Wie erleben Angehörige der deutschen Minderheit in Dänemark ihre deutsch-dänische Zugehörigkeit und wie wird in Dänemark mit der Erinnerung an die gemeinsame Geschichte gearbeitet? Vielleicht können wir etwas davon lernen?

Dank der Organisation Riwwel gUG, die sich mit Russlanddeutschen und Spätaussiedlern in Deutschland beschäftigt, und des Erasmus-Programms durfte ich mit einer Gruppe von fünfzehn jungen Interessierten aus Deutschland Dänemark besuchen und einen Einblick gewinnen, wie die deutsche Minderheit in Dänemark ihre Arbeit und ihr Engagement gestaltet. In unserer „russlanddeutschen Blase“ informieren wir uns hauptsächlich über die eigene Geschichte und erfahren eher selten etwas über die Erfahrungen anderer Gruppen von Deutschen außerhalb Deutschlands.

Das Programm „Minderheiten stärken“ hat sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Lücke zu füllen und einen Erfahrungsaustausch zwischen Jugendorganisationen und Jugendlichen zu fördern. Jugendliche, die derzeit in Deutschland leben, konnten sich um eine Teilnahme bewerben und an den Mobilitäten (Exkursionen – Anm.d.Red.) nach Dänemark (Rodekro), Belgien (Brüssel) und Deutschland (Berlin) teilnehmen.

Herausgekommen ist eine sehr vielfältige Gruppe: Einige gehören zur ersten Generation, andere zur zweiten; die einen studieren, die anderen arbeiten, wieder andere haben die Schule noch nicht abgeschlossen. Wir wurden an ganz unterschiedlichen Orten geboren und haben sehr unterschiedliche Wege hinter uns – und treffen uns trotzdem alle am selben Punkt, weil wir uns dem Thema verbunden fühlen. Das haben alle gespürt. Es fühlt sich ganz anders an, mit jemandem zu sprechen, der oder die sehr ähnliche Erfahrungen gemacht hat und einen sehr ähnlichen Hintergrund mitbringt.

Warum ausgerechnet Nordschleswig?

Über das Programm habe ich mit dem Geschäftsführer von Riwwel, Nikita Heidt, gesprochen und unsere Eindrücke von der Reise ausgetauscht. Während der Auseinandersetzung mit der russlanddeutschen Geschichte, so erzählt er mir, sei die Idee entstanden zu recherchieren, welche Erfahrungen andere deutsche Minderheiten gemacht haben.

Der Fall der deutschen Minderheit in Dänemark und der dänischen Minderheit in Deutschland ist dabei ein besonders interessantes Beispiel: Für die deutsche Minderheit wurde in Dänemark eine große Infrastruktur geschaffen – und die Art, wie beide Minderheiten im jeweils anderen Land politisch vertreten sind, ist ein besonderer Fall.

Das Ziel von Riwwel und der Jugendinitiative „Warum бы и nicht Berlin“ liegt in diesem Projekt darin, die russlanddeutsche Jugendarbeit in Deutschland zu stärken und zu vernetzen – Impulse zu setzen, die Jugendliche dazu anregen, mehr über die eigene Geschichte und die Geschichte der Russlanddeutschen zu vermitteln.

Organisiert wurde das Programm in Kooperation mit Erasmus, und nach Nikitas Einschätzung war diese Austauschreise lehrreicher als so manches Jugendprojekt. Unser Programm war jedenfalls intensiv: Täglich warteten viele ganz unterschiedliche Termine, und jeden Abend verbrachten wir mit Jugendlichen aus Dänemark, um uns noch tiefer über die Themen auszutauschen, die uns am Herzen liegen.

Von Knivsberg bis Flensburg

Im Laufe des Programms führten wir Gespräche mit dem Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN), dem Dachverband der deutschen Minderheit, mit der Schleswigschen Partei, mit der deutschsprachigen Zeitung „Der Nordschleswiger“ sowie mit der FUEN und der Jugend Europäischer Nationalitäten (JEV), international bekannt als Youth of European Nationalities (YEN). Untergebracht waren wir an einem Ort von großer historischer Bedeutung für die deutsche Minderheit: im Lernort Knivsberg, an dem sich heute eine Bildungsstätte befindet.

Außerdem durften wir die Umgebung erkunden und besuchten ein deutsches Gymnasium in Apenrade sowie ein deutsches Museum in Sonderburg. Um die Region aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen, machten wir zusätzlich einen Ausflug nach Deutschland und besuchten die Grenzstadt Flensburg, wo wir auch mit Vertreterinnen und Vertretern der dänischen Minderheit in Deutschland sprachen.

