illinois wuchs sie als Kind einer usbekischen Mutter und eines palästinensischen Vaters auf. Die Sprachen ihrer Eltern aber lernte sie nicht – aufgrund von Assimilierung und der Furcht vor Diskriminierung, wie sie sagt.

Erst während ihres Studiums an der University of Illinois Chicago begann Mona, sich intensiver mit ihrer Identität auseinanderzusetzen, auch im Rahmen von politischem Aktivismus. Sie engagierte sich aktiv in der Organisation National Students for Justice in Palestine und im Arab American Cultural Center in Chicago. Seit zwei Jahren lebt Mona nun in Zentralasien und arbeitet seit neuestem an der Kasachischen Nationalen Universität, wo sie US-Studenten im Rahmen eines Sprachprogramms ermöglicht, in Kasachstan Russisch zu lernen.

„Anfangs fühlte ich mich sehr isoliert. Ich hatte das Gefühl, ich täte nicht genug“, sagt Zubi. Obwohl Almaty über eine überraschend große arabische Diaspora verfügt, sei es nicht immer einfach, sofort Anschluss zu finden. Das Gefühl der Einsamkeit verflog jedoch schnell, sobald Zubis Mitmenschen anfingen, ihr gegenüber Unterstützung zu zeigen.

Die grundlegende Einstellung der kasachischen Bevölkerung gegenüber der Situation der Palästinenser beschreibt sie als „größtenteils mitfühlend“. Geprägt durch die gemeinsame Religion der beiden Völker (die Kasachen sind kulturell muslimisch geprägt), macht sich eine allgemeine Stimmung der Solidarisierung in der Gesellschaft bemerkbar. Informative Posts und Spendenaufrufe machen in den sozialen Medien die Runde.

Regierung nicht gleich Gesellschaft

Pro-Israelische Einstellungen sind dagegen tendenziell seltener anzutreffen. Mona Zubi erinnert sich etwa an einen Laden, in dem ein Bild von einem Mann hing, der vor einer israelischen Flagge eine Waffe in der Hand hielt. Oder an die Diskussion eines tadschikischen Freundes aus Russland. Dieser erinnerte an die zahlreichen russischen Juden, die seit der Invasion der Ukraine durch Russland in Israel Zuflucht gefunden haben, und argumentierte, dass „nicht alles an Israel schlecht ist“. Es gelte das Verhalten der Regierung und des Militärs von der Stellung der Zivilgesellschaft zu unterscheiden.

Sie selbst dagegen sieht diese Argumentation vor dem Hintergrund der aktuellen Antikolonialismus-Debatte kritisch. Aus ihrer Sicht sind sowohl Russlands neoimperialistisches Auftreten als auch Israels Siedlungspolitik im Westjordanland kolonialistische Verhaltensmuster. „Vor dem Krieg in der Ukraine zu fliehen und dann nach Israel zu gehen, ist deshalb nicht so, dass du etwas Besseres als vorher getan hättest. […] Dein Verhalten hat Konsequenzen, unabhängig von deinen Absichten“, sagt sie – allerdings ohne darauf einzugehen, dass auch viele Israelis selbst die Siedlungspolitik ablehnen.

Kristina Mikhailowa: Film als Plattform für Solidarität

Kristina Mikhailowa, in Almaty geboren und inmitten der kurdischen Diaspora aufgewachsen, hat früh das Konzept der Staatenlosigkeit verstanden. Das sensibilisierte sie für die Problematik des Israel-Palästina-Konflikts. Als Dokumentarfilmemacherin setzt sie sich dafür ein, die Plattform für Filmregisseure um Vertreter aus Zentralasien und der Welt zu erweitern.

Als Gründungsmitglied des Kollektivs In-Docs vernetzt sie über 80 Regisseure in der Region und bietet Ressourcen zur Weiterbildung. Mikhailowa organisierte die öffentliche Ausstrahlung und Diskussion von drei Filmen zur Unterstützung der Anliegen von Palästinensern und beteiligte sich lautstark am internationalen Protest rund um die Berlinale im Februar und ihre Stellung zum Krieg.

Selbst ein ehemaliges Berlinale Talent, wurde Mikhailowa 2023 zum Förderprogramm der Filmfestspiele eingeladen, und positionierte sich dieses Jahr an der Seite anderer Alumni im Rahmen eines offenen Briefes. Sie schlossen sich den öffentlichen Forderungen an die Berlinale-Organisatoren an und forderten, die aktuelle Lage im Gazastreifen als Genozid anzuerkennen.

