Die Welt der kasachischen Ornamente ist weit vielfältiger als nur die allseits bekannten Motive „қошқар мүйіз“ (qoschqar müjiz, das Widderhorn) oder „гүл“ (gül, die Blume). Während im modernen Massendesign meist nur einige wenige bekannte Muster verwendet werden, bleiben Dutzende kunstvoller und grafisch hochkomplexer Ornamente oft unbeachtet.

Dabei gehören gerade diese aufwendig gestalteten Motive zu den wertvollsten Elementen der traditionellen Ornamentkunst. Ihre Herstellung erfordert vom Meister besondere Präzision und großes handwerkliches Können. In diesem Beitrag stellen wir einige dieser weniger bekannten Ornamente vor, damit sowohl Einheimische als auch ausländische Gäste die wahre Vielfalt der kasachischen Ornamentik entdecken können.

Jedes Ornament hatte seinen Platz

In der traditionellen kasachischen Kultur war ein Ornament niemals bloße Dekoration. Für nahezu jeden Gegenstand gab es bestimmte Muster mit einer besonderen Bedeutung: für Kleidung, Kopfbedeckungen, Haushaltsgegenstände, Jurten, Waffen oder sogar Pferdegeschirr.

Ein Beispiel ist das Ornament ит құйрық (it kuyryk, der Hundeschwanz). Da der Hund als treuer Freund des Menschen galt, symbolisierte dieses Muster Freundschaft und Schutz. Es wurde zur Verzierung von Hauseingängen und Möbeln verwendet, jedoch niemals auf Kopfbedeckungen angebracht.

Für Kopfbedeckungen existierten eigene Motive, beispielsweise жұлдыз өрнек oder жұлдыз гүл (zhuldyz örnek, zhuldyz gül), die sogenannte Sternblume.

Die Vielfalt der Muster

Viele traditionelle Ornamente beziehen sich auf Tiere, Pflanzen, Gegenstände oder Naturerscheinungen, beispielsweise, алақұрт (alaqurt, die bunte Raupe), аламоншақ (alamonshaq, bunte Perlen), iрек, iрексу (irek, iIreks, eine Zickzack- oder wellenförmige Linie, die an Flüsse und Quellen erinnert), шатыргүл, жұлдызгүл (shatyrgül, zhuldyzgül, sternförmige Blumenmotive, häufig auf Teppichen aus Südkasachstan) oder түлкібас (tülkibas, der Fuchskopf oder auch der Katzenkopf).

Besonders wichtig waren Ornamente mit symbolischer Bedeutung: тұмарша (tumarsha) stellt ein kleines Amulett dar. Im traditionellen Nomadenleben galt der тұмар (tumar) als Schutzgegenstand mit magischer Kraft. Das Motiv gehört zur Gruppe der geometrischen Ornamente. Auch andere Turkvölker kennen dieses Symbol. Bei den Uiguren heißt es ebenfalls „tumar“ und wird seit Generationen als Schutzamulett getragen. In der Türkei begegnet man derselben Idee im bekannten „nazar“-Symbol, das Häuser, Straßen und Textilien schmückt.

Das Ornament көз (köz, Auge) diente als Schutz vor dem bösen Blick. Vergleichbare Motive finden sich bei vielen Turkvölkern. Bei den Uiguren gehören beispielsweise schwarz-weiße Schutzamulette oder Eulenfedern zu dieser Tradition. In der Türkei entwickelte sich daraus das blaue Nazar-Amulett.

Zu den komplexesten Ornamenten zählt өркен (örken, der Spross oder Stängel). Es symbolisiert Wachstum, neues Leben und die Fortsetzung der Generationen. Das Muster stellt einen Baum oder jungen Trieb dar und gilt als „Ornament im Ornament“.

Traditionell wurden Teppiche mit diesem Motiv an junge Familien verschenkt. Der Wunsch lautete: „өркенің өссін“ – möge deine Familie wachsen und gedeihen. Gleichzeitig steht das Ornament für Langlebigkeit und familiären Zusammenhalt. Die Redewendung „таудай бол“ (taudai bol) beschreibt eine große, starke und blühende Familie.

Ornamente als geheime Sprache

Eine alte Legende erzählt von einem Padischah, der durch Ornamente sein Leben retten konnte. Während einer Jagd geriet er in die Gefangenschaft von Räubern. Im Kerker bat er um Wolle und begann, Teppiche zu weben. Die Räuber erkannten sein Talent und ließen ihn arbeiten, da sie seine Teppiche gewinnbringend verkaufen konnten.

Eines Tages gelangte einer dieser Teppiche in die Hände seiner Frau. Sie erkannte, dass die Muster eine verschlüsselte Botschaft enthielten. Der Padischah hatte darin von seinem Unglück berichtet und zugleich den Aufenthaltsort der Räuber beschrieben. Daraufhin entsandte die Frau des Padischahs Soldaten, die ihren Mann befreiten.

Die Legende zeigt, dass Ornamente nicht nur dekorative Elemente waren. Sie konnten Wissen bewahren, Geschichten erzählen und sogar als eine Geheimsprache dienen.

Ein gemeinsames Gewebe der Menschheit

Betrachtet man die Geschichte der Menschheit als ein großes Gewebe, so wird deutlich: Kein Ornament entsteht isoliert. Viele Muster wanderten über Jahrhunderte zwischen Kasachen, Uiguren, Turkmenen, Türken, Tataren, Nogai und anderen Völkern. Sie wurden übernommen, verändert und weitergegeben.

Und die Versuche, einzelne Motive ausschließlich einer Kultur zuzuschreiben, greifen deshalb oft zu kurz. Jeder Faden eines Teppichs erzählt von Begegnungen, Austausch und gegenseitiger Bereicherung.

So wie man die kasachischen, uigurischen, turkmenischen oder tatarischen Elemente eines traditionellen Teppichs nicht voneinander trennen kann, ohne das Gesamtbild zu zerstören, sollte man auch die Vielfalt der Kulturen nicht als Grenze betrachten. Sie ist vielmehr der Reichtum unserer gemeinsamen Farbpalette.

Welches Ornament könnte heute alle Völker verbinden?

Vielleicht ist es nicht ein bestimmtes Ornament, sondern die Idee, die hinter allen Ornamenten steht und die alle Ornamente miteinander verbindet: Jedes Muster besteht aus vielen einzelnen Linien, die für sich allein genommen bedeutungslos sind. Erst gemeinsam ergeben sie ein harmonisches Ganzes und einen Sinn.

Auch unsere heutige Welt ist aus vielen Sprachen, Kulturen, Religionen und historischen Erfahrungen zusammengesetzt. Alles ist miteinander verbunden. Alles hat sich im Laufe der Zeit gegenseitig beeinflusst. Solange wir Kulturen ausschließlich in „mein“ und „dein“ einteilen, wird der Streit um Zugehörigkeit niemals enden. Erst wenn wir erkennen, dass jede Kultur auch die Spuren ihrer Nachbarn in sich trägt, können wir den Wert unserer gemeinsamen Geschichte verstehen.

Vielleicht wäre deshalb das Ornament өркен das passende Symbol für unsere Zeit: ein Muster des Wachstums, der Verbundenheit und der Fortsetzung des Lebens von Generation zu Generation.

Rukhsara Seitova

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