An einem Abend im Juli füllte sich die Q Gallery in Berlin mit einem Publikum, das mehr wollte, als nur Bilder zu betrachten. Im Rahmen der Ausstellung „Große Esser“ fand ein Künstlergespräch statt. Es führte tief in die Welt der Werke des kasachstandeutschen Künstlers Alexander Dik. Er ist ein Maler und Bildhauer, dessen Kunst sich in permanenter Spannung zwischen figurativer Abstraktion, körperlicher Direktheit und gesellschaftlicher Provokation bewegt. Die Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Marta Cassina, sprach mit dem Künstler über Idee und Entstehung der Serie seiner Werke. Gleichzeitig nutzte das interessierte Publikum die Gelegenheit, direkt Fragen zu stellen und in die Diskussion einzusteigen.

Um Alexander Diks Kunst zu verstehen, muss man seinen Lebensweg kennen – und der ist alles andere als geradlinig. Dik stammt aus einer wolgadeutschen Familie und wurde nach deren Zwangsumsiedlung in Kasachstan geboren. Anfang der neunziger Jahre kam seine Familie als Spätaussiedler nach Deutschland. Genauer gesagt, kamen sie nach Berlin-Marzahn, wo Alexander seine Kindheit verbrachte. Ein untrennbarer Teil seiner Geschichte ist dabei seine sportliche Karriere. Über ein Jahrzehnt lang stand er als aktiver Taekwondo-Kämpfer auf Wettkampfmatten.

Sein weiterer Weg führte ihn zunächst ins Lebensmittelgeschäft. Erst mit 35 Jahren entschloss er sich, ein Kunststudium zu beginnen. Ende 2024, kurz nachdem er sein Masterstudium abgeschlossen hatte, ernannte ihn sein Professor Andreas Amrhein zum Meisterschüler. Die Idee zur Werkreihe „Große Esser“ nahm bereits während seiner Studienzeit ihren Anfang. Mit ihr präsentiert Dik seine ganz eigene Kunstsprache, die, wie er selbst betont, auch von seiner wolgadeutschen Identität geprägt wurde.

„Ich male mit meinem Körper, nicht mit meinem Kopf“

Zutiefst überzeugt ist Alexander Dik von der Verbindung zwischen Körper und Leinwand: „Ich male mit meinem Körper, nicht mit meinem Kopf. Der Körper lügt nie …Ich fühle mich nicht frei, wenn ich weiß, was ich tue.“ Diese Überzeugung macht seine Kunstproduktion zu einem echten Abenteuer. Er malt mit den Füßen und versucht, seiner Kunst so eine körperliche Dimension zu verleihen.

Begeistert erzählt Dik, wie genau er arbeitet: Es ist ihm extrem wichtig, sich beim Malen von Gedanken und Mustern im Kopf zu befreien. Deshalb beginnt er mit zahlreichen Skizzen und kleineren Bildern. Erst wenn er sich bereits erschöpft fühlt, beginnt die eigentliche Arbeit. „Hier fängt die Malerei an“, so Alexander.

Marta Cassina zeigte sich zutiefst beeindruckt von seinen Werken und stellte zu ihnen zahlreiche Fragen. Besonders hob sie jene Details hervor, die ihr für seine Kunst wichtig und anspruchsvoll erscheinen. Vor allem hob sie die Formen und die Art, wie die Gesichter dargestellt sind, hervor: „Endloser Appetit, die Menschenfigur … Was sehen wir ganz genau? Ist es die Gesellschaft, die hier abgebildet wird? Ist es eine Kritik an dieser Gesellschaft?“

Alexander erklärt, sein Ziel sei es gewesen, einen Zustand abzubilden – ohne Vorurteil und ohne Klage. Immer wieder verweist er dabei auf seine Vergangenheit im Lebensmittelgeschäft, wenn er von seiner Erfahrung mit gierigen menschlichen Gestalten spricht.

Zugleich sucht er stets nach Wegen, die bislang niemand gegangen ist: Er verbindet unterschiedliche Kunstepochen, historische Bezüge und persönliche Erfahrungen miteinander. Das perfekte Bild interessiere ihn dabei weniger als der richtige Platz, den seine Werke in der Kunstwelt einnehmen können.

Von Orangen und Limoncello: die Baselitz-Verbindung

Die Kuratorin lenkte den Blick auch auf weitere Details – die Augen und die Münder. Marta verwies auf die Augen, die eine gewisse Spannung tragen, während die Münder derart malerisch aufgelöst sind, dass man in der Farbe und Form kaum noch unterscheiden kann, wo der Mund endet, wo das Essen beginnt und wo das Gesicht liegt. Sie verwies dabei auf andere Werke, auf denen ebenfalls Essende abgebildet sind – etwa auf Georg Baselitz und seinen „Orangenesser“.

Alexander erklärt, dass seine Werkreihe „Limoncello“ genau aus dieser Inspiration entstanden ist: dem „Orangenesser“ und dem Andenken an den erst vor wenigen Monaten verstorbenen Georg Baselitz. Das Bild dieser Obstart ist tief mit der europäischen Geschichte, der Kunstgeschichte und den traumatischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verknüpft. „Ich suche immer nach kontroversen Gedanken, Kontrasten und Auseinandersetzungen mit historischen Aspekten“, so Alexander Dik.

Kontrolle und Freiheit: Taekwondo trifft Leinwand

Auf die Frage der Kuratorin, wie er seine Bewegungen kontrolliert, wenn er mit den Füßen malt, erzählt Alexander, der in seiner Jugend als Taekwondo-Kämpfer aktiv war, dass ihm seine sportliche Vergangenheit zwar dabei helfe, seinen Körper zu kontrollieren – das Malen selbst sei jedoch etwas völlig anderes. Der Künstler solle nicht gegen seine Leinwand kämpfen, findet er. Er verrät zudem, dass er sehr schnell
malt – etwa 20 Minuten pro Bild: „Wenn man zu lange malt, macht dies das Bild tot.“

Bemerkenswert ist dabei, dass die Leinwände, die in der Ausstellung zu sehen sind, teils über zwei Meter messen und damit eine Größe haben, bei der Alexander während des Malens gar nicht genau erkennen kann, wie das Bild tatsächlich aussieht. Erst mit deutlichem Abstand zur Leinwand wird das Gesamtbild überhaupt sichtbar. Wie Alexander erzählt, fühle sich der Prozess deshalb manchmal wie ein blindes Malen an. Innerhalb dieser 20 Minuten kann er das Ergebnis seiner Arbeit kaum wirklich sehen.

„Ich bin sehr dankbar, dass gerade ich malen kann! Das ist nicht selbstverständlich, vor allem in diesen Zeiten voller Krisen“ sagt Alexander. Sein Weg in die Kunst war lang und alles andere als geradlinig – doch, wenn er von seinen Werken spricht, wirkt er zutiefst glücklich. Besonders aufgeregt wird er, wenn die Rede auf seine kommenden Ausstellungen in Südkorea und Kasachstan kommt: Südkorea ist für ihn komplettes Neuland, während die Ausstellung in Kasachstan eine Rückkehr in ein Land bedeutet, das er seit Langem nicht besucht hat. Die Schau „Vaterland“ findet in diesem Herbst im neuen Almaty Museum of Arts statt.

Wer selbst erleben möchte, wovon an diesem Abend die Rede war, sollte sich eine seiner nächsten Ausstellungen nicht entgehen lassen! Es ist eine einzigartige Gelegenheit, einen Künstler zu unterstützen, dessen Weg vielen unserer Leser:innen nur allzu bekannt klingen dürfte.

Darya Koppel

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