Während ihres Besuchs in Semei hatten wir die Gelegenheit, mit der Journalistin, Podcasterin und Autorin Ira Peter zu sprechen, die sich der Vermittlung der Geschichte und Kultur der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion widmet. Sie erzählte von ihrer Familie, ihrem beruflichen Werdegang, ihrer Reise nach Kasachstan und ihren Zukunftsplänen.
Frau Peter, erzählen Sie uns bitte etwas über sich. Wer sind Sie, womit beschäftigen Sie sich und welche Themen interessieren Sie besonders?
Mein Name ist Ira Peter. Ich wurde 1983 in der Kasachischen SSR geboren. Meine Großeltern wurden 1936 aus Wolhynien, das heute zur Ukraine gehört, nach Kasachstan deportiert. 1992 zog unsere Familie als Aussiedler nach Deutschland, und seitdem lebe ich in Baden-Württemberg.
Ich habe Literaturwissenschaft und Psychologie studiert und anschließend acht Jahre im Bereich PR und Marketing gearbeitet. Seit 2017 bin ich als freie Journalistin, Podcasterin und Autorin tätig. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen die Geschichte und das heutige Leben der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion sowie Fragen ihrer Integration in Deutschland.
Wie begann Ihr Weg als Bloggerin und Schriftstellerin? Erzählen Sie uns von Ihrem ersten Buch.
Im Jahr 2021 war ich Stadtschreiberin von Odessa. Fünf Monate lang führte ich einen Blog über die Geschichte der Stadt, insbesondere über ihr deutsches und jüdisches Erbe. Das Projekt erhielt große Unterstützung von den Leserinnen und Lesern und wurde 2022 mit dem Preis „Goldener Blogger“ ausgezeichnet.
Mein erstes Buch erschien 2025 unter dem Titel „Sind wir deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. Darin beschäftige ich mich mit den Integrationserfahrungen von (Spät-)Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland. Mir war es wichtig, sowohl erfolgreiche staatliche Maßnahmen als auch bestehende Probleme aufzuzeigen. So wurden beispielsweise rund 90 Prozent der beruflichen Qualifikationen der Aussiedler nicht anerkannt.
Außerdem trägt das Buch dazu bei, verbreitete Mythen über die Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion zu hinterfragen. Viele Vorstellungen entsprechen nicht der Realität, und ich wollte ein differenzierteres Bild vermitteln.
Sie haben vor Kurzem Kasachstan besucht. Welche Eindrücke hat diese Reise bei Ihnen hinterlassen?
Die Reise war für mich sehr emotional und von großer Bedeutung. Zunächst besuchte ich Verwandte in Astana, wo ich wie immer sehr herzlich empfangen wurde. Anschließend fuhren wir in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbracht habe. Dort besuchten wir die Gräber meiner Großeltern, brachten sie in Ordnung, säuberten das Gelände und erneuerten den Grabschmuck. Für unsere Familie hat die Erinnerung an die Vorfahren einen sehr hohen Stellenwert.
Danach reiste ich gemeinsam mit einem Freund im Nachtzug nach Semei. Schon diese Zugfahrt war ein besonderes Erlebnis. Wenn man aus dem Fenster auf die endlose Steppe blickt, entsteht ein Gefühl von Ruhe und tiefer Verbundenheit mit der Heimat.
Was hat Ihnen in Semei besonders gefallen?
Vor allem die Menschen. Die aufrichtige Gastfreundschaft der Gesellschaft „Wiedergeburt“ hat uns sehr beeindruckt. Für uns wurde ein wunderbares Programm mit kulturellen Darbietungen und einer Stadtführung organisiert.
Besonders erfreulich ist es zu sehen, dass sich heute immer mehr Kasachstaner für den Erhalt der deutschen Kultur und Sprache engagieren. Das ist ein schönes Beispiel für den kulturellen Austausch und den gegenseitigen Respekt.
Auch die Museen der Stadt haben bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Viele Menschen assoziieren Semei in erster Linie mit dem dortigen ehemaligen Atomtestgelände. Nach meinem Besuch denke ich jedoch vor allem an die reiche Kultur, die spannende Geschichte und die außergewöhnlich herzlichen Menschen.
Woran arbeiten Sie derzeit und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Zurzeit schreibe ich mein zweites populärwissenschaftliches Buch. Es beschäftigt sich mit den Folgen der sowjetischen Vergangenheit und damit, wie diese das Leben von Menschen in Deutschland bis heute prägen. Die Veröffentlichung ist für Mai 2027 geplant, daher konzentriere ich mich derzeit fast vollständig auf dieses Projekt.
Außerdem hoffe ich sehr, bereits im nächsten Jahr wieder nach Zentralasien reisen zu können. Jede dieser Reisen fühlt sich für mich wie eine Rückkehr nach Hause an. Ich bin unendlich dankbar, dass die Kultur Zentralasiens Teil meiner Identität ist. Meine Herkunft aus Kasachstan ist ein großer Reichtum, der mich sowohl persönlich als auch beruflich bereichert.
Vielen Dank für das Gespräch!
Vielen Dank für die Einladung und für den herzlichen Empfang in Kasachstan.























