Als der russischsprachige Alexey Skalozubov vor sieben Jahren aus dem Norden Kasachstans nach Almaty zog, wurde er erstmals auch im Alltag mit der kasachischen Sprache konfrontiert. Er merkte, dass ihm vor allem die Übung beim Sprechen fehlte. 2022 gründete er kurzerhand seinen eigenen Sprachclub. Bei „BATYL BOL“ geht es seitdem vor allem um eines: sich trauen zu sprechen.
Mit einem „Сәлем!” auf den Lippen und einer Plastiktüte in der rechten Hand betritt Alexey Skalozubov an diesem Donnerstagabend den Raum 108 im Kasachischen Institut für Management. Sechs Personen sitzen bereits in einem Stuhlkreis und sind in ein Gespräch vertieft. Es wird herzlich gelacht, gestikuliert – und ausschließlich Kasachisch gesprochen.
Die Mitglieder des Sprachclubs BATYL BOL treffen sich in Almaty dreimal pro Woche: dienstags, donnerstags und samstags. Die Treffen sind kostenlos, die Teilnehmenden sind divers, doch ihr Ziel ist homogen. Jung und Alt, Frauen und Männer, Kasachen und Nichtkasachen, Inländer und Ausländer, sie alle wollen die Sprache endlich sicher und ohne Furcht vor Fehlern anwenden. Das einzige, was sie dafür mitbringen müssen, steckt schon im Namen des Clubs. „Batyl bol” heißt übersetzt so viel wie „sei mutig”.
Laut Gründer Skalozubov ist es für russischsprachige Personen oft gar nicht so einfach, ihr Kasachisch im Alltag zu verbessern. Sobald das Gegenüber die erste Unsicherheit bemerkt, wechsle es aus Höflichkeit oder Pragmatismus häufig ins Russische. Bei BATYL BOL soll das nicht passieren: Englisch und Russisch sind hier tabu.
Mit der Gründung des Sprachclubs im Jahr 2022 traf der 30-Jährige einen Nerv. Allein in Almaty hat er mittlerweile mehr als 150 Mitglieder. Zu den angesetzten Terminen finden deshalb drei Sprachrunden für unterschiedliche Niveaus und fünf Grammatikkurse parallel statt. Doch das Angebot ist längst nicht mehr auf Almaty beschränkt: In weiteren Städten, unter anderem in Astana, Karaganda, Pawlodar und Schymkent, gibt es den Sprachclub inzwischen ebenfalls. Künftig soll das Angebot weiter ausgebaut werden.
Hauptsache sprechen
Im blauen Shirt und brauner Hose rückt Skalozubov zwei Tische in die Mitte des Stuhlkreises und tischt Honigmelone, Desinfektionsmittel und Zahnstocher auf. Die Runde ist die kleinste und fortgeschrittenste des Clubs. Das Prinzip ist denkbar einfach: möglichst viel Kasachisch sprechen.
Es geht dabei vor allem um Themen aus dem alltäglichen Leben. Ein paar Räume weiter sitzt eine weniger geübte Gruppe beisammen. Einige der knapp 15 Teilnehmenden zücken ihr Handy. Auf den Bildschirmen leuchtet eine zuvor verschickte Nachricht mit Fragen und sprachlichen Hilfestellungen zum heutigen Thema, das dem Reisen mit dem Flugzeug gewidmet ist. Zur Unterstützung sitzt jeder Runde eine Lehrkraft bei. Manchmal werden auch Filme geschaut, Spiele gespielt oder Vorträge gehalten.
„Ich bin Kasachin, ich sollte Kasachisch können”
Saule kommt seit April regelmäßig zu den Treffen. „Ich bin Kasachin, ich sollte Kasachisch können”, beschreibt die 30-Jährige ihre Motivation. Da bei ihr zu Hause Russisch gesprochen wird, fehlt es ihr jedoch an Übung. Ähnlich geht es Meirzhan. „Ich habe viele englischsprachige Freunde, die besser Kasachisch sprechen als ich”, erzählt der 33-Jährige. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen.
