Sprache ist mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation. Sie kann unsere Persönlichkeit, unsere Beziehungen und sogar unsere Art, Gefühle auszudrücken, beeinflussen. Besonders interessant ist das bei Menschen, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind. Deshalb haben wir unsere Sprachassistentin Elke Vogel, die aus Deutschland kommt und zweisprachig mit Deutsch und Russisch aufgewachsen ist, zu ihren Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit interviewt.
Elke lebt ihr ganzes Leben in Deutschland. Dort besuchte sie einen deutschen Kindergarten, eine deutsche Schule und später eine deutsche Universität. Gleichzeitig spielte Russisch in ihrer Familie immer eine wichtige Rolle. Heute verbringt sie einige Zeit in Kasachstan und hat dabei festgestellt, dass sich ihre Russischkenntnisse deutlich verbessert haben.
„Sprachen sind da, um gesprochen zu werden“
Zu Beginn des Interviews haben wir Elke gefragt, welchen Rat sie einer Person geben würde, die zwei Sprachen fließend spricht und keine von ihnen verlieren möchte.
Für Elke ist die Antwort klar: Sprachen müssen gesprochen werden. Sie sind vor allem dazu da, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Deshalb sollte man möglichst viel in beiden Sprachen sprechen und regelmäßig Kontakt mit ihnen haben.
Aber nicht nur das Sprechen ist wichtig. Auch Musik, Podcasts, Videos und Filme in der jeweiligen Sprache können dabei helfen. Auf diese Weise lernt man ganz nebenbei neue Wörter, Slang und typische Sprachmelodien. Außerdem findet Elke es interessant, dass der regelmäßige Wechsel zwischen mehreren Sprachen auch eine gute Übung für das Gehirn sein kann.
Sie erzählt, dass sie sogar bemerkt hat, dass sich ihre Persönlichkeit in gewisser Hinsicht verändert, je nachdem, welche Sprache sie spricht. Ihr zweisprachiges Aufwachsen bedeutete für sie nämlich nicht nur, zu Hause Russisch und außerhalb des Hauses Deutsch zu sprechen. Auch die Erziehung und die familiäre Umgebung unterschieden sich teilweise von denen ihrer deutschsprachigen Freundinnen und Freunde.
Deshalb glaubt Elke, dass ihre Zweisprachigkeit ihre Persönlichkeit stark beeinflusst hat und weit über reine Sprachkenntnisse hinausgeht.
Warum das Sprechen allein manchmal nicht reicht?
Auf die Frage, was besonders wichtig ist, um die Muttersprache zu erhalten, wenn man lange in einer anderen Sprachumgebung
lebt, antwortet Elke zunächst wieder: die Sprache muss gesprochen werden.
Allerdings hat sie selbst erlebt, dass das manchmal nicht ausreicht. Während ihres Lebens in Deutschland telefonierte sie zum Beispiel mit ihrer Familie auf Russisch. Trotzdem ersetzte sie manchmal russische Wörter durch deutsche oder „russifizierte“ deutsche Wörter. Laut Elke ist dieses Phänomen bei Russlanddeutschen, aber wahrscheinlich auch bei anderen mehrsprachig aufwachsenden Menschen, nicht ungewöhnlich.
Interessant ist, dass sie gerade in Kasachstan eine deutliche Verbesserung ihres Russischen bemerkt hat. Wörter fallen ihr schneller ein, ihr Satzbau und ihre Aussprache sind besser geworden und auch ihr Sprachgefühl hat sich verbessert.
Daher ist sie der Meinung, dass es besonders hilfreich sein kann, längere Zeit in einem Land zu verbringen, in dem die Sprache im Alltag überwiegend gesprochen wird. Je länger man sich in dieser Sprachumgebung befindet, desto stärker kann sich die Sprache im Alltag festigen.
Gefühle – Deutsch oder Russisch?
Bei der letzten Frage musste Elke nicht lange überlegen. Ihre Gefühle kann sie eindeutig leichter auf Deutsch ausdrücken.
Sie findet das allerdings etwas schade, denn sie wünscht sich, ihre Gefühle auf Russisch genauso gut ausdrücken zu können wie auf Deutsch. Besonders in der Kommunikation mit ihrer Familie wäre das für sie hilfreich.
Der Grund dafür liegt in ihrer Lebensgeschichte: Sie hat ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht, dort den Kindergarten und die Schule besucht, an einer deutschen Universität studiert und fast ihren gesamten Alltag auf Deutsch erlebt. Deshalb hat sie natürlich gelernt, ihre Gefühle vor allem auf Deutsch auszudrücken.
Unser Gespräch mit Elke hat uns gezeigt, dass Zweisprachigkeit viel mehr ist als die Fähigkeit, zwei Sprachen zu sprechen. Sprache ist eng mit Familie, Kultur, Erinnerungen und persönlichen Erfahrungen verbunden. Sie kann beeinflussen, wie wir kommunizieren, wie wir unsere Gefühle ausdrücken und sogar, wie wir uns selbst wahrnehmen.
Elkes Geschichte zeigt außerdem, dass eine Sprache nicht nur durch Lernen erhalten bleibt. Man muss sie leben, sprechen und regelmäßig hören. Manchmal braucht es dafür auch eine neue Umgebung. Für Elke ist das Leben in Kasachstan eine besondere Möglichkeit, ihre russische Sprache wieder stärker in ihren Alltag zu integrieren.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: zwei Sprachen können nicht nur zwei verschiedene Arten zu sprechen sein, sondern auch zwei wichtige Teile der eigenen Lebensgeschichte.