Uns alle überraschte, wie lebendig und präsent die Minderheit im kulturellen Alltag der Region ist – dabei zählt sie nur rund 15.000 bis 20.000 Menschen. Auch in unserer Abschlussreflexion am Ende der Mobilität in Dänemark sprach Nikita Heidt das an: „Laut BPB (Bundeszentrale für politische Bildung – Anm.d.Red.) gibt es mehr als 2,5 Millionen Menschen mit russlanddeutschem Hintergrund. Zählt man die zweite und dritte Generation hinzu, kann die Anzahl der Menschen bei 3 bis 4 Millionen liegen. Meiner Meinung nach verdient so eine große Gruppe mehr mediale, historische und kulturelle Präsenz in Deutschland.

Es geht nicht um separate Schulen, denn wir sind selbst Deutsche. Aber es fehlen Orte, Bildungsprogramme und kulturelle Institutionen, die diese Geschichte vermitteln und die Menschen darüber informieren, wer die Russlanddeutschen eigentlich sind und woher sie kommen. Eine wichtige Rolle spielt das Museum der Russlanddeutschen in Detmold, doch es gibt wohl zu wenige solcher Orte, an denen diese Geschichte nicht vereinfacht und nur oberflächlich dargestellt wird.“

Lebendige Kultur im Alltag

Für mich persönlich war diese Reise ein Beispiel dafür, wie Geschichte, Sprache und Kultur aufmerksam bewahrt werden und sich dabei mit der Mehrheitskultur gemeinsam entwickeln und verflechten. In den Schulen, die wir gesehen haben, findet der gesamte Unterricht auf Deutsch statt, es ist kein separates Lehrprogramm, sondern das dänische Schulprogramm, das aus dem Dänischen übertragen wurde.

Die Schülerinnen und Schüler, die uns während unseres Austauschs begleiteten, waren schon mehrfach im Museum für die Geschichte der Deutschen in Nordschleswig. Die historischen Hintergründe, die für uns aufbereitet wurden, waren für sie bloß eine Wiederholung.

Auch abseits der Schulen ist die Minderheit im Alltag präsent: In den Kleinstädten und Orten gibt es kulturelle Angebote, und viele nehmen daran teil. Eine zentrale Rolle spielt der Sport – allen voran Faustball (Fistball), eine Sportart, die vor allem in deutschsprachigen Ländern gespielt wird.

Nordschleswig hat eine eigene Mannschaft, die zum großen Teil aus Jugendlichen deutscher Herkunft besteht und an europäischen und internationalen Wettbewerben teilnimmt. An einem Abend fehlte sogar die Hälfte der dänischen Gruppe wegen eines Trainings.

In manchen Familien wird nicht nur Deutsch gesprochen, sondern auch der traditionelle südjütische Dialekt des Dänischen, Sønderjysk (Synnejysk) – auch das ist ein Identitätsmerkmal, das diese Menschen deutlich von den Deutschen in Deutschland unterscheidet.

„Wir sprechen schon ein etwas anderes Deutsch, als es in Deutschland gesprochen wird“, erzählen uns einige Schülerinnen und Schüler. „Manche Redewendungen werden aus dem Dänischen übersetzt und verwendet, oder Wörter beider Sprachen und Dialekte werden in einem Satz vermischt … Niemand außer denen, die hier aufgewachsen sind, würde uns verstehen.“

Vom Gegeneinander zum Füreinander

Die lange Geschichte des Zusammenlebens von Deutschen und Dänen hat Uffe Iwersen, Kulturkonsulent des Bundes Deutscher Nordschleswiger, in einen einzigen Satz gefasst: „Von einem Gegeneinander zu einem Nebeneinander zu einem Miteinander und dann Füreinander.“

Die nächste Station des Projekts ist Brüssel, und ich glaube, dass die Begegnungen dort nicht weniger spannend und bereichernd sein werden. Aus Nordschleswig nehme ich vor allem eine Frage mit: Wie können wir auch in Deutschland mehr Räume schaffen, in denen russlanddeutsche Geschichte erzählt und weitergegeben wird? Unsere Erfahrungen unterscheiden sich. Doch gerade der Austausch darüber eröffnet neue Perspektiven – auf die anderen und auf uns selbst.

Darya Koppel 

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