Autorinnen und Autoren im Gespräch: Alisha Gamisch
Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband „Lustdorf“ (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR), 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins „Wepsert e.V.“ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe „PostOst-Café“ im Maxim-Gorki-Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband „No Scribes“. „Parasiti“ ist ihr Debütroman, der erst kürzlich für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert war.
Liebe Alisha, deine Eltern stammen aus Russland? Wann sind sie nach Deutschland gekommen und hast du persönlich noch Bezug zu diesem Land? Über Freunde oder Verwandtschaft?
Meine Familie mütterlicherseits sind Russlanddeutsche, sie kommen aus verschiedenen Orten, unter anderem aus dem Raum Odessa, heute Ukraine und aus dem Wolgagebiet, heute Russland. Meine Mutter ist in Sibirien geboren, der Ort an den ihre Eltern deportiert wurden. Sie kamen Mitte der 70er Jahre nach Deutschland, meine Tanten folgten in den Neunzigern.
Andere Teile meiner Familie väterlicherseits sind Sudetendeutsche, kamen also schon nach dem zweiten Weltkrieg aus Tschechien. Ich habe zwar noch entferntere Verwandte in den Ländern und sie auch schon besucht. Die Beziehung besteht aber vor allem über die kulturellen Prägungen, die ich über meine Familie erhalten habe.
In welchem Alter hast du begonnen, dich für das Herkunftsland deiner Eltern und Großeltern zu interessieren?
Ich fand das eigentlich schon immer spannend, konnte als Kind aber selbstverständlich die komplexe Geschichte, die verschiedenen Dimensionen von unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen wie die der BRD und der Sowjetunion, noch gar nicht einordnen. So richtig analytisch habe ich mich erst mit Mitte, Ende Zwanzig damit auseinandergesetzt und aktiv begonnen, Familienmitglieder zu befragen.
Du sprichst ja offenbar auch Russisch. Wurde diese Sprache bei euch in der Familie neben dem Deutschen selbstverständlich gepflegt, in dem Maße, dass sie an die nächste Generation weitergegeben werden konnte?
Ich spreche leider nicht sehr gut Russisch. Meine Mutter gab sich anfangs noch Mühe, mir und meinen Geschwistern beide Sprachen beizubringen. Meine ältere Schwester ging noch in einen russischen Kindergarten.
Leider war es in den Neunzigern nicht besonders in Mode Kinder mehrsprachig zu erziehen oder wurde sogar als gefährlich für die Entwicklung des Kindes angesehen, also gab es meine Mutter irgendwann auf. Trotzdem wurde oft Russisch zu Hause gesprochen, wir lernten russischsprachige Kinderlieder und Geschichten, also hat es für mich etwas ungemein Vertrautes und ich kann mich auch verständigen. Einen Vortrag auf Russisch könnte ich aber nicht halten.
Deine Andersartigkeit, durch die du als Kind von Zugewanderten wahrscheinlich spätestens in der Schule wahrgenommen hast: Hast du sie als Vorteil oder als Nachteil empfunden? Denn viele deutschstämmige Kinder aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, die vor allem in den 1990er nach Deutschland gekommen waren, mussten sich erstmal beweisen, dahingehend, dass sie eben auch Deutsche sind…
Ich habe diese Andersartigkeit erstmal gar nicht so stark wahrgenommen. Dadurch, dass ich bereits hier geboren bin, meine Familie zu dem Zeitpunkt schon einige Jahre in Deutschland gelebt hatte und man auch über meinen Namen nicht direkt auf meine Herkunft schließen kann, war es subtiler. Ich habe es eher gemerkt, wenn andere Kinder mich darauf aufmerksam machten oder meine Mutter mit meiner Tante in der Öffentlichkeit Russisch sprach oder darauf angesprochen wurde, dass sie „slawisch aussähe“.