Unruhe um Berlinale-Auftritte

Tatsächlich sorgte das Thema dann auch bei der Preisverleihung für Tumulte. Den Dokumentarfilmpreis gewann der Film „No Other Land“, in dem es um die Vertreibung der Palästinenser aus dem Westjordanland geht. Bei der Preisverleihung sprachen verschiedene Regisseure im Zusammenhang mit Israels Politik und dem Krieg im Gazastreifen eben von „Genozid“ und „Apartheid“, was auf scharfen Widerspruch seitens führender deutscher Politiker – unter anderem des Berliner Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) – stieß.

Der Umgang mit der Zivilbevölkerung im Gazastreifen gehört generell zu den umstrittensten und emotionalsten Punkten in der Diskussion um Israels Bodenoffensive. Verteidiger der Position Israels weisen darauf hin, dass die Hamas Zivilisten als Schutzschilde einsetzt und die israelische Armee vor Luftangriffen Zivilisten in der Nähe ihrer Ziele stets vorwarnte. Kritiker monieren, dass die israelische Armee dennoch zu wenig tue, um Zivilisten zu schützen. Zuletzt hatte auch US-Präsident Joe Biden als Israels wichtigster Verbündeter immer wieder die Rücksichtslosigkeit des Militäreinsatzes kritisiert und von einem Angriff auf die von Flüchtlingen überfüllte letzte Hamas-Hochburg Rafah gewarnt.

Kristina Mikhailowa ärgert sich im Zusammenhang mit der Berlinale über das Schweigen der diesjährigen kasachischen Delegation zu dem Thema. In diesem Kontext sieht sie ihre eigene Stellung und die organisierten Filmprojektionen als „menschliche Empathie“, wobei sie besonders die Wichtigkeit des daraufhin folgenden Meinungsaustauschs in diesem „emotional dialektischen Prozess“ hervorhebt: „Allein schon zur Projektion zu kommen und darüber zu diskutieren ist ein Statement. […] Die Projektion selbst ist nicht von Bedeutung, es ist die Diskussion, die zählt.“

Die Herausforderung der öffentlichen Diskussion in Kasachstan

Mona Zubi und Kristina Mikhailowa sind zwei von Wenigen, die sich in Kasachstan in so einem Maße an der Diskussion zum Israel-Palästina-Konflikt beteiligen. Die Diskussionskultur in Kasachstan unterscheidet sich von der in westlichen Ländern. „Die Leute besuchen keine solidarischen Veranstaltungen“, stellt etwa Mikhailowa fest. Trotz positiver Resonanz auf Instagram kämen zu den Vorführungen gerade einmal um die dreißig Personen.

Sie bemerkt: „Alle meine Kollegen haben bei sich [in ihrem Land] so etwas [Protestaktionen] gemacht. Sie haben die Möglichkeit sich frei auszudrücken, wir haben diese Möglichkeit nicht“. Das liege auch an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Kasachstans in den letzten 30 Jahren: „Die Menschen in Kasachstan kümmern sich sehr um ihre eigenen Angelegenheiten – Fragen stellen sie keine.“

Die Stimme der jüdischen Gemeinde

Noch weniger präsent ist in der öffentlichen Debatte in Kasachstan die Stimme der jüdischen Gemeinde. Dennoch existieren einige ausdrucksstarke Statements von wichtigen Vertretern wie dem Ober-Rabbiner Kasachstans Jesaja Kogen. Der sagte wenige Tage nach dem Terrorangriff der Islamisten auf Israel und dem Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hamas:

„Ich war nicht überrascht. Jeder Tag, an dem es nicht zu einem solchen Vorfall gekommen ist, ist ein Wunder. […] Ich erinnere mich, dass sie sagten, die Konflikte gäbe es nur in Israel, und dann stellte sich heraus, dass es an verschiedenen anderen Orten Konflikte gab, auch an muslimischen Orten. Man darf nicht schweigen. Dieser Terror muss sofort gestoppt werden. Ich bin Kasachstan dankbar, dass es seit vielen Jahren erkannt hat, dass das Wichtigste für alle Menschen auf der Welt die Sicherheit ist – für jeden Bürger, egal ob er gläubig oder ungläubig ist.“

Daria Lysenko

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