Nach einer Umfrage von BATYL BOL stellt sich die Motivation der Mitglieder wie folgt dar: 38 Prozent wählen das Schlagwort „Kommunikation” als ausschlaggebenden Punkt. Für 22 Prozent sind berufliche Gründe entscheidend. Weitere häufig genannte Argumente sind die „persönliche Weiterentwicklung” (11 Prozent) und der Wunsch, die eigene Nationalsprache richtig zu beherrschen (8 Prozent). Außerhalb der Statistik ist es vor allem ein Zusammenspiel dieser verschiedenen Beweggründe.
Dann halt selber machen
Skalozubov kennt die Ausgangssituation der Schüler selbst nur zu gut. Als er vor sieben Jahren aus dem überwiegend russischsprachigen Norden Kasachstans nach Almaty kam, hatte er seine Nationalsprache zwar in Schule und Hochschule gelernt, im Alltag aber kaum gesprochen.
„Es war das erste Mal, dass ich wirklich mitbekommen habe, wie Menschen im Alltag Kasachisch sprechen”, erzählt er von seiner anfänglichen Zeit in der Metropole. Als er sich dann nach einem passenden Kursangebot umschaute, blieb die Suche jedoch weitgehend erfolglos. Bestehende Programme kosteten Geld, das er damals nicht hatte, oder legte den Schwerpunkt auf Grammatik, die er schon konnte.
2022 öffnete er kurzerhand seinen eigenen Sprachclub und stieß damit auf große Resonanz. Zum ersten Treffen kamen, nicht zuletzt dank seiner Reichweite auf Twitter, rund 300 Menschen. „Ich hatte mit 20 bis 30 gerechnet. Das war für mich am Anfang schon überfordernd”, erinnert er sich. Bis heute nimmt er selbst an den Gesprächsrunden teil, um seine Sprachkenntnisse weiter zu verbessern.
Die Gesprächsrunden sind wohl das Herzstück des Clubs. Ganz ohne Grammatik geht es aber doch nicht. Inzwischen wird mehr nicht nur im Stuhlkreis diskutiert, in fünf weiteren Räumen sieht es eher nach klassischem Schulunterricht aus. Die Teilnehmenden sitzen frontal vor ihren Lehrkräften, sind über Papierzettel gebeugt und lernen grammatikalische Grundlagen.
Sprachkurs in der Fahrschule
Um die Kurse kostenlos anbieten zu können und somit für jeden zugänglich zu machen, ist BATYL BOL auf finanzielle Unterstützung und die unentgeltliche Bereitstellung von Räumlichkeiten angewiesen. Seit 2023 unterstützt die KAZ Minerals Group den Club als langfristiger Sponsor, sodass Lehrkräfte für ihren Einsatz vergütet werden können. Allein in Almaty gibt es Skalozubov zufolge mittlerweile sieben Mitarbeitende.
Dennoch bleibt ehrenamtliche Unterstützung wichtig. Auch für ihn selbst ist BATYL BOL bis heute ein „Hobby” neben seinem eigentlichen Beruf als Vertriebler in der Baumaschinenbranche. Was die Räumlichkeiten angeht, ist Kreativität gefragt. In Almaty stellt die Hochschule kostenlos gut ausgestattete Räume samt Whiteboards zur Verfügung. Andernorts müssen ungewöhnlichere Lösungen her. Die Treffen finden beispielsweise in Jugendclubs oder sogar in einer Fahrschule statt.
Nach 90 Minuten ist zwar der Unterricht beendet, nach Hause geht es aber noch nicht. Wer mag, bleibt, um gemeinsam kasachische Lieder zu singen. Der Lichtschalter klickt, im Raum wird es dunkel. Aus dem Lautsprecher klingt der Song „Shiva” des kasachischen Popsängers Miras Zhugunussov. Auf dem Whiteboard laufen die Liedtexte mit, grammatikalische Strukturen sind farblich markiert.
Insgesamt werden vier Songs gesungen, nach jedem erklingt Applaus. Einige Lieder sind traditionell, andere modern, es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Eine Schülerin steht andächtig auf, viele wippen mit dem Kopf im Takt. Im Anschluss geht es für einige noch zu einem gemeinsamen Essen, wie nach jeder Stunde. Sprache verbindet. Auch hier.























