Was eine Schüssel Nudelsuppe über die Geschichte meiner Familie erzählt
Als ich meine Großmutter für ein Interview besuchte, dachte ich, wir würden über ein Rezept sprechen.
Stattdessen verbrachten wir mehrere Stunden in der Küche. Auf dem Holzbrett lag Teig, Omas Hände waren mit Mehl bedeckt, und nach und nach entstanden dünne Streifen hausgemachter Nudeln. „Heute ist es viel einfacher, fertige Nudeln im Laden zu kaufen“, sagt sie. Trotzdem rollt sie an diesem Tag den Teig von Hand aus. Vielleicht, weil manche Dinge nicht aus Bequemlichkeit gemacht werden.
In unserer Familie werden Nudeln seit Generationen selbst hergestellt. Schon die Mutter meiner Großmutter rollte den Teig auf einem Holzbrett aus. Später lernte meine Großmutter dieselbe Technik. Das Brett liegt bis heute in ihrer Küche, obwohl es längst Nudelmaschinen, Supermärkte und Fertigprodukte gibt.
Während sie den Teig bearbeitet, frage ich sie nach der Nudelsuppe – einem Gericht, das in unserer Familie bis heute regelmäßig auf den Tisch kommt. „Möhren habe ich nie in die Nudelsuppe getan. Das habe ich von meiner Großmutter übernommen.“
Ich muss lächeln. Es klingt merkwürdig, dass eine Familientradition mit einer fehlenden Zutat verbunden sein kann. Doch nach und nach wird mir klar: Es geht nicht um die Möhren. Hinter diesem einfachen Gericht verbirgt sich die Geschichte meiner Familie.
Manche Dinge bleiben in Erinnerungen
Meine Urgroßmutter wurde in Busuluk im Gebiet Orenburg geboren. Im Jahr 1941 kam ihre Familie nach Kirgisistan. Sie war damals erst zehn Jahre alt.
Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, können sie ihre Häuser, Straßen und ihr gewohntes Leben nicht mitnehmen. Manche Dinge begleiten sie jedoch trotzdem. Nicht im Koffer, sondern in ihren Erinnerungen.
Mit meiner Urgroßmutter kam auch das Wissen um die hausgemachten Nudeln nach Kirgisistan. Jahre später wuchs hier bereits meine Großmutter auf. Sie wurde 1955 in Kirgisistan geboren und lebte von Kindheit an zwischen verschiedenen kulturellen Welten.
Auf dem Familientisch standen weiterhin die Gerichte, die schon ihre Eltern und Großeltern gekocht hatten. Gleichzeitig kamen neue Speisen hinzu, die das Leben in Zentralasien mit sich brachte. „Früher konnte ich sogar die Nudeln für Lagman selbst ziehen“, erzählt meine Großmutter. In diesem Satz steckt für mich die Geschichte unserer Familie.
Auf der einen Seite steht die traditionelle Nudelsuppe der Russlanddeutschen. Auf der anderen Seite Lagman – eines der bekanntesten Gerichte Zentralasiens. Die alten Traditionen verschwanden nicht. Sie begegneten neuen Einflüssen und entwickelten sich weiter.
Familiengeschichten in der Wirklichkeit
Mit der Zeit veränderte sich auch der Alltag. „Dann kamen die Nudelmaschinen. Und ich habe aufgehört, die Nudeln selbst zu machen.“
Heute kann man hausgemachte Nudeln fast überall kaufen. Das ist schneller und einfacher. Nach und nach verschwand die Notwendigkeit, mehrere Stunden mit dem Ausrollen von Teig zu verbringen. Doch manches blieb erhalten.
Nach ihrem Schulabschluss beschloss meine Großmutter, nach Busuluk zu reisen – in die Stadt, in der die Geschichte unserer Familie ihren Anfang genommen hatte.
„Ich wollte unsere Verwandten kennenlernen und den Ort sehen, an dem meine Mutter geboren wurde.“ Dort wurde sie von den Schwestern ihrer Mutter herzlich empfangen. „Sie haben mich sofort wie ein Familienmitglied aufgenommen.“
Wenn ich ihr zuhöre, habe ich das Gefühl, dass es dabei um mehr ging als um eine Reise. Manchmal ist es wichtig, den Ort mit eigenen Augen zu sehen, von dem man sein ganzes Leben lang gehört hat. Zu verstehen, dass Familiengeschichten nicht nur in Erzählungen existieren, sondern auch in der Wirklichkeit.
Tradition in einem alten Holzbrett
Als unser Gespräch sich dem Ende nähert, liegen die Nudeln bereits in ordentlichen Reihen auf dem Tisch. Daneben sitzt mein kleiner Bruder Oleg. Er beobachtet aufmerksam, wie unsere Großmutter arbeitet, und stibitzt schließlich ein paar frische Nudeln direkt vom Brett.
Meine Großmutter lächelt. In diesem Moment wird mir bewusst, dass Tradition selten feierlich aussieht. Sie lebt nicht in Museen und nicht nur in Archiven.
Sie lebt in einem alten Holzbrett, das Jahrzehnte überdauert hat. In Familiengesprächen über Busuluk. In einem Rezept, in das bis heute keine Möhren kommen. Und in einem Kind, das mit Freude dieselben Nudeln probiert, die schon seine Urgroßmutter und Ururgroßmutter zubereitet haben.
Heute kocht meine Großmutter ihre Nudelsuppe in Bischkek. Zwischen Busuluk und unserer Küche liegen Tausende Kilometer, mehrere Generationen und eine bewegte Geschichte. Doch wenn ich auf den Teller mit der heißen Suppe blicke, wird mir klar: Manche Dinge überdauern die Zeit besser als jedes Archiv. Manchmal bewahrt sich die Geschichte einer Familie in den einfachsten Dingen. Zum Beispiel in hausgemachten Nudeln.























