Goalball bringt Normalität in den schwierigen Alltag

Goalball bringt Normalität in den schwierigen Alltag

In Kasachstan haben es sehbehinderte Menschen nicht einfach. Doch auch sie haben die Möglichkeit ihr Leben in die Hand zu nehmen und etwas aus sich zu machen, wie zum Beispiel Goalball-Trainer Musrjat Eblobakijew.

 

Ruhe – Ball – Spiel. Drei kurze Kommandos des Trainers sind zu hören und die erste Goalball-Halbzeit kann beginnen. Drei Spieler auf jeder Seite, jeder von ihnen schützt das Tor, indem er sich auf den Boden wirft. Ziel ist es, den Ball zu halten, den die gegnerische Mannschaft am anderen Ende der Turnhalle über das Feld rollt.
Der schwere blaue Basketball hat kleine Glocken im Inneren, denn der einzige Sinn, auf den sich die Spieler beim Goalball verlassen können, ist ihr Gehör. Jeder von ihnen ist blind.
Zwischendurch gibt der Trainer Anweisungen. Sanja zum Beispiel wirft sich nicht richtig auf den Boden. Sieben Minuten dauert ein Spiel. Heute gewinnt die Mannschaft in den roten Trikots. Sechs zu vier der Endstand.
Goalball wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschen und Österreichern erfunden. In Kasachstan ist der Sport noch recht neu. Für blinde Menschen wie Nurachmedschan Chodjachmetow – heute leider in der Verlierermannschaft – ist Goalball ein Stück Normalität im sonst schwierigen Alltag.
„Als ich mit Goalball angefangen habe, habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ein blinder Mensch wie ich etwas kann. Der Sport hilft mir, mich weiter zu entwickeln. Ich halte mich damit körperlich fit.“, sagt Goalball-Spieler Nurakhmedjan Khodjakhmetov.
Auch Musrjat Jelibakijew ist heute in die Halle gekommen. Er ist einer der Pioniere des Goalballs in Kasachstan, war lange Zeit selbst aktiv. Heute ist er nur neugierig, welche Fortschritte die Spieler machen.
Er habe sich in dieses Spiel verliebt und brennt für dieses Spiel, verrät er. „Ich war früher Cheftrainer unserer Mannschaft. Wir haben damals nur zwei Monate trainiert und sofort die Kasachstan-Meisterschaften gewonnen. Aber seit Kasachstan unabhängig ist, haben wir kaum Möglichkeiten, uns zu entwickeln. Für behinderte Menschen fehlt in Kasachstan bekanntlich immer das Geld.“ Jelibakijew ist Vorsitzender der Blindengesellschaft „Mejrimdy El“. Sein Engagement ist nicht die einzige alltägliche Herausforderung, die er zu meistern hat.
Wir treffen Musrjat Jelibakijew in der Innenstadt von Almaty wieder. Breite Straßen, schicke Autos – die Stadt sieht nicht arm aus. Doch für den sehbehinderten Jelibakijew ist Almaty jeden Tag eine Herausforderung, denn es gibt nicht einmal Ampeln, die piepen, wenn es grün ist. „Solange es hell ist, habe ich nicht so viele Probleme. Aber ich kann zum Beispiel die Busnummern nicht erkennen. Dann frage ich Menschen auf der Straße. Die sind immer sehr hilfsbereit“, sagt er.
Als Jelibakijev 16 war, hatte er einen Unfall im Chemie-Unterricht. Seit dem sieht er nur noch Bruchstücke mit dem linken Auge. Rechts ist er vollkommen blind. Er ist meist mit seiner Frau Nazira Kurmaschewa in der Stadt unterwegs. Auch sie ist stark sehbehindert. Doch zusammen sind sie ein gutes Team.
„Hier ist ein kleiner Absatz und mein Mann hat den nicht gesehen und wäre fast gefallen. Ich habe mich dann mit dem Fuß vorgetastet und habe meinen Mann festgehalten. Und so was passiert oft. Solche Stufen müssten gekennzeichnet sein, damit Sehbehinderte sie besser erkennen“, erläutert Kurmaschewa. Sie hat trotz ihrer Sehschwäche ihr Jura-Studium absolviert. Sie ist damit eine Ausnahme in Kasachstan. Eine Ausbildung zu machen oder gar einen Job zu finden ist nicht leicht für Behinderte. Auch Nazira hat ihre Erfahrungen gemacht: „Die Gesellschaft ist sehr hart in dieser Hinsicht. Meine sehenden Juristen-Kollegen zum Beispiel haben mir Klienten geklaut. Natürlich sind nicht alle Menschen gleich, aber meine Kollegen haben oft ausgenutzt, dass ich schlecht sehe.“
Mittlerweile ist Kurmashewa selbstsicherer. Als Juristin kennt sie ihre Rechte. Das versucht sie nun auch ihrem Mann Musjrat beizubringen. Er hatte damals nach seinem Unfall keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen.
„Ich finde es sehr schade, dass ich damals nicht wusste, dass es Sonderschulen gibt. Sonst wäre es vielleicht anders gelaufen und ich hätte auch studiert. Aber trotz meines Alters bin ich vor zwei Jahren noch mal zur Berufsschule gegangen und habe mein Diplom gemacht. Jetzt bin ich Sportlehrer.“
Viel verdient er damit nicht. Er lebt hauptsächlich von seiner Invalidenrente. 24.000 Tenge, ungefähr 100 Euro bekommt er vom Staat. Das reicht nicht einmal für die Miete. Den Rest verdient seine Frau mit ihrer eigenen kleinen Firma. Drei Mitarbeiter stellen dort Schachbretter für Sehbehinderte her. In Zukunft soll das Unternehmen wachsen. Kurmashewa will noch mehr Leute einstellen. Am liebsten natürlich Blinde.

Dieser Beitrag ist während der IX. Zentralasiatischen Medienwerkstatt (ZAM) entstanden. Die ZAM ist ein gemeinsames Projekt der Deutschen Allgemeinen Zeitung, des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), des Goethe-Instituts Kasachstan und der Friedrich-Ebert-Stiftung.