Mit dem „Sich-nach-Außen-beweisen-müssen“ hat quasi die Vorgeneration, die selber eingewandert ist, primär zu kämpfen gehabt, was ich natürlich als Kind beobachtet und miterlebt habe. Ich selbst habe eher mit dem „Sich-selbst-verstehen-und-einordnen“ Schwierigkeiten gehabt. Und aus erwachsener Perspektive sehe ich auch viele Dinge, die auf mich abgefärbt haben: der Druck, bloß nicht negativ aufzufallen, die Dringlichkeit mit der Bildung als Möglichkeit von Status betrachtet wurde, allgemein die Wichtigkeit nach Außen gut zu wirken und die permanente Angst vor dem sozialen Abstieg, wenn man nicht genug leistet.
In welchem Alter konntest du dich zu deiner Herkunft bedenkenlos „bekennen“, ohne dass es dir auf irgendeine Weise peinlich war? Oder hing das von der Umgebung ab, in der du dich gerade bewegt hast?
Das hing auf jeden Fall von der Umgebung ab. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu den meisten meiner Verwandten, insbesondere meiner Mutter. Deshalb war es mir in den meisten Fällen nicht peinlich davon zu erzählen, sondern einfach normal oder ich war sogar auch stolz darauf. Aber es gab durchaus Dinge, für die ich mich eine zeitlang geschämt habe, besonders da, wo vielleicht auch Klassenverhältnisse sich mit herkunftsbedingten Vorurteilen überschnitten.
Es ist nun mal so, dass viele Russlanddeutsche eher aus bildungsfernen Familien kommen, so auch meine Mutter, die selbst aber über den zweiten Bildungsweg als erste in ihrer Familie geschafft hat, zu studieren. Das ist etwas, was man dann merkt, wenn man an ein deutsches Gymnasium oder eine Universität kommt, wo sich viele mit größerer Selbstverständlichkeit bewegen.
Wann hast du beschlossen, Literatur zu machen? Gab es einen Schlüsselmoment: ein Buch, Personen oder sonstiges prägendes Ereignis?
Ich habe tatsächlich schon als Kind geschrieben, Sprache war schon immer meine Art zu träumen, mich auszudrücken. Dass ich wirklich „Literatur gemacht“ habe, also begonnen habe, Texte auch als etwas zu sehen, woran man arbeiten kann, wofür man Handwerk erlernen kann, das begann im Studium, als ich zu verschiedenen Schreibwerkstätten ging.
Wie kamst du zum Thema deines ersten Romans „Parasiti“? Was ist genau die Botschaft des Buches und spielten persönliche Erfahrungen, auch deiner Familie, dabei eine Rolle?
Es war ein langer Prozess. Über meinen Lyrikband, der sich bereits mit der Lebensgeschichte meiner Großmutter und ihren Vormüttern befasst, kamen viele Menschen auf mich zu und teilten ihre Geschichten mit mir. So stieß ich auch auf das Thema der ungewollten Schwangerschaften und den Verhältnissen von Verhütung und Abtreibung in der Sowjetunion.
Das Thema hat mich auch aus heutiger Perspektive sehr interessiert, wo es immer noch ein Tabu ist, obwohl es sehr viele Frauen – und indirekt auch Männer betrifft. Ich begann strategisch Interviews zu führen mit Personen aus meinem Familienkreis, aber auch weiteren. Aus den Erzählungen entwickelte ich dann Figuren, in denen dadurch natürlich auch viel Familiengeschichte steckt. Ich sage immer, das meiste in meinem Roman beruht auf wahren Begebenheiten, aber so wie ich es erzähle, ist es nicht passiert.
Wie gestaltete sich die Wahl der Protagonisten bzw. ihrer Perspektiven? Warum sind es gerade diese Frauengestalten aus drei verschiedenen Generationen, die jede für sich in ihrem Leben eher in unglückliche oder rein „pragmatische“ Beziehungen hineingeraten?
Die Figuren sind aus den mit mir geteilten Geschichten erwachsen, manchmal aus einer bestimmten Art zu reden heraus, manchmal über eine Anekdote. Dann haben sie auch ein bisschen ein Eigenleben entwickelt. Ich hatte lange nur zwei Hauptfiguren, die jüngste, Rina, die ja auch meine Generation repräsentiert, kam zuletzt. Ich habe am Ende doch gemerkt, dass ich eine Perspektive brauche, die meiner zumindest ähnelt und von der aus ich auch bestimmte Dinge mit dem Heute hier in Deutschland verknüpfen kann.
