Christina Hammer zählt zu den erfolgreichsten deutschen Boxerinnen. Die gebürtige Kasachstandeutsche wurde in Nowodolinka in der Region Karaganda geboren und hielt über viele Jahre Weltmeistertitel verschiedener Verbände. Im Gespräch mit uns erzählt sie von ihrer Kindheit in Kasachstan, von ihrem Weg in den Profisport, von der Bedeutung, welche die Familie für sie hat, und davon, warum Stärke und Weiblichkeit für sie keine Gegensätze sind.
Christina, zunächst möchte ich mich herzlich bedanken, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Dein Weg vom kleinen Mädchen aus Kasachstan bis zur mehrfachen Weltmeisterin ist beeindruckend. Du bist nicht nur als Sportlerin ein Vorbild für viele, sondern auch als Mensch. Wenn du heute an deine Kindheit in Nowodolinka zurückdenkst: Welche Erinnerungen, Traditionen oder Geschichten aus deiner Heimat trägst du bis heute im Herzen?
Nowodolinka war ein kleines Dorf, aber der Zusammenhalt dort war riesig. Es war eine einfache Zeit, aber genau das macht sie so besonders. Ich erinnere mich an viele kleine Momente, die sich tief eingebrannt haben – vor allem an meinen kleinen Hund Barsik. Mit ihm saß ich oft auf der Treppe vor unserem Haus, einfach ruhig und ohne viel nachzudenken. Diese Erinnerungen verbinden für mich Heimat, Wärme und Unbeschwertheit.
Als ich später nach Deutschland kam, habe ich meinen ersten eigenen Hund wieder Barsik genannt. Für mich war das mehr als nur ein Name – es war eine Verbindung zu meinen Wurzeln und zu einem Teil meiner Kindheit, den ich nie verloren habe.
Almaty ist heute eine Stadt voller Kontraste und wunderschöner Natur. Dort leben viele starke Frauen, die Business, Familie, Sport und Alltag miteinander verbinden. Würdest du Almaty gerne einmal besuchen, um diese Energie selbst zu spüren und zu erleben, wie sehr dich die Menschen in deiner alten Heimat feiern?
2018 war ich noch einmal für ein Boxturnier in Karaganda. Und ich muss sagen: Diese Reise hat mich tief berührt. Der Respekt, die Wertschätzung und vor allem die Gastfreundschaft, die ich dort erfuhr, waren auf einem ganz anderen Level.
Ich habe viele Länder der Welt gesehen, aber so eine Herzlichkeit habe ich selten erlebt. In Kasachstan wurde meine Leistung nicht nur gesehen, sondern wirklich geschätzt. Die Menschen dort haben verstanden, was es bedeutet, diesen Weg zu gehen.
Und ja, ich würde unglaublich gerne auch einmal Almaty besuchen. Ich habe so viel darüber gehört: diese Mischung aus Natur, moderner Stadt und starken, selbstbewussten Frauen. Ich glaube, dort würde ich mich sofort verbunden fühlen, weil ein Teil meiner Geschichte genau dort seinen Ursprung hat.
Du lebst heute in Dortmund, einer Stadt, die für dich zur neuen Heimat geworden ist. Warum gerade dort und nicht eine internationale Metropole wie Berlin oder Miami?
Ich bin in einer kleinen Stadt in der Nähe von Kassel aufgewachsen, die etwa 10.000 Einwohner hat. Dortmund kam eigentlich erst durch meinen Trainer in mein Leben. Ich habe ihn auf Turnieren kennengelernt – und er hat relativ schnell mein Talent erkannt.
Er hatte eine extrem starke Mannschaft mit deutschen Meistern und Bundesliga-Kämpfern. Dadurch konnte ich bei ihm auf einem ganz anderen Level trainieren und mich viel schneller entwickeln.
Schon mit 16 bin ich in den Sommerferien immer nach Dortmund gefahren, um dort zu trainieren, weil es einfach die besseren Sparringspartner und sonstigen Bedingungen gab. Mit 18 habe ich dann die Entscheidung getroffen, komplett nach Dortmund zu ziehen.
Ich habe dort mein Abitur gemacht, mir mein eigenes Umfeld aufgebaut und bin dort wirklich groß geworden. Heute stehe ich mit vielen Menschen im ständigen Kontakt, sie sind Teil meines Lebens geworden. Deswegen ist Dortmund heute für mich nicht nur ein Trainingsort, sondern meine wirkliche Heimat.
Warum hast du dich ausgerechnet für das Boxen entschieden? Mit 13 Jahren wählen viele Mädchen andere Hobbys. Wann hast du gemerkt, dass der Ring dein Platz ist?
Als Kind war ich eigentlich stets sehr schüchtern, aber gleichzeitig hatte ich unglaublich viel Energie. Genau dafür war Boxen perfekt.
Ich war nie das typische Mädchen, das mit Puppen gespielt hat. Ich war immer draußen, viel mit meinem Bruder unterwegs. Mein Vater hat uns früh sportlich geprägt: Wir haben Klimmzüge gemacht, Liegestütze und erste Boxübungen gelernt.
Für unseren Vater war es wichtig, dass wir uns in einer Welt behaupten können, die nicht immer nur gut ist. Das Boxen hat mir Selbstvertrauen, Stärke und Kontrolle gegeben. Ich konnte mich auspowern und gleichzeitig mental wachsen.
Deine Mutter war anfangs nicht besonders begeistert vom Boxen. Wie hat sich die Einstellung deiner Familie verändert? Wer ist heute dein ehrlichster Kritiker?
Meine Eltern und mein Bruder waren immer meine ehrlichsten Kritiker, aber gleichzeitig auch meine größten Fans.
