Am 23. Juni hat die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Berlin eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 85. Jahrestages der Deportation der Russlanddeutschen organisiert. Möglich wurde diese Veranstaltung durch die Zusammenarbeit der Kulturstiftung mit der Landesgruppe Berlin der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.
Im Mittelpunkt stand Stalins Gewaltpolitik gegen die Russlanddeutschen, insbesondere die Deportationsbefehle von 1941 sowie ihre Vor- und Nachgeschichte. Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen der Betroffenen prägen bis heute das historische Bewusstsein vieler Spätaussiedler in Deutschland. Ebenso gilt das für die Deutschen in Kasachstan. Umso wichtiger ist es, dieses Thema offen anzusprechen und seine wissenschaftliche Aufarbeitung zu fördern.
Wie Verbände und Politik erinnern
Die Gedenkveranstaltung wurde von Reinfried Vogler, dem Ehrenvorsitzenden der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen für Wissenschaft und Forschung, eröffnet. Er erinnerte daran, dass deutsche Vertriebene aus der ehemaligen Sowjetunion lange am Rand der öffentlichen Wahrnehmung standen. Außerdem betonte er, wie wichtig es sei, diesem Thema mehr Raum zu geben und mit allen Teilen der Gesellschaft im Gespräch zu bleiben.
Anschließend sprach Walter Gauks in seiner Eigenschaft als Berliner Ansprechperson für Deutsche aus Russland, Spätaussiedler und Vertriebene. Er hob hervor, dass die Geschichte der Russlanddeutschen und der Deportationen in der Sowjetunion ein ebenso bedeutsamer Teil der deutschen Geschichte ist wie andere Kapitel. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Stadt Berlin zunehmend Gedenktage und kulturelle Veranstaltungen dazu unterstützt.
Stephan Mayer stellte als Mitglied des Bundestags, Präsident des Bundes der Vertriebenen und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Kulturstiftung in seinem Grußwort den Bezug zum 85. Jahrestag des Einmarschs der Wehrmacht in die Sowjetunion her. Er erwähnte den Beginn des Vernichtungsfeldzugs, in dessen Schatten auch die Deportation der Russlanddeutschen stattfand.
Historische Einordnung der Deportationen
Die Reihe der Fachvorträge eröffnete Prof. Dr. Manfred Kittel, wissenschaftlicher Leiter der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Er gab einen historischen Überblick über die Auftaktphase des Zweiten Weltkrieges – vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum deutschen Angriff im Juni 1941. Weiterhin wies er darauf hin, dass es sachlich falsch sei, Russland nicht mit Flucht und Vertreibung in Verbindung zu bringen. Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags waren die Deportationspolitik der sowjetischen Führung und ihre Konsequenzen.
Im Anschluss sprach Dr. Viktor Krieger vom Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland in Nürnberg über Ursachen, Anlässe und Verlauf der Deportation. Er ging ein auf die Bestrebungen der Wolgadeutschen zur Selbstbestimmung, auf demographische und gesellschaftliche Entwicklungen in der Wolgadeutschen Republik, auf die damals in weiten Landesteilen herrschende Hungersnot sowie auf damalige Verleumdungen und Spionagevorwürfe. Besonders eindrücklich zeigte er, wie dieselben Ereignisse in offiziellen öffentlichen Dokumenten und in geheimen Akten unterschiedlich dargestellt wurden.
Daran anknüpfend vertiefte Prof. Dr. Olga Litzenberger, ebenfalls vom Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland, die Darstellung der Deportationsverläufe. Sie machte deutlich, dass die Vertreibungen kein plötzliches Ereignis waren, das unerwartet am 28. August 1941 eintrat. Vielmehr handelte es sich um einen langfristigen, stufenweise organisierten Prozess, der sich je nach dem Herkunftsgebiet der Siedler über längere Zeiträume hinzog.
Litzenberger betonte, dass die Deportation nicht mit der Zwangsumsiedlung endete. Es folgten die Zwangsarbeit in der sogenannten „Arbeitsarmee“, die soziale Ausgrenzung, das Verbot, den Wohnort zu wechseln, und andere Formen der Diskriminierung. Ihr Vortrag, der sich stark auf Erinnerungen der Überlebenden stützte, war besonders emotional und bewegend.
Zeitzeugengespräch und Erinnerungskultur
Zum Abschluss der Veranstaltung fand ein Zeitzeugengespräch mit anschließender Diskussion über den Zweiten Weltkrieg und die Stellung der Russlanddeutschen in der deutschen Erinnerungskultur statt. Zur Sprache kamen sowohl alltägliche Perspektiven und persönliche Erlebnisse von Walter Gauks und Matthias Lempart als auch die historisch-wissenschaftliche Sicht von Prof. Dr. Horst Möller. Er war ehemals Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und deutscher Co-Vorsitzender der deutsch-russischen Historikerkommission. Auch Prof. Dr. Manfred Kittel nahm teil. Diese Kombination von persönlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Einordnung machte deutlich, wie eng individuelle Biografien und „große Geschichte“ miteinander verflochten sind.
Beim Blick auf das von zahlreichen menschenverachtenden Verbrechen geprägte 20. Jahrhundert bleiben wir im Geschichtsunterricht oft auf Distanz und verlieren uns leicht in Statistiken, Jahreszahlen und Akten. Doch hinter jeder Ziffer steht ein Mensch, ein Gesicht, eine Biografie.
Meiner Meinung nach fehlt es in der öffentlichen Erinnerung oft an persönlichen Perspektiven: an den Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und an den Geschichten der einzelnen Menschen, die zu Opfern dieser Politik wurden. Diese individuellen Erzählungen könnten mehr Empathie und Verständnis schaffen – und vielleicht dazu beitragen, so manchen Akt der Willkür und des Hasses in der Gegenwart zu verhindern.
Ich hoffe, dass der Mut jedes Einzelnen weiter zunimmt, einen Beitrag zur Erinnerungskultur zu leisten – sei es durch wissenschaftliche Arbeit, durch Gedenkveranstaltungen oder durch das Erzählen der eigenen Familiengeschichte.

