Das Thema Beziehungen war einfach sehr präsent in den Gesprächen. Was ist Liebe, wenn viele Beziehungen von Gewalt geprägt sind? Wer gibt wem und wer zieht von wem? Viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sind ein Leben lang mit gewaltvollen oder betrügenden Ehemännern zusammengeblieben, einfach weil eine Trennung nicht mit ihren Werten einer traditionellen Familie einhergehen konnte.
Gleichzeitig tragen sie selbst auch bestimmte Bilder in sich, die eine sehr limitierende Erwartung an Männlichkeit und Ehe transportieren. Das wollte ich mir im Roman genauer anschauen, wie es auch mit Migrationserfahrungen zusammenhängt und wie es meine eigene Generation noch prägt.
Ein Zitat von John Irving in seinem weltbekannten Roman „Zirkuskind“ hat mich einst zu denken gegeben, deshalb bringe ich es gern immer wieder in meinen Interviews: „Ein Einwanderer bleibt Zeit seines Lebens ein Einwanderer…“ Stimmst du dem zu, bezogen auf deine Verwandtschaft bzw. Familie?
Ich denke, das kommt ganz drauf an, was man unter „Einwanderer“ versteht, was man daran knüpft. Migrationserfahrungen, also von einem Land in ein anderes, unbekanntes auszuwandern, prägen einen lebenslang und die Nachgenerationen auch, da stimme ich zu und zwar nicht unbedingt im negativen, sondern auch mit allen Fähigkeiten, die man dadurch lernt.
Offenheit, Verständnis für verschiedene Kulturen, Mehrsprachigkeit, Anpassungsfähigkeit, Zusammenhalt und Empathie, das sind wahnsinnig starke Eigenschaften, die viele Migranten und Migrantinnen lernen. Wie das Umfeld damit umgeht und wie man von außen wahrgenommen wird, das hängt ganz stark davon ab, wie die Gesellschaft allgemein es schafft, Migration und Pluralität als Selbstverständlichkeit zu leben.
Ein Einwanderer oder eine Einwanderin ist nichts „Schlimmes“ oder „Außergewöhnliches“ mehr, wenn wir anerkennen, dass diese Erfahrungen sehr viele Menschen in unserer Gemeinschaft betreffen.
Wenn wir verstehen, dass dies keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist, die mit bestimmten Herausforderungen verknüpft ist, die wir gemeinsam angehen können. Leider können viele heute immer nur die negativen Beispiele sehen, besonders wenn es um die „anderen nicht-deutschen Migranten“ geht. Ich halte es aber für unsere Aufgabe, anzuerkennen, dass unsere moderne Gesellschaft nun mal nicht anders funktionieren kann, als wenn wir gemeinsam am Verständnis füreinander arbeiten.
Wie bist du auf den Literaturverein der Deutschen aus Russland aufmerksam geworden? Erst durch die Ausschreibung des 1. Nora-Pfeffer-Literaturpreises (2022), den wir zusammen mit dem Kulturzentrum BKDR konzipiert haben?
Als ich begann, an meinem Lyrikband zu schreiben, hatte ich tatsächlich keine Ahnung, dass es so etwas wie das BKDR überhaupt gibt. Ich war schlecht mit anderen Russlanddeutschen meiner Generation vernetzt und wusste nicht viel über russlanddeutsche Literatur. Ich hatte auch selbst das Vorurteil, dass russlanddeutsche Literatur eher altbacken und konservativ ist.
Erst über Ira Peter, die ich im Rahmen der Bewerbung um die Stadtschreiberin von Odessa kennengelernt habe, habe ich davon gehört. Und kurz darauf habe ich mich dann, wie du sagst, auf den Nora-Pfeffer-Literaturpreis beworben. Das war eine wirklich berührende Erfahrung, zu sehen, dass es Menschen gibt, die sich für eine Sichtbarkeit russlanddeutscher Literatur einsetzen.
Seit vielen Jahren klagen unsere Autorinnen und Autoren darüber, dass sie im deutschen Literaturbetrieb kaum sichtbar sind, weil angeblich ihre präferierten Themen nicht mehr zeitgemäß seien. Von einigen Literaturkritikern wird sogar seit Jahren empfohlen, nicht über die Vergangenheit, sondern über aktuelle Themen wie aktuelle Migration-, Integrationserfahrungen bzw. die Suche der Familie nach einem Platz in der neuen Umgebung zu schreiben. Was denkst du darüber?
Ja, auch wenn ich das Glück habe, mittlerweile eine gewisse Sichtbarkeit zu haben, schlugen mir diese Argumente auch oft entgegen. Auch „Parasiti“ bekam bereits die Kritik, zu dicht und zu schwer zu sein. Ich denke, es gibt im Literaturbetrieb eine allgemeine Angst vor „schweren Themen“, einfach weil der Bedarf in unserer gegenwärtigen, angsteinflößenden Welt, Richtung Ablenkung und Unterhaltung geht, was ich auch gut verstehen kann.
Das Problem ist, dass die Erwartung daran, dass es bei einem Buch, das Migration verhandelt, um klassische Integrationsprobleme gehen soll, den Erfahrungen vieler russlanddeutscher Autorinnen und Autoren nicht gerecht wird. Es fehlt ein echtes Verständnis für unsere Identität, die ja auch gar nicht so einfach zu erklären und sehr vielfältig ist. Ich habe bei den Menschen, die ich interviewt habe, einen großen Wunsch danach gehört, verstanden zu werden, und dafür braucht es eine Kenntnis über ihre Geschichte. Denn ihre Diskriminierungserfahrungen fingen nicht erst in Deutschland an, sie haben sie auch in ihren Geburtsländern erlebt und sie ziehen sich bereits durch ihre Vorgenerationen.
Ich persönlich finde solche Geschichten wahnsinnig spannend und es kommt einfach sehr darauf an, wie sie erzählt sind, welche Wege gefunden werden, interessante Literatur daraus zu machen und Menschen einzuladen, sich damit zu befassen. Ich versuche, Literatur auch als Spielwiese zu sehen, hier verschiedenes auszuprobieren, mich unterschiedlichen Perspektiven anzunähern und literarische Mittel einzusetzen. Und ich wünsche mir natürlich auch mehr Sichtbarkeit für andere russlanddeutsche Autorinnen und Autoren. Zum Glück tut sich in letzter Zeit gefühlt ein bisschen was, es gibt bekannte Autor*innen wie Elli Unruh, Viktor Funk oder Elina Penner.
Meinst du, dass die sogenannte „russlanddeutsche Literatur“ und unsere Autorinnen und Autoren ein eigenes Literaturbüro (-haus) benötigen, um ihre Sichtbarkeit zu verbessern? Wenn ja, welche Projekte sollte so eine Institution als Erstes angehen und auf lange Sicht betreiben?
Ich halte das für eine tolle Idee. Orte, wo Literatur gelebt wird, kann es nicht genug geben. Ich würde mir hier vor allem auch eine Nachwuchsförderung wünschen und ein Konzept, dass auch junge Menschen abholt und allgemein Generationen miteinander ins Gespräch bringt. So etwas wie Schreibworkshops, aber vielleicht auch inhaltliche Themen rund um russlanddeutsche Geschichte und Politik, wo man auch kritisch diskutieren kann. Vieles davon macht ja das BKDR auch schon. Ich finde auch toll, dass das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold ein Archiv und eine Bibliothek angelegt hat. Vielleicht ließe sich das ja mit einem Literaturort kombinieren.
Ich danke dir vielmals für das Gespräch!
Alisha Gamisch. „Parasiti“. Erschienen bei Voland & Quist. ISBN 9783863914660, € 24,00.

