Sie wollten nie, dass ich einfach nur gut bin, sondern dass ich mein Bestes gebe. Sie haben mir immer ehrlich gesagt, was ich verbessern kann, aber sie standen auch immer hinter mir. Diese Mischung aus Unterstützung, Kritik und Vertrauen hat mich sehr geprägt. Meine Familie ist bis heute meine größte Motivation.
Viele Menschen kennen deine Titel und Erfolge, aber wenig ist über die private Christina Hammer bekannt. Wie findest du die Balance zwischen „Lady Hammer“ und der Frau dahinter?
Ich halte mein Privatleben bewusst privat. Familie ist für mich etwas sehr Wertvolles, das ich schützen möchte. Ich habe nie das Bedürfnis gehabt, alles nach außen zu zeigen.
Trotzdem ist es mir wichtig zu betonen, dass ich immer eine Frau bleibe, auch wenn ich einen harten Sport mache. Und ich liebe es, eine Frau zu sein, denn Stärke und Weiblichkeit schließen sich für mich nicht aus.
Im Ring bin ich komplett im Kampfmodus. Wenn ich die Handschuhe anziehe, gibt es keine Gnade, dann will ich gewinnen. Aber sobald ich den Ring verlasse, bin ich wieder ein ganz normaler Mensch. Genau diese zwei Seiten machen mich aus.
Du bist auch außerhalb des Sports eine bekannte Persönlichkeit. Wie gehst du damit um, wenn du nach einem Kampf blaue Flecken hast und kurz danach wieder vor Kameras stehen musst?
Blaue Flecken waren für mich nie ein Problem – sie gehören zum Boxen dazu. Aber je besser ich geworden bin, desto weniger hatte ich davon, weil es immer mein Ziel war, mehr zu treffen als getroffen zu werden.
Boxen ist ein harter Sport. Es geht nicht nur um blaue Flecken, sondern auch um ernsthafte Risiken. Deshalb habe ich immer großen Wert auf Technik, Timing und eine gute Verteidigung gelegt. Ich wollte gewinnen, aber auch gesund bleiben. Deshalb sehe ich solche Spuren nicht als Problem, sondern als Teil meines Weges.
Manchmal heißt es, Boxen mache Frauen hart. Hast du dieses Vorurteil erlebt?
Boxen ist ein hartes Geschäft – für Frauen und Männer. Dieser Sport fordert dich körperlich und mental extrem. Für mich waren es aber immer zwei Welten. Im Ring bin ich fokussiert, hart und kompromisslos. Dort geht es nicht um Weiblichkeit, sondern um Leistung.
Außerhalb des Rings liebe ich schöne Kleidung, gepflegtes Haar und dezentes Make-up. Ich habe früh gemerkt, dass ich dieses Zusammenspiel aus Stärke und Ausstrahlung nutzen kann. Mir war auch schnell klar: Nur vom Boxen allein wird man nicht reich und kann man nicht automatisch seinen Kühlschrank füllen.
Deshalb habe ich angefangen, auch im Modelbereich zu arbeiten. Ich habe das nicht als Widerspruch gesehen, sondern als Chance. Ich konnte zeigen, dass man gleichzeitig stark und feminin sein kann, also im Ring kämpfen und außerhalb elegant auftreten.
Dadurch hat sich auch mein Umfeld komplett erweitert. Ich war nicht mehr nur im Kampfsport unterwegs, sondern habe mit ganz unterschiedlichen Menschen gearbeitet – aus der Mode, den Medien und anderen Bereichen. Das hat meinen Blick geöffnet und mir geholfen, mich nicht nur über den Sport zu definieren.
In den sozialen Medien sieht man dich heute viel beim Reisen, bei Veranstaltungen und im Business. Gibt es eine Rückkehr in den Profiring oder ist dieses Kapitel abgeschlossen?
Ich habe meine Karriere bewusst beendet. Das war keine leichte Entscheidung, weil Boxen ein großer Teil meines Lebens war.
Aber der Sport hat mir auch viele neue Möglichkeiten eröffnet. Ich durfte große Kämpfe wie den von Tyson Fury gegen Arslanbek Makhmudov kommentieren, bin als Speakerin unterwegs und gebe meine Erfahrungen zu solchen Themen wie mentaler Stärke, Disziplin und Motivation weiter.
Heute beginnt für mich eine zweite Lebensphase. Ich habe geheiratet und möchte auch mein persönliches Leben bewusst gestalten. Gleichzeitig möchte ich weiterhin ein Vorbild sein – besonders für junge Menschen und vor allem für junge Frauen.
Wie ist eigentlich der Name „Lady Hammer“ entstanden?
Der Name ist in New York entstanden, als ich dort trainiert habe. Ein russischer Trainer sagte damals zu mir: „Außerhalb des Rings bist du schön, stark und schlau – aber im Ring bist du ein Hammer.“
Ich fand diesen Namen sofort passend, weil er genau meine zwei Seiten beschreibt: die elegante Frau außerhalb des Rings und die kompromisslose Kämpferin im Ring.
Was möchtest du jungen Mädchen in Kasachstan sagen, die von einer großen Karriere träumen?
Glaubt an euch – auch wenn vielleicht am Anfang noch niemand an euch glaubt. Ich komme selbst aus einfachen Verhältnissen und aus einem kleinen Ort. Trotzdem habe ich meinen Weg gemacht.
Habt keine Angst davor, anders zu sein. Genau das kann eure größte Stärke werden. Seid diszipliniert, bleibt dran und arbeitet jeden Tag an euch. Und vor allem: Bleibt euch selbst treu. Euer eigener Weg ist der richtige.























