Olga Stengler kam als junge Aussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland. Ihre Geschichte zeigt, warum Sprache, Bildung und der Mut, neue Wege zu gehen, entscheidend sind für den Erfolg in einem neuen Land.
In den 1990er Jahren herrschte in Kasachstan eine schwere Wirtschaftskrise. Trotz der Einführung des Tenge im November 1993 verlor das Geld weiterhin schnell an Wert, viele Menschen bekamen ihre Gehälter monatelang nicht ausgezahlt. Gleichzeitig wurde die zuvor generell kostenlose Bildung teilweise kostenpflichtig. Für die Familie von Olga Stengler war dies der Moment, über eine Auswanderung nach Deutschland nachzudenken. Da ihre Mutter Deutsche war, entschied sich die Familie, als Aussiedler nach Deutschland zu gehen.
Während die Unterlagen bearbeitet wurden, bereitete sich Olga auf ihr neues Leben vor. Da es damals noch keine speziellen Deutschkurse gab, studierte sie an der Pädagogischen Hochschule in Koktschetaw (heute Kokschetau) an der Fakultät für Fremdsprachen. Bereits im zweiten Studienjahr fanden viele ihrer Vorlesungen auf Deutsch statt. Auch zu Hause lernte die ganze Familie gemeinsam die neue Sprache. Olga unterstützte besonders ihre jüngere Schwester beim Lernen. Diese Vorbereitung half ihr später beim Start in Deutschland.
Heute rät Olga Stengler Familien mit Kindern, einen solchen Umzug sorgfältig zu planen. Nach ihrer Erfahrung ist es für Kinder häufig einfacher, wenn sie im Herkunftsland noch keinen Schulabschluss gemacht haben. Dann können sie leichter in das deutsche Schulsystem einsteigen und ihre Bildung in Deutschland fortsetzen. Ihre eigene Schwester kam mit nur geringen Deutschkenntnissen nach Deutschland und musste zunächst eine Klasse wiederholen. Doch gerade diese Entscheidung ermöglichte der Schwester, die Schule erfolgreich abzuschließen und später ihren beruflichen Weg zu gehen.
Bildung als Schlüssel für die Zukunft
Eine der wichtigsten Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben ist für Olga Stengler die Bedeutung von Ausbildung und Weiterbildung. In Deutschland entscheidet eine Qualifikation oft über die beruflichen Möglichkeiten und das Einkommen. Viele Aussiedler begannen nach ihrer Ankunft, zunächst in Fabriken zu arbeiten. Ohne eine abgeschlossene Ausbildung erhielten sie häufig nur den Mindestlohn – unabhängig davon, wie zuverlässig und engagiert sie ihre Arbeit machten.
„Ich empfehle jedem, keine Angst vor einer Weiterbildung oder einem Studium zu haben“, sagt Stengler. Sie kennt viele russischsprachige Menschen, die nach ihrer Ankunft zunächst Schwierigkeiten hatten, später aber eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben und heute erfolgreich im Berufsleben stehen.
Als Beispiel nennt sie ihre eigene Schwester. Trotz anfänglicher Sprachprobleme entwickelte diese sich beruflich weiter und erreichte schließlich eine verantwortungsvolle Position in einem großen Unternehmen. Für Olga Stengler zeigt dieser Weg, dass nicht der Akzent oder einzelne Sprachfehler entscheidend sind, sondern das anwendbare Wissen, das tägliche Engagement und die Fähigkeit, neue Aufgaben zu meistern. „Ab einem gewissen Punkt zählt nicht mehr der Akzent, sondern der Intellekt“, sagt sie.
Sprache und Integration
Nach vielen Jahren als Lehrerin kennt Olga Stengler die häufigsten Schwierigkeiten beim Deutschlernen. Viele Menschen besuchen Sprachkurse, bestehen Prüfungen und verfügen über ein bestimmtes Sprachniveau, können aber im Alltag trotzdem nicht frei sprechen. Sie kennen die Wörter und die Regeln, haben sie aber in einem echten Gespräch jedoch nicht schnell genug parat.
Ein weiteres Problem ist die Angst vor Fehlern. Viele Menschen haben Hemmungen, Deutsch zu sprechen, weil sie befürchten, etwas falsch zu sagen oder nicht verstanden zu werden. Diese Unsicherheit verhindert oft, dass sie ihre vorhandenen Kenntnisse anwenden und diese durch das ständige Anwenden verbessern können.
Auch die Art des Lernens spielt eine große Rolle. Viele Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind es gewohnt, Regeln und Vokabeln auswendig zu lernen. Nach der Erfahrung von Olga Stengler reicht das jedoch nicht aus. Sie meint, dass eine Sprache verstanden und praktisch angewendet werden müsse. Deshalb setzt sie in ihrem Unterricht auf eine Methode, bei der die Lernenden die Logik hinter der Sprache verstehen und von Anfang an animiert werden, das Gelernte aktiv zu praktizieren, also zu sprechen.
Zunächst lernte Olga Stengler das deutsche Bildungssystem als Grundschullehrerin kennen und schätzt besonders den dort geltenden Ansatz, Kinder zum selbstständigen Denken zu ermutigen. Lehrer seien hier weniger reine Wissensvermittler, sondern begleiteten die Kinder dabei, eigene Lösungen zu finden. Diese Idee überträgt sie auch auf ihren Unterricht für Erwachsene: Regeln werden nicht nur gelernt, sondern erklärt. Neue Wörter verbindet sie mit konkreten Situationen aus dem Alltag, damit sie besser im Gedächtnis bleiben.
Zwischen zwei Kulturen
Nach ihrer Ankunft in Deutschland bemerkte Olga Stengler viele Unterschiede im Alltag und in der Mentalität. Besonders auffällig war für sie der Umgang mit gemeinsamen Regeln. In Deutschland achten Menschen stärker darauf, dass das Verhalten eines Einzelnen auch Auswirkungen auf andere haben kann. Das führt dazu, dass sich viele stärker für ihre Umgebung verantwortlich fühlen.
Auch Freundschaften und soziale Kontakte unterscheiden sich. Unter Aussiedlern seien lange Treffen zu Hause mit gemeinsamem Essen, Gesprächen und Musik typisch. Mit deutschen Freunden treffe man sich dagegen häufiger bei Spaziergängen, im Café oder bei Veranstaltungen. Viele Treffen werden vorher geplant und vereinbart.
Auch beim Thema Geschenke gibt es Unterschiede. Während in vielen Familien aus der ehemaligen Sowjetunion Geschenke oft einen größeren materiellen Wert haben, sind in Deutschland kleine Aufmerksamkeiten üblich. Zu große Geschenke können sogar unangenehm sein, weil sich der andere verpflichtet fühlen könnte, etwas Gleichwertiges zurückzugeben.
Trotz dieser Unterschiede fühlt sich Olga Stengler heute in Deutschland zu Hause. Sie hat hier ihre berufliche Laufbahn aufgebaut, arbeitet als Grundschullehrerin und unterrichtet zusätzlich Erwachsene in Deutsch. Nach dreißig Jahren in Deutschland ist sie davon überzeugt, dass Integration vor allem Zeit braucht, aber sie betont auch, dass Sprache, Bildung, Eigeninitiative und Offenheit gegenüber der neuen Gesellschaft die wichtigsten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben sind.
Ihre Geschichte steht beispielhaft für viele Aussiedler aus Kasachstan, die nach Deutschland kamen und sich dort eine neue Zukunft aufgebaut haben. Sie zeigt, dass Integration kein einmaliger Schritt ist, sondern ein langer Prozess, der auch noch nach Jahrzehnten weitergeht